Glaube und Marktwirtschaft

von Roland Nickel

Stichwort: Babylon

Vor einiger Zeit fand ich in der Wirtschaftswoche1 einen kleinen Artikel mit der Überschrift „Vorbild Babylon“. Darin wurde von Mukesh Ambani (einem der reichsten Menschen der Welt) erzählt, der in Mumbai (ehemals Bombay) das teuerste Privathaus bauen würde. Es soll 173 Meter hoch sein, 27 Etagen haben und über eine Wohnfläche von 40.000 m² für ihn, seine Frau und seine drei Kinder verfügen. Einige Wochen später beschäftigte sich das Magazin Cicero2 unter der Überschrift „Dubai, Babel, Crash“ mit den Megabauwerken auf unserem Globus. Besonders faszinierte mich die Beschreibung des Burj Dubai, des höchsten Gebäudes der Welt. Der Burj soll 818 Meter hoch sein; er ist damit sechsmal so hoch wie der Kölner Dom, der im direkten Vergleich wie ein Spielzeug wirkt. Natürlich hat er die größten und schnellsten Fahrstühle. 194.000 Liter Wasser durchfließen das Gebäude jeden Tag, 17.000 Menschen halten sich dort auf. „Für die einen ist er der zu Stein gewordene Größenwahn, der moderne Turmbau zu Babel, das Emblem der Geld- und Gierjahre. Für die anderen ist er ein Meisterwerk menschlicher Intelligenz und Baukunst“, so wird im Cicero das Bauwerk bewertet.

Mit dem Turmbau zu Babel in der Urgeschichte der Menschheit hatte alles begonnen. Schon damals wollten die Menschen einen Turm bauen, „der bis in den Himmel reicht – ein Denkmal unserer Erhabenheit“ (Gen 11,4, Neues Leben). Seitdem ist Babel (Babylon) ein Sinnbild für die menschliche Hybris, ein Symbol für das Streben des Menschen, von Gott unabhängig zu sein. In der ganzen Bibel lesen wir von diesem Kontrast zwischen Gott und Babylon, das als Sinnbild der antigöttlichen Mächte dargestellt wird. Der Prophet Jesaja zeigt die Einstellung, die typisch ist für „babylonisches Denken“. Er lässt den König von Babel sagen: „Ich werde zum Himmel aufsteigen und mir einen Thron über den Sternen Gottes machen ... Ich werde in die Wolken aufsteigen und mich dem Höchsten gleichmachen“ (Jes 14,13.14, Neues Leben).

Die Vorstellung des Menschen, sich an die Stelle Gottes zu setzen, begegnet uns in vielen Bereichen des Lebens, natürlich auch in den Finanzmärkten. Von einem der besten Investmentbanker, Edson Mitchell, wird erzählt, dass er bei einer Vorstellungsrunde auf dem Börsenparkett gesagt habe: „Ich bin Gott.“ Und über den ehemaligen Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, wird gesagt: „Das ist weniger ein Notenbanker, sondern eher ein Gott.“3 All das drückt das Selbstverständnis der Akteure in der Finanzwelt aus. Investmentbanker sehen sich als „Meister des Universums“. Sie sind in der Lage, mit ihren Milliardentransaktionen das Schicksal von Regierungen und Unternehmen zu bestimmen. Es ist die Vorstellung, mit Geld könne man alle Probleme lösen. „Geld regiert die Welt“, heißt es. Aber die Finanzmarktkrise zeigt uns auch: Diese „Geld-Regierung“ dient nicht zum Besten der Menschen auf dieser Welt. Die Ungerechtigkeit ist groß: Es werden milliardenschwere Prestigeobjekte gebaut und gleichzeitig lebt knapp eine Milliarde Menschen im Hunger. Die Finanzakteure gehen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Die Kumulation von Kapital bei relativ wenigen Menschen auf der Welt hat zugenommen, die Armut wird immer größer. Möglicherweise wird es als Folge der Krise einige neue Regelungen und Gesetze für die Finanzmärkte und Banken geben, die das ganze System zukünftig vor Exzessen bewahren sollen. Der Egoismus des Menschen, die Gier nach Reichtum, Macht und Stärke wird dadurch wohl kaum einzudämmen sein. Die Faszination Babylons wird bis ans Ende der Weltzeit nicht verloren gehen. Es ist letztlich der Glaube, durch Geld und durch den Machbarkeitswahn sich selbst die Erlösung zu schaffen.

Aber dieses Treiben geht einem Ende entgegen. In der Offenbarung des Johannes wird der Untergang Babylons als Gerichtshandeln Gottes beschrieben: „Und die Herrscher dieser Welt, die sich mit ihr [Babylon] eingelassen haben und mit ihr im Überfluss schwelgten, werden um sie trauern ... In einer einzigen Stunde ist der gesamte Reichtum der Stadt [Babylon] verschwunden“ (Offb 18,9.17, Neues Leben). Das ist die gute Nachricht, Trost und Hoffnung für die Armen und Schwachen, für die Benachteiligten in unserer Welt, für die, die keine Chance haben. Gegen die Hybris und Selbstgerechtigkeit Babylons gibt es nur eine Alternative: den Glauben an Jesus Christus und sein Reich, das auf das Prinzip der Liebe gegründet ist.                       

1 Wirtschaftswoche Nr. 46 vom 10.11.2008, S. 18.

2 Cicero 1/2009, S.108 ff.

3 Ulrich Schäfer, Der Crash des Kapitalismus, Frankfurt 2009, S. 90, 148.

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