Gedanken zur Reformation
|
Der Reformationstag wird von der evangelischen Christenheit gefeiert, um an die große Kirchenreform durch Luther zu erinnern. Es geht also um die Religion und ihre Reform. Was ist Religion?Der Soziologe Niklas Luhmann stellt grundlegend fest, dass Religion es mit dem niemals Wahrnehmbaren zu tun hat und darum die Grundlage Diesseits – Jenseits aufweist. Religion bestätigt demzufolge eine zweifache Wirklichkeit: Einerseits gibt es die diesseitige Welt, in der sich auch die sichtbare Religion befindet, andererseits die unsichtbare, jenseitige. Indem sie sich an das Jenseitige, Göttliche bindet, beansprucht sie auch ihre Verknüpfung mit dem Absoluten. Dies wird problematisch, wenn sie einen zweiten Grundsatz für ihre Mitglieder aufstellt: Wahrheit und Irrtum. Jetzt beansprucht sie, absolute göttliche Wahrheit zu besitzen und zu verwalten. Endgültig verhängnisvoll wird es, wenn sich die Religion zusätzlich mit der politischen Macht verbindet. Dann erzwingt sie von ihren Mitgliedern, und das kann ein ganzes Volk oder ein ganzer Kontinent sein, sich dieser absoluten Wahrheit zu unterwerfen, sie zu glauben und zum Inhalt des ganzen Lebens zu machen. Wenn sich die Bindung an ein Absolutes, der Wahrheitsanspruch und die Macht in der Religion miteinander verknüpfen, entsteht in der Regel eine Religionsstruktur, die sich wie folgt beschreiben lässt: Zunächst wird eine Mauer gezogen, die die eigenen Mitglieder von allen anderen Menschen trennt. Innerhalb der Mauer entwickelt sich ein System absoluter Gewalt. An der Spitze steht eine Machtelite, die ein System von Unterwerfung hervorbringt. Sie schafft zunächst ein Ordnungssystem von Verordnungen und Gesetzen, die für alle verpflichtend sind. Um diese durchzusetzen, wird ein Kontrollsystem eingerichtet, das alle Mitglieder lückenlos kontrolliert, und zwar mit einem Heer von Spitzeln. Die Bestrafung erfolgt durch periodisch wiederkehrende „Reinigungen“. Je nach Größe des totalen Systems kann die Zahl der Opfer sehr hoch sein. So brachte Stalin nach russischen Schätzungen bei seinen „Reinigungen“ etwa 30 Millionen Sowjetbürger um, Mao Tse Tung vermutlich 60 Millionen Chinesen. Wir merken, dass auch politische Systeme religiöse Strukturen annehmen, sich die Menschen unterwerfen und regelmäßig die Gesellschaft „reinigen“ können. Schließlich ist ein viertes Charakteristikum des totalen religiösen Systems das Ansammeln von Besitz und Reichtum, Prunk, Glanz, von Bürokratien, Waffen und technischen Apparaten usw. Das alles wird beherrscht durch den Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen, der sich jeder fügen muss. Die Wahrheit zu haben, erlaubt den Herrschenden nicht nur die Leiber, sondern auch den Geist und die Seelen der Menschen zu beherrschen. Und weil die absolute Religion Absolutheit von Wahrheit und Macht beansprucht, löst sie sich von den sittlichen Bindungen und handelt willkürlich – und häufig grausam. Das also ist die Struktur der absoluten Religion nach innen. Außerhalb der errichteten Mauer existieren die anderen, die anders sind, Feinde, und zwar böse. Dort draußen ist „die Achse des Bösen“. Diese Feinde müssen bekämpft und unterworfen werden, damit sie durch Zwangsbekehrung Mitglieder des Systems werden. Diese Konfessions- und Religionskriege, die Folterung und grausame Hinrichtung von Millionen von Menschen in den Religionen der Welt, im Islam, im Christentum, in den alten mittelamerikanischen Kulturen, in den magischen Kulturen Afrikas usw. macht es heute so vielen Menschen schwer, an Gott zu glauben und sich einer Kirche anzuschließen. Die Reform der Religion durch LutherAls ich in meiner Jugend in München an der Universität studierte, schätzte ich besonders Franz Schnabel, Professor für Neuere Geschichte. Er stellte 1952 in seiner Vorlesung über die absolute Herrschaft folgende Kirchenstruktur für das Späte Mittelalter dar: Die spätmittelalterliche Kirche hatte drei Herrschaftselemente entwickelt. 1. Die Kurie war das Verwaltungs- und Machtzentrum der Kirche. Sie hatte die Konzilien, die Vertretungskörperschaften der Bischöfe und Äbte, entmachtet und alle Macht auf die Kurie übertragen. 2. Durch das System von Bußen und Ablässen wurden die Völker Europas ausgebeutet und dadurch ungeheure Reichtümer in Rom konzentriert. (Zu erwähnen ist, dass Rom und Mittelitalien ein päpstlicher Staat waren.) 3. Durch die Inquisition wurden alle Menschen, die von der kirchlich erklärten Wahrheit abwichen, gefoltert und verbrannt. Die katholische Forschung schätzt die Zahl der Opfer auf zwei bis vier Millionen Menschen, nichtkatholische Forscher kommen zu höheren Zahlen, was bei der damaligen dünnen Besiedlung ein hoher Prozentsatz war. Europa hatte zwischen 1100 und 1650 eine wechselnde Bevölkerung zwischen 50 und 100 Millionen. Gegen dieses kirchliche Unterdrückungssystem und vor allem gegen das Ausbeutungssystem wandten sich insbesondere die deutschen Fürsten. Seit dem Konzil zu Konstanz 1414–1418 wurde innerhalb der Kirche der Ruf nach Reformen laut. Auf allen Reichstagen beschwerten sich die deutschen Fürsten über die römische Ausbeutung (die „Gravamina der Deutschen Nation“) ihrer Untertanen. Dies war also der geschichtliche Hintergrund für Luthers Reformation: die Verweltlichung der Kirche und der schon hundert Jahre währende Ruf nach Reformen innerhalb der Kirche und durch die Fürsten. Franz Schnabel betonte, dass Luther eigentlich keine Reformation der Kirche wollte, sondern ihr eine neue Theologie durch die Wiederentdeckung des Evangeliums gab. Was lehrte Luther? Zunächst befreite er die Menschen von der Unterwerfung unter die Kirchenherrschaft. Er macht sie zu freien Menschen. Jeder Gläubige sollte nach eigenem Wissen und Glauben seinen Weg zu Gott finden und gehen. Also verschaffte nicht mehr die Kirche den Gläubigen das Heil, sondern sie selber in ihrer Freiheit erhielten es durch den eigenen freien Zugang zu Gott. Dafür war es notwendig, dass jeder die Bibel lesen konnte. Deshalb übersetzte er die Bibel in eine verständliche deutsche Sprache. Diese förderte die Gründung von Volksschulen durch die Landesfürsten, wo alle Kinder lesen, schreiben und rechnen lernten. Jeder sollte selber das Evangelium lesen können und dadurch einen begründeten, selbstständigen Glauben gewinnen. Damit schuf Luther einen neuen Grundsatz für das, was wahr ist: Evangelium oder Nicht-Evangelium. Seit Luther ist der Maßstab für das, was christliche Kirche ist, nicht mehr wahr oder nicht wahr, sondern Evangelium oder Nicht-Evangelium. Warum ständige Reformation?Heute verzichten alle christlichen Kirchen, zumindest praktisch, auf den Anspruch auf absolute Wahrheit und auf politische Macht. Aber wenn eine Kirche groß ist (das gilt auch für kleine Kirchen), steht sie in der Gefahr, für sich die absolute Wahrheit zu beanspruchen. Dann sollten wir ihr widersprechen. Und wenn eine Kirche politische Macht anstrebt, sollten wir ihr entgegentreten. Der Maßstab für unser Handeln ist das Evangelium. Darum ist es unsere Aufgabe, das Evangelium immer wieder neu zu entdecken. Das Evangelium als MaßstabDas Evangelium finden wir am klarsten in den Berichten über das Leben, die Lehren und das Handeln Jesu im Neuen Testament. Für unser Leben hat Jesus uns das Maß seines Handelns genannt: liebe Gott aus vollem Denken, Fühlen, Erleben und Tun. Aus dieser freien, liebenden Beziehung zu Gott schöpfen wir die Kraft, die Liebe auch den Mitmenschen zuzuwenden. Dabei muss aber unser Selbstsein bewahrt bleiben. Für unsere Existenz ist jedoch entscheidend, dass Jesus die Kluft zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben hat, eine Spaltung, die Luhmann für die Religion als typisch ansah. Er, der Sohn Gottes, wurde Mensch. Das Jenseits nahm Diesseits an. Jesus band das Jenseits ans Diesseits, sodass Gott zu einem nahen Gott wird, der nicht mehr an Tempel, Kirchen oder heilige Orte gebunden, sondern jedem Einzelnen unmittelbar nahe ist. Jetzt wird das freie Liebesverhältnis zu Gott möglich. Die Liebe Gottes zu mir und meine Liebe zu Gott bilden eine Einheit. Als Jesus nach seinem Tod und seiner Auferstehung vom Tod zum göttlichen Leben zurückkehrte, nahm er seine Menschlichkeit in die Gottheit mit hinein. Dadurch band er nun auch existenziell das Diesseits an das Jenseits. Ist Gott durch Jesus in die Welt eingegangen, so geht jetzt mit Jesus die Menschheit in Gott ein. So wird meine Existenz an Gott gebunden und Gottes Sein an meines. Das ist der innerste Kern des Evangeliums. Wenn nun das Evangelium diese ganz und gar persönliche Einheit von Gott und mir ist, wozu gibt es dann noch die christliche Kirche? Zunächst ist es vielleicht wichtig zu sagen, wozu sie nicht da ist: um uns zu beherrschen, weder körperlich noch unsere Gefühle oder Gedanken. Sie vermittelt auch nicht zu Gott. Vielmehr ist die Kirchgemeinde die freie Versammlung der Gläubigen, die sich das Evangelium immer wieder bewusst machen und einander ermutigen zu einem christlichen Leben. Dies hat große Auswirkungen auf unseren ganz persönlichen Lebensentwurf. Wir Menschen brauchen eine Bindung, wie Goethe sagte, an das, was über uns ist. Ohne solch eine Verknüpfung mit Gott ist es schwierig, einen bleibenden Lebenssinn zu finden. Ich möchte ermutigen, sich immer wieder neu mit dem Evangelium zu beschäftigen, denn es ist behilflich zu einem sinnvollen und glücklichen Leben. |
|
|
