Ist Gott gut?
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Welch eine Frage!, mag vielleicht mancher denken. Genauso könnte man auch fragen: Ist Wasser nass? Sind Schimmel weiß? Schmecken Erdbeeren süß? Wenn es (einen) Gott gibt, dann ist er per definitionem auch gut, denn mit diesem Wort bezeichnen Gläubige aller drei monotheistischen Religionen das eine höchste Wesen, den Schöpfer und Erhalter der Welt, und der ist von seinem ureigensten Wesen her barmherzig und gnädig, gerecht und gut (Ps 25,8; 86,5). „Niemand ist gut als Gott allein“, antwortete Jesus auf die Frage eines jungen Mannes nach dem, was gut ist. „Gut ist nur Einer.“ (Mt 19,17; Mk 10,18) Andere Religionen kennen mehrere bzw. viele Gottheiten, die für die verschiedensten Lebensbereiche zuständig sind. Im Parsismus, der Religion Zarathustras, unterschied man in dualistischer Denkweise zwischen dem guten Gott Ahura Mazda und seinem Widersacher Ahriman. Ein böser Gott …? So weit werden Christen nicht gehen wollen – obwohl Satan, der biblische Gegenspieler Gottes, von manchen ähnlich viel Aufmerksamkeit erhält wie Gott selbst. Will man Satan nicht pauschal alles Böse in der Welt in die Schuhe schieben, kommt man an Aussagen wie der folgenden nicht vorbei: „Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir … der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der das alles tut.“ (Jes 45,6.7; vgl. Am 3,6) Ist Gott also doch selbst für das Böse verantwortlich – oder schaut er „nur“ tatenlos zu, wie Satan unaussprechliches Unheil auf der Erde anrichtet? Doch entbindet ihn das von seiner Verantwortung, wenn er doch – wie die jüdisch-christliche Tradition übereinstimmend lehrt – allmächtig und liebevoll zugleich ist und somit dem Bösen jederzeit Einhalt gebieten könnte? Ein allmächtiger Gott ohne Liebe wäre nicht wirklich gut, und ein liebevolles Wesen ohne die Fähigkeit, seine gute Absicht durchzusetzen, wäre nicht wirklich Gott. Wie man es auch dreht und wendet – das Problem erweist sich als schwieriger, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Wie ein guter Gott Böses zulassen kann, ist eine Frage, die von Abel bis Auschwitz (und weiter) reicht. Sie stellt das größte intellektuelle Glaubenshindernis überhaupt dar. Will man vorschnelle und allzu vollmundige Behauptungen über Gott – den oder das vollkommene Gute – vermeiden, empfiehlt sich die via negativa, also der Ausschluss dessen, was wir nicht meinen, wenn wir sagen: „Gott ist gut.“ Dazu gehören die folgenden Aussagen. Gott ist gut – was das nicht heißt... das Leben ist fair und gerechtDie erfahrbare Wirklichkeit lässt diesen Schluss oft nicht zu. Anders als die Freunde Hiobs zu wissen meinten, bekommen im Leben längst nicht alle, was sie verdienen – weder im Guten noch im Schlechten. Schon der Psalmdichter wusste um die Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten des Lebens und die daraus erwachsenden Anfechtungen für den Glauben. „Ich aber hätte beinahe an ihm gezweifelt, fast hätte ich den Glauben aufgegeben. Denn ich beneidete die überheblichen Menschen: Ihnen geht es gut, obwohl Gott ihnen völlig gleichgültig ist. Selbstsicher und sorglos leben sie in den Tag hinein, ihr Vermögen und ihre Macht werden immer größer.“ (Ps 73,2.3.12 Hoffnung für alle) Die einseitige und ungerechte Verteilung von Macht, Besitz, Geld und anderen Gütern dieser Erde stellt ein himmelschreiendes Unrecht dar und muss eigentlich jedem anständigen Menschen die Zornesröte ins Gesicht treiben. Während eine kleine Schicht Privilegierter im Luxus nahezu ertrinkt, leben unzählige andere in bitterster Armut und unter unsäglichen Bedingungen. Auch der Glaube schützt nicht vor solchen und anderen Unrechtserfahrungen. ... alles, was Gott zulässt, ist gutEs mag vielleicht gut gemeint sein, wenn man andere angesichts von persönlichen Schicksalsschlägen mit dem Gedanken trösten will, was ein liebender Vater-Gott zulasse, müsse ja wohl gut sein. Doch wird damit nur beschönigt, was in Wirklichkeit oft unschön, manchmal sogar unerträglich, unverständlich, ja geradezu sinnlos ist. Abgesehen von dem unterschwelligen Vorwurf: „Stell dich nicht so an! Ist doch alles nicht so schlimm!“, wird damit in unverantwortlicher Weise Böses zu Gutem (v)erklärt (vgl. Jes 5,20). Wenn Paulus schreibt, dass „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Rö 8,28), will er die dunklen Seiten des Lebens nicht mit frommen Worten übertünchen, sondern seine Gewissheit zum Ausdruck bringen, dass auch die schlimmsten Erfahrungen Gott nicht daran hindern können, seine gute Absicht mit uns Menschen zu verwirklichen. Dass selbst das Böse unter den Augen eines weisen Gottes letztendlich zum Guten beitragen kann, nimmt ihm nichts von seiner Bosheit, wohl aber seine Glauben zerstörende Kraft. Josefs Erfahrung in Ägypten ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um … am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ (Gen 50,20) ... Gott tut niemandem etwas zuleideWenn die Autoren der Bibel das Wesen und Handeln Gottes beschreiben, betonen sie häufig seine große Liebe und Langmut gegenüber den Menschen. Gleichzeitig scheuen sie sich nicht davor, vom Zorn und Strafgericht Gottes zu schreiben. Dabei geht es ihnen nicht um die Ausgewogenheit zwischen „Zuckerbrot und Peitsche“, sondern um die Achtung vor der Heiligkeit Gottes, die Sünde nicht ertragen kann und zugleich einen Weg sucht (und findet), um die Sünder zu retten. Wo Menschen von ihrer Schuld nicht lassen wollen, sich gar mit ihr identifizieren, da trifft sie das Urteil Gottes über alles Böse und Sündige. Von der Genesis bis zur Apokalypse, im Alten wie im Neuen Testament, bei Propheten und Aposteln, ja bei Jesus selbst – überall begegnet uns ein Gott, dessen Heiligkeit sowohl verzehrendes Feuer als auch reinigende Glut bedeutet. Diese Einheit von Gericht und Gnade mag dem heutigen Empfinden nicht voll entsprechen, sie gehört aber durchaus und durchweg zur biblischen Sicht vom „guten“ Gott. „Gott ist gut …“Würde sich unsere Rede von Gott darin erschöpfen, die via negativa zu beschreiben, dann stünde an ihrem Ende das absolute Schweigen – wir müssten verstummen. Doch das kann nicht die eigentliche und höchste Aufgabe der Theologie sein, ist sie doch gerufen, von Gott zu reden – ja, zu singen. „Gott loben, das ist unser Amt“, singt der Liederdichter. Es geht dabei aber nicht darum, mithilfe von unschlagbaren Argumenten, bestechender Logik oder atemberaubenden Erfahrungen zweifelsfrei zu beweisen, dass Gott gut ist. Schließlich sind die Menschen, die an Gott glauben, nicht zu seinen Anwälten, sondern als seine Zeugen berufen. Was also dürfen Glaubende über Gottes Gutsein sagen und singen? Gott meint es gut„Tu ein Zeichen an mir, dass du’s gut mit mir meinst“, betet David (Ps 86,17). Den verbannten Juden in Babylon schrieb der Prophet Jeremia einen Brief, in dem er sie im Namen Gottes ermutigte: „Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, werde euch Frieden schenken und euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung.“ (Jer 29,11 Hoffnung für alle) Der Gott Israels meint es gut mit seinem Volk. Als der „Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (1 Pt 1,3) meint er es auch gut mit der Gemeinde, ja mit allen Menschen. An Gott zu glauben heißt an seine gute Absicht zu glauben. Und das umso mehr, als Jesus selbst am eigenen Leib Leid erlebt und für bzw. mit uns getragen hat. Gott macht es gutDie Erfahrung zeigt: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Doch Gott hat in Christus die Menschen mit sich versöhnt, Frieden geschaffen, Heil gebracht. Wer das erkennt, der weiß: Wie über der Schöpfung ein „Gut gemacht!“ stand, wie Jesus „Es ist vollbracht!“ ausrief, so kann von der zukünftigen Vollendung gesagt werden: „Alles wird gut!“ Dann – erst dann – wird das bis heute ungelöste Theodizeeproblem – die Frage nämlich, ob Gott angesichts der Wirklichkeit dieser Welt tatsächlich und ohne Einschränkung „gut“ und „Gott“ zu nennen ist – seine letzte, jeden Zweifel ausräumende Antwort finden. „Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt.“ (Ps 57,3) Gott ist gutAus meinen Kindertagen ist mir ein Lied mit folgendem Refrain in Erinnerung haften geblieben: „Gott ist gut, wir sind seine Kinder, Gott ist gut, lasset’s uns auch sein.“ So schlicht dieser Kehrvers auch klingt, so tiefgründig ist die Einsicht, die darin zum Ausdruck kommt. Mag auch manches im Leben unfair und ungerecht, ja sinnlos erscheinen, mag uns zuweilen Angst vor dem heiligen Gott beschleichen und das Vertrauen in seine Güte ins Wanken bringen – der Glaube singt wie ein Vogel, wenn die Nacht noch dunkel ist: „Gott ist gut!“ |
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