"Gott ist wie ein richtig guter Papa..."
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Seit ich die Volxbibel in die Hände bekommen habe, lese ich sie ab und an mit meiner Frau zu unserer persönlichen Andacht. Viele Formulierungen berühren uns und wir merken, wie Aussagen der Bibel bei uns in die Tiefe gehen. Unser Gottesbild wurde bestätigt und vertieft. Besonders hat uns Mt 6,6 angesprochen: „Wenn du aber mit Gott reden willst, dann hock dich in deine Bude, mach die Tür hinter dir zu und quatsch dich mit ihm aus. Gott ist wie ein richtig guter Papa, der weiß genau, was in dir abgeht, er wird dir helfen können.“ Gott wie ein richtig guter Papa! Folgende Gedanken zeichnen ein Gottesbild, das mir persönlich neue Perspektiven eröffnet hat. Und durch meine Aufgabe als Pastor führten manche Begegnungen zum entspannten Umdenken, zu einer neuen Liebesbeziehung Gott gegenüber. In der Zeit, in der wir leben, gibt es verstärkt die Frage nach Gott. Als sich um 1840 Darwin aufmachte, hinter das Geheimnis der Entstehung des Menschen zu kommen, gab es auch unter den Christen einen revolutionären Aufbruch. Entsetzen und Begeisterung wechseln sich ab; ein neues Fragen beginnt: Wie sieht das aus mit Gott? Welche Rolle spielt er als Schöpfer? Hat er den Menschen aus Erde geformt oder hat er eine Entwicklung angestoßen? Nach der neuesten repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (Bodensee) glauben 63 % der Bevölkerung Deutschlands, dass Menschen und Affen einen gemeinsamen Vorfahren haben. Welche Rolle spielt Gott im Weltgeschehen? Welche in meinem ganz persönlichen Leben? Diese Fragen habe ich mir persönlich gestellt und mit manchen diskutiert. Je älter ich werde, umso einfacher sehe ich auch die Theologie. Für mich zählen in der Frage nach meinem Ursprung drei wichtige Erkenntnisse: 1. Gott hat mich gewollt! 2. Gott hat mich gemacht! 3. Gott liebt mich und will mich ewig bei sich haben! Von dieser Basis aus schaue ich mein Leben und mein Umfeld an. Wenn ich die Berichte der Bibel im Zeitraffer betrachte, dann entdecke ich, was das wichtigste Anliegen Gottes ist. Es geht darum, dass Gottes Liebe und Zuneigung zu seinen Geschöpfen von uns Menschen verstanden werden kann. Ich war in der Gefahr, das Detail mehr zu berücksichtigen und zu diskutieren, als das Hauptsächliche zu entdecken und anzuschauen. Jesus kam in eine Gesellschaft, in der er das Denken vieler Menschen und besonders der Geistlichkeit als auf Leistung ausgerichtet angetroffen hat. Das führte unweigerlich zu der Überzeugung, dass Gott fordernd ist. Wenn ich es richtig mache, dann ist Gott gut zu mir; mache ich es falsch, habe ich das Problem, dass sich Gott von mir abwendet. Dieses Problem wiederholt sich durch die ganze Menschheitsgeschichte. Jesus bringt sein Anliegen auf den Punkt: „Gott ist wie ein richtig guter Papa“ (Zitat aus der Volxbibel). Kann, ja darf ich das so sehen und verankern, in meinem Denken, meinen Gefühlen, meinem Entscheiden? Das war lange mein Fragen. Als Jesus wieder in den Himmel gegangen war, da versuchten die ersten Christen, Gemeinschaft so umzusetzen, dass Beziehungen untereinander entstehen können. Sie trafen sich in Hauskreisen, aßen miteinander und dachten immer wieder an das mit Jesus Erlebte, indem sie während des Essens einen Moment verweilten und ein Stück Brot und einen Schluck Wein zu sich nahmen. Sehr bald, und das ist wohl in uns Menschen verwurzelt, wurden natürliche Handlungen – wie das Abendmahl – zu einem religiösen Dogma festgeschrieben. Das bedeutet soviel wie unabänderlich machen, die Form und den Inhalt wahren, festhalten, zu einem Heilsgeschehen – also heilsnotwendig – werden lassen, um in letzter Konsequenz auf die neue Erde zu kommen. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt im 4. Jahrhundert, wo begonnen wurde, das christliche Leben zu institutionalisieren; weg vom Natürlichen, hin zu religiösen Forderungen. Der Klerus (die gelehrte Geistlichkeit) wurde von den Laien (dem unwissenden Volk, den unwissenden Gemeinde-/Kirchengliedern) unterschieden. Das Bild von Gott veränderte sich. Die Institution Kirche bestimmte, wie Gott ist, wie er handelt, wie er über den Menschen entscheidet. Eine persönliche Beziehung zu Gott wurde auf den Priester übertragen, der eine Vermittlerrolle spielt, da ja der einzelne Gläubige unwissend und dadurch unheilig ist und kein Recht hat, den direkten „Draht“ zu Gott zu halten. Jesus: „Wenn du aber mit Gott reden willst, dann geh in dein Zimmer, mach die Tür hinter dir zu und rede, wie es dir ums Herz ist.“ Eine intimere Beziehung zu Gott gibt es wohl nicht. Jesus weiß, dass jeder diese Nähe zu Gott braucht. Ich mache einen geschichtlichen Sprung in das 19. Jahrhundert. In dieser Zeit konzentrierten sich manche Christen wieder auf die Bibel, obwohl doch seit Martin Luther die Bibel für jeden zugänglich gewesen war. Doch hat es lange gebraucht, bis dies beim Einzelnen ankam. Einige Christen begannen im 19. Jahrhundert auszurechnen, wann Jesus wiederkommen wird. Und wieder wurde festgelegt und die Enttäuschung – auch über Gott – war programmiert. Das 19. Jahrhundert brachte den Aufbruch des Perfektionismus. Ein Merkmal für ein perfektes Leben ist die Wertung: richtig oder falsch! Das hat sich in christlichen Gemeinschaftskreisen – auch in unserer Kirche, die ja in dieser Zeit entstand – eingenistet. Ich kann mich an viele Situationen in meiner Kindheit und Jugend erinnern und erlebe es bis in die heutige Zeit, dass das Fragen nach „richtig“ und „falsch“ zu langwierigen und frustrierenden Diskussionen führt. Mache ich es richtig, ist mein Leben mit Gott in Ordnung. Mache ich es falsch, dann ist mein Verhältnis zu Gott in Frage gestellt. Was ich lange nicht realisiert habe, war der Gedanke, dass es ja Personen geben muss, die eine Norm festlegen. Auch wenn sie sich auf die Bibel berufen, ist es letztlich doch ihre Sicht, ihre Meinung. Im Zusammenhang mit dem Sabbat z.B. wird immer noch diskutiert, was ich an diesem Tag machen darf und was nicht. Orientierung für solche Diskussionen sind Aussagen des Alten Testamentes. Die Sabbattheologie des Neuen Testamentes – von Jesus selbst so ausgesprochen – heißt: „Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,27 Hoffnung für alle). Nach der Volxbibel: „Der Sabbat ist doch als ein besonderer Tag für den Menschen geplant gewesen. Es sollte kein Nervtag für ihn sein.“ Mit anderen Worten: Gott beschenkt uns mit einem Tag, an dem wir zur inneren und oft auch äußeren Ruhe kommen können. Und das, was für ihn Ruhe und Erholung bedeutet, entscheidet jeder für sich. Keine Institution der Welt kann bestimmen, wie ich Ruhe und Entspannung finde und erlebe. Dass wir miteinander Gott feiern, uns begegnen und Freude miteinander austauschen, hat seine Bedeutung. Doch Diskussionen über richtig und falsch haben dabei keinen Platz. Meine Intention heute – diese setze ich der Wertung richtig oder falsch entgegen – ist die Frage: Was schadet mir und was bereichert mich? Ich möchte ein weiteres Bild mit hineinnehmen. Als die Hebräer Ägypten verlassen konnten und begannen, sich zu einem Volk zu formieren, bot Gott ihnen Lerneinheiten an, damit sie mit Freiheit umgehen und selbstständig über ihr Vertrauensverhältnis zu sich selbst, zu Gott und ihren Mitmenschen entscheiden konnten. Es war für sie ein schwieriger Prozess, mit Freiheit umzugehen, wo viele Generationen vor ihnen in Unfreiheit leben mussten. Gott versuchte ihnen zu erklären, was es heißt, einen Gott zu haben, der der Einzige ist, und dass alle anderen Götter von Menschen gemacht sind. Zwei Worte wurden benutzt, um die Einmaligkeit Gottes bewusst darzustellen: die Worte „rein“ und „unrein“. In allen Lebensbereichen wurden sie eingesetzt: körperliche Reinigung, Verhalten bei Krankheiten, Nahrung, Kleidung, Wohnung, Mitmenschlichkeit. Diese beiden Worte sollten demonstrieren, dass der, der sich daran hält, auf Gottes Seite steht. Solidarität mit Gott und mit denen, die ihre Entscheidung auch für Gott getroffen haben: Dafür stand das Wort „rein“. Wer sich dagegen aussprach, auf den wurde das Wort „unrein“ angewandt. Als mit Jesu Kommen eine neue Zeit anbrach und ein für alle Mal feststand, dass jeder mit Gott ewig leben wird, der sein Opfer, das er für uns Menschen brachte, annimmt, verloren die Begriffe rein und unrein ihre Wirkung. In Mk 7,19 sagt Jesus – und er bezieht es in diesem Zusammenhang auf das Essen; es ist aber auf alle Lebensbereiche anzuwenden: „,Denn was ihr esst, geht nicht in euer Herz hinein; es kommt in den Magen und wird dann wieder ausgeschieden.’ Damit wollte Jesus sagen, dass im Grunde jede Nahrung rein ist.“ (Hoffnung für alle) Essen, Trinken, Kleidung, Sauberkeit uvm. hat nichts mit unserem ewigen Leben zu tun, sondern mit unserer Lebensqualität. Leider blieben viele Israeliten abhängig von Formen, Gewohnheiten, religiösen Vorstellungen. Abhängigkeit von religiösen Formen ist auch ein Phänomen unserer Zeit. Es wird mir immer klarer, wie schwierig es ist, sich mit Neuem anzufreunden und hinzufinden zur entspannten, freien und beziehungsreichen Art zu leben. Zurück zu unserem Ausgangstext. Gott ist wie ein richtig guter Papa. Jesus bringt es auf den Punkt. Bei allen Vorstellungen, Gewohnheiten, theologischen Meinungen, unterschiedlichen Kirchen und Gemeinschaften gibt es einen, der mit dir und mir in Beziehung sein will. Gott als „Papa“, der über allem Geschehen auf dieser Erde dein und mein Ruhepunkt ist. Der uns versteht, auch in unseren Unfertigkeiten nahe ist. Den perfekten Menschen in seinem Denken außen vor lässt. Der dich und mich ernst nimmt in unserem Fühlen, Denken und Entscheiden. Unsere Persönlichkeit fördert, unserer Freiheit Wege aufzeigt, damit wir zu ihr finden können, uns ermutigt zu experimentieren und uns selbst wahr- und ernstzunehmen. Ulrich Schaffer schreibt in einer seiner neuen Publikationen unter dem Titel „Du“ u.a. folgendes: „Du bist stark genug, die Wahrheit zu ertragen. Manchmal wirst du überflutet von Tatsachen, die dich erschrecken, herausfordern, lähmen. Du spürst, dass du überfordert wirst. Aber du ahnst, dass es nicht so ist. Sieh es als Zutrauen des Lebens: Die Wahrheit ist dir zumutbar, weil du über eine besondere Stärke verfügst. Vielleicht bist du stärker, als du vor dir selbst zugibst. Stetig bist du gewachsen, hast bisher alles geschafft, bist in jeder Herausforderung reifer geworden, wenn auch manchmal mit Verzögerungen. Dein Leben ist ein Siegeszug über die Umstände. Du hast durchgehalten, bist noch da, bist belastbar, bist sogar fähig, anderen noch beim Tragen zu helfen. Freue dich, feiere dich. Du bist zu Erstaunlichem fähig.“ Auf diesem Weg hast du einen Papa an der Seite, den nichts aus der Bahn wirft. Und wir werfen ihn durch unser Verhalten schon gar nicht aus der Bahn, da wir seine Geliebten sind. Damit dürfen wir leben. Das macht unser Christsein aus. Mit Gott, unserem Papa, kommen wir an das Ziel. |
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