Das Heiligtum – ein Symposium in Friedensau

von Udo Worschech

Was geschah am 22. Oktober 1844? Diese Frage haben sich am Morgen nach der großen Enttäuschung die Berechner und Deuter des Endzeitdatums immer wieder gestellt. Dass das Thema immer noch nicht zufriedenstellend bearbeitet wurde, ist aus der Tatsache ableitbar, dass sich bis heute die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten immer wieder damit beschäftigt und vielschichtige Antworten dazu formuliert hat: von der Ablehnung des Datums und seiner Interpretation bis hin zu einer enthusiastischen Bejahung dieser Deutung, wie jüngst in dem Traktat „1844 leicht gemacht”(!). Es wäre nun exegetisch und ethisch völlig verfehlt, wenn man sich nicht unter dem Aspekt neuer exegetischer und theologischer Erkenntnisse dieser Frage immer wieder neu stellen würde. Deshalb war das Wochenende vom 24. bis 26. April 2009 in Friedensau zu einer Präsentation zum Thema „Heiligtum” bestimmt worden.

Die Theologische Hochschule Friedensau hatte dazu einen kompetenten Vertreter dieser Auslegung eingeladen: Prof. Dr. Roy Gane von der Andrews University (USA), an der er die Abteilung für Altes Testament und Exegese leitet, sich schwerpunktmäßig mit der Typologie und Deutung des israelitischen Heiligtums beschäftigt und auch profilierte sprachliche Studien dazu veröffentlicht hat. Er präsentierte seine Erkenntnisse in fünf  Vorträgen sowie in der am Sonntagmorgen von Klaus Schmitz (Mag. Theol., Berlin) geleiteten Podiumsdiskussion. In einer Abendveranstaltung leistete Prof. Dr. Udo Worschech einen Beitrag zur Archäologie der Heiligtümer im antiken Vorderen Orient und des israelitischen Heiligtums und seiner theologischen Implikationen.

Roy Gane vertrat eine eindeutig konservative Position und referierte mit großer innerer Überzeugung und feurigem Enthusiasmus eine solide traditionelle Deutung der adventistischen Heiligtumslehre. Dabei lieferte er detailreiche exegetische Beobachtungen und belegte mit fast  „mikro-exegetisch” zu nennenden Einzelheiten in Levitikus 16 und an anderen Stellen seine Ausführungen. Gane hatte sich viele Jahre mit der Position seines Professors J. Milgrom (Professor für Altes Testament an der Berkeley-Universität, USA) zur Heiligtumstheologie  auseinandergesetzt. In seiner Dissertation hatte er sich dann gegen seinen Professor gestellt, um seine adventistische Überzeugung exegetisch fundiert darzulegen. Milgrom hatte die Arbeit angenommen, war aber von der Darlegung  Ganes nicht völlig überzeugt. Seither war und ist es ein Anliegen R. Ganes, tiefer in die Fragestellungen zum Heiligtum einzudringen. Seinen Vorträgen merkte man daher auch seine innere Bewegtheit an. Seine Reden waren inhaltlich sehr reich, aber doch von apologetischen Ansätzen her geprägt.

Auf die mehrfach wiederkehrende Frage nach dem himmlischen Geschehen am 22. Oktober 1844 und der Bedeutung dieses Geschehens für die Menschen auf der Erde nach Daniel 7 und 8 sowie Levitikus 16 gab Roy Gane die in seinem theologischen Entwurf zum Heiligtum bestehende Standarddeutung wieder, jedoch ergänzt mit der seit langem bekannten erneuten Betonung der Rechtfertigung Gottes durch das Endgericht nach Da 7,13-14; 8,14; 9,25  und Offb 14,1-12 (basierend auf  E. Heppenstall von 1951). Erstaunt waren viele Anwesende, als  Gane die  Taten der Gläubigen und ihren Glauben als Grundlage für den Beweis der Gerechtigkeit Gottes vor dem Universum nannte. Diese Argumentationslinie ist eine Fortführung der von Heppenstall begründeten „vindication of God” – der Offenbarung Gottes  als gerechter Gott – nun aber verknüpft mit dem Untersuchungsgericht oder dem „Vorwiederkunftsgericht”, in dem die Taten der Gläubigen besonderes Augenmerk erhalten, da sich in ihnen die Beweiskraft für Gottes Gerechtigkeit spiegelt. Dieses Verständnis, das keinesfalls aus biblischen Quellen erschlossen werden kann, erscheint im Blick auf die Lehre vom Vorwiederkunftsgericht plausibel, birgt aber die große Gefahr in sich, einem endzeitlichen Perfektionismus den Nährboden zu geben. Dass diese Saat  bereits wiederholt in der Freikirche der STA aufgegangen und gewachsen ist, kann leider auch vielfach beobachtet werden. Roy Gane hat sich aber nicht mit dieser scheinbar konsequenten Fortführung des Vorwiederkunftsgerichtes identifiziert!

Die Tagung zollte somit wieder einmal mehr der Pioniertheologie zum Heiligtum Ehre, machte zugleich aber auch deutlich, dass die Pionierzeit vorüber ist und trotz aller exegetischer Studien das Thema Heiligtum nicht allein auf  Levitikus und Daniel zu beschränken, sondern vor allem im Hebräerbrief zu suchen ist sowie in den Psalmen und in diversen Prophetentexten, den Evangelien und Apostelbriefen, die alle noch nicht auf ihren theologischen und pastoraltheologischen Inhalt zu einer umfassenden Heiligtumslehre befragt und ausgelegt worden sind. Aber unabhängig von neuen Erkenntnissen ist es tröstlich zu wissen, dass im hohepriesterlichen Gebet Jesu nach Jo 17,19 Christus selbst es ist, der sich für die Heiligen heiligt und dass vor dem Universum nicht die Taten der Gläubigen, sondern der hohepriesterliche Dienst und die Heiligung Jesu für den Glaubenden zählt.

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