"Mensch, wo bist du?"
Evangelischer Kirchentag in Bremen fordert Positionsbestimmung einEs war das erste Mal in seiner 60-jährigen Geschichte, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag seinen Teilnehmern als Motto eine Frage entgegenhielt: „Mensch, wo bist du?“ Die Frage, die der Überlieferung vom Sündenfall entnommen ist (Gen 3,9), richtet sich an die Tiefe der menschlichen Existenz. Wo bist du mit deinen Gedanken und Gefühlen? Wo bist du in deinem Leben? Wo bist du in deinem Verhältnis zu deinen Mitmenschen und deiner Umwelt? Wo bist du vor Gott? Noch vor jeder Antwort bringt diese Fragestellung eine erste Erkenntnis: Der Mensch ist gefragt. Er muss sich Klarheit verschaffen und sich positionieren. „Verantwortung“ könnte deshalb als gemeinsame Überschrift für die 3000 einzelnen Veranstaltungen des Kirchentags gelten. Anhand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter (Lk 10) verwarf der bekannte Theologe und Publizist Jörg Zink die häufig gehörte Forderung, die sogenannten christlichen Werte zu stärken. Bei der Botschaft des Evangeliums gehe es nicht darum, ein Regelwerk der christlichen Moral aufzustellen. Vielmehr gehe es darum, auf den eigenen Status zu verzichten und sich zu beugen, um das Nächstliegende zu tun, nämlich dem Nächsten in seiner Bedürftigkeit zu dienen. Wo Christen sich auf moralische Werte berufen, wird der Nächste schnell verurteilt, so Zink. Stattdessen seien Christen gehalten, ihm als Liebesdienst Hilfe zu gewähren. Dass neben Bibelarbeiten und Gottesdiensten wiederum die politische und gesellschaftliche Diskussion einen breiten Raum beim Kirchentag einnahm, verdeutlicht, dass der christliche Glauben einen aktiven Beitrag zu den Fragen der Zeit leisten kann. Die Herausforderungen der Finanzkrise und die Fragen des gerechten Handels standen ebenso im Blickpunkt wie 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre friedliche Revolution in der ehemaligen DDR. Bundeskanzlerin Merkel betonte, dass sich die Kirchen in die gesellschaftlichen Debatten einbringen sollen. „Aber die Gottesdienste müssen ja nicht wie meine Polit-Veranstaltungen werden“, fügte die Kanzlerin hinzu. Die Vielfalt der Veranstaltungen und der Beiträge unterstrich, dass der Kirchentag kein Monument ist, sondern eine lebendige Basisbewegung. Hunderte Organisationen und Projekte präsentierten ihre Initiativen auf einem „Markt der Möglichkeiten“. Die Hochschule Friedensau informierte insbesondere über den Beitrag, den sie mit ihrer sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre leistet. Zahlreiche Kirchentagsteilnehmer nutzten die Präsenz der Hochschule zu intensiven Gesprächen über den Masterstudiengang „Sozial- und Gesundheitsmanagement“ und andere Friedensauer Bildungsangebote. dp |
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