20 Jahre Mauerfall – Friedensau im Wandel

von Manfred Böttcher

Vor zwanzig Jahren fiel die Mauer in Berlin. Sie hatte nicht nur Deutsche in Ost und West voneinander getrennt, sondern auch die beiden großen Machtblöcke der Welt. Dies weltpolitische Ereignis öffnete auch für Friedensau neue, bisher nicht geahnte Perspektiven. Das führte 1990 für das Theologische Seminar zur staatlichen Anerkennung als Theologische Hochschule in freier Trägerschaft. Die Entscheidung des Ministeriums für Hochschulwesen in Berlin war u.a. auch beeinflusst von der Entwicklung der Friedensauer Bildungseinrichtung in der Vergangenheit. So kann Friedensau auf 110 Jahre einer wechselvollen Geschichte zurück­blicken. Die verschiedenen Regierungsformen in Deutschland während dieser Zeit blieben nicht ohne Auswirkungen auf die Existenz der adventistischen Bildungseinrichtung und des Ortes.

Diese begann im November 1899 mit der Gründung einer Industrie- und Missionsschule, dem Bau eines Sanatoriums und einer kleinen Nährmittelfabrik noch im wilhelminischen Kaiserreich. Getragen von einer beispiellosen Opferbereitschaft der deutschen Adventgemeinden, entstand damals der überwiegende Teil der heue noch bestehenden Gebäude. Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der jungen Leute, die in Friedensau ihre Ausbildung erhielten. Sie kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen europäischen Ländern. 1910 waren es bereits mehr als 240 Studierende. Mit dem Ersten Weltkrieg fand die Lehrtätigkeit in Friedensau ein jähes Ende. Mehrere Gebäude wurden fortan als Kriegslazarett genutzt.

Nach Kriegsende, in der Weimarer Republik, konnte das Missionsseminar unter schwierigen wirtschaftlichen Umständen 1919 die Lehrtätigkeit wieder aufnehmen. Trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise gab es bald wieder etwa 200 Studierende. Neben dem Predigerstudium konnten weitere Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden. In dieser Zeit erhielt der Ort Friedensau die politische Selbstständigkeit als Kommunalgemeinde im Jerichower Land. Der Grundbesitz wurde von etwa 30 auf reichlich 150 ha vergrößert.

Nach nur 14 Jahren folgte auch für Friedensau das „Dritte Reich“, wie Hitler seine Diktatur nannte. Diese Zeit brachte nicht nur den Adventgemeinden in Deutschland eine kurze Verbotszeit, sondern auch massive Einschränkungen für Friedensau mit sich. Mehrfach versuchte sich die herrschende Partei Friedensau anzueignen, um es für eigene Zwecke zu nutzen. Doch Gott hielt seine Hand schützend über diesen Ort. Durch den Zweiten Weltkrieg wurde die Lehrtätigkeit erneut unterbrochen und ein Lazarett der deutschen Wehrmacht eingerichtet.

Kurz vor Kriegsende, Anfang Mai 1945, erreichten Kampfverbände der Roten Armee Friedensau. Die Militärverwaltung beschlagnahmte fast alle Gebäude, sicherte diese mit einem hohen Stacheldrahtzaun und nutzte das Areal fortan als Militärlazarett. In wenigen Häusern mussten sich die noch in Friedensau verbliebenen Einwohner zusammendrängen.

Was zunächst als verheerendes Schicksal für Friedensau erschien, erwies sich später als einzigartige Fügung Gottes. Nach reichlich zwei Jahren gab die sowjetische Militärverwaltung Friedensau wieder frei. Zurück blieben die Gebäude, jedoch in einem argen Zustand; fast alles Inventar hatten die Abziehenden mitgenommen. Es war so gut wie nichts mehr vorhanden.

Zuvor war es der Leitung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) in Ostberlin gelungen, Kontakt mit der Kulturabteilung der sowjetischen Militärverwaltung in Berlin-Karlshorst aufzunehmen. Im Mai 1947 erteilte Oberst Tulpanow die Genehmigung zur Wiedereröffnung des adventistischen Predigerseminars in der sowjetischen Besatzungszone, die anschließend auch vom Ministerpräsidenten der provisorischen Landesregierung in Sachsen-Anhalt bestätigt wurde. Damit war Friedensau die erste konfessionelle Bildungseinrichtung, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der sowjetischen Ad­mi­nis­tration die Erlaubnis zur Ausbildung von Predigern erhielt.2  Aus den Geheimdokumenten der Militärverwaltung in Berlin-Karlshorst, die erst vor wenigen Jahren zugänglich gemacht wurden, geht hervor, dass die Entscheidung von Oberst Tulpanow den Direktiven widersprach, die von Moskau bezüglich der Kirchenpolitik für die deutsche Besatzungszone vorgegeben worden waren.

Der Weitsicht der Verantwortlichen vom Ostdeutschen Verband und vom Seminar ist es zu verdanken, dass man in der Notsituation der Nachkriegszeit – der Krieg hatte stärkere Verluste unter den Predigern gefordert – keine Zuflucht zu „Schnellverfahren“ nahm, sondern von Anfang an das Ziel verfolgte, ein gediegenes vierjähriges Theologiestudium zu fordern. Mit Ende des Studienjahres 1956/57 hatten nahezu 100 Studenten das Studium abgeschlossen und den Dienst in den ostdeutschen Gemeinden aufgenommen. Damit waren annähernd 70% der Prediger aus Jahrgängen der Nachkriegszeit hervorgegangen; dies stellte eine starke Verjüngung der Predigerschaft in der DDR dar. Die jungen Prediger zeichneten sich bei eindeutiger Identifikation mit adventistischer Theologie durch Toleranz und Offenheit aus.

Die 1947 – also noch vor Gründung der DDR im Oktober 1949 – erteilte Genehmigung zur Wiederaufnahme der Predigerausbildung durch die sowjetische Militärregierung erwies sich in der Folge wie ein Faustpfand für das Seminar, insbesondere wenn in der vierzigjährigen DDR-Zeit von Seiten des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen oder von anderen Behörden versucht wurde, auf den Lehrbetrieb Einfluss zu nehmen. Mit Hinweis auf die Genehmigung durch die Sowjetische Militäradministration ließen sich alle derartigen Versuche stets abweisen.

Durch Kontakte zu theologischen Sektionen der Universitäten3  sowie zu theologischen Ausbildungsstätten anderer Konfessionen gewann die Seminarleitung die Überzeugung, eine Neuprofilierung des Studiums anzustreben. Als erster Schritt dazu wurde das Predigerseminar 1981 in ein Theologisches Seminar umgewandelt. Weiterhin wurden Wege zur Fortbildung der Lehrkräfte gesucht. Zu diesem Zweck wurden jeweils einige von ihnen für ein Trimester vom Lehrbetrieb für postgraduale Studien an der Universität in Halle, am Newbold-College in England oder an der Andrews University in den USA freigestellt.

Im Zuge einer Studienreform im Jahr 1983 bemühte sich die Leitung des Theologischen Seminars um Angleichung an das Niveau des allgemein anerkannten Theologiestudiums der Universitäten unter Wahrung adventistischer Identität.

Bereits 1971 hatte der Präsident der Weltkirchenleitung (Generalkonferenz) R.H. Pierson bei seinem Besuch in Friedensau geraten, Studenten aus Ländern der Dritten Welt aufzunehmen. Er be­gründete dies u.a. damit, dass es vielerorts keine profilierte Ausbildungsmöglichkeit gäbe, Friedensau räumlich die Möglichkeiten biete und es schade wäre, wenn nur die Ge­meinden aus der DDR davon profitierten.

Zu jener Zeit gab es an Fachschulen und Universitäten der DDR zunehmend Studenten aus osteuropäischen Staaten sowie aus Ländern der Dritten Welt, soweit die DDR diplomatische Beziehungen zu ihnen unterhielt und sie von ihren Heimatstaaten delegiert wurden. Die Kirchenleitung in der DDR nahm das zum Anstoß auszuloten, ob man nicht auch jungen Adventisten aus dem Ausland ein Theologiestudium in Friedensau ermöglichen könne. Nach Verhandlungen mit DDR-Behörden, die sich über Jahre hinzogen, wurden schließlich 1981 die ersten Einreisevisa zu Studienzwecken in Friedensau erteilt. Bald musste die Seminarleitung feststellen, dass dadurch eine diffizile Situation entstand: Sie wollte, dass die Behörden so wenig wie möglich Einblick in die Lehrpläne erhielten, andererseits wollten diese über die Abläufe im Friedensauer Studienalltag informiert werden.4

Gott hielt seine Hand darüber, sodass im letzten Jahrzehnt der DDR jährlich 15-20 ausländische Studenten ein Vollstudium in Friedensau absolvieren konnten.5  Das war in der DDR etwas Außergewöhnliches. Die beachtliche Zahl ausländischer Theologiestudenten ließ Friedensau unter den Kirchen der DDR, den theologischen Sektionen der Universitäten und den Ausbildungsstätten anderer Freikirchen immer bekannter werden.

Studenten aus der DDR erhielten nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums kircheninterne Diplome. Hinsichtlich der ausländischen Studenten suchte die Seminarleitung nach Wegen für eine Akkreditierung der Studienabschlüsse und setzte sich mit der Andrews-Universität und der zuständigen Abteilung der Generalkonferenz in Verbindung. Nach weiteren Ergänzungen im Ausbildungskonzept und einer gründlichen Evaluierung wurde 1984 die Akkreditierung erteilt. Damit war das Studium in Friedensau anerkannt und postgraduale Studien zur Erlangung der Promotion möglich. Unter den damaligen Verhältnissen war das etwas Einmaliges, was es eigentlich gar nicht geben durfte.

Ausgelöst durch die politische Wende im Herbst 1989, wurde im Frühjahr 1990 von der Übergangsregierung unter Lothar de Maizière die staatliche Anerkennung jener kirchlichen Ausbildungseinrichtungen in Aussicht gestellt, die von der DDR zwar toleriert, aber nicht anerkannt waren, vorausgesetzt, sie erfüllten die dafür notwendigen Bedingungen.

Die Seminarleitung setzte sich daraufhin mit dem Büro des Ministerpräsidenten und dem Minister für Hoch- und Fachschulwesen in Verbindung. Mit Wohlwollen nahm man das Anliegen entgegen. Der Minister selber schlug bereits eine Woche später einen Gesprächstermin mit seinem zuständigen Referatsleiter vor. Außerdem nahm die Seminarleitung Kontakt mit den Sektionsleitern für Theologie an den DDR-Universitäten auf und bat um freundliche Unterstützung. Die meisten kannten durch Gastvorlesungen in Friedensau das Theologische Seminar. Nach einem Konsultationsgespräch in Hannover Anfang Juni 1990 mit dem damaligen Minister für Kultur und Wissenschaften in Niedersachsen wurde auch von dieser Seite zur Antragstellung ermutigt und fachliche Beratung zugesichert. Bereits wenige Wochen später wurde beim Ministerium für Bildung und Wissenschaft der DRR-Übergangsregierung eine umfangreiche Dokumentation zur Antragstellung eingereicht. Nach dem zustimmenden Votum der Hochschulkonferenz erhielt das Theologische Seminar Friedensau am 14. September 1990 die staatliche Anerkennung als Theologische Hochschule in freier Trägerschaft. Dieser Status wurde nach der Wiedervereinigung durch die Landesregierung von Sachsen-Anhalt bestätigt. Noch ein Jahr zuvor hatte niemand auch nur ahnen können, dass so etwas möglich werden könnte. Gott selbst hatte ohne unser Zutun „offene Türen“ geschenkt und unmöglich Erscheinendes geschehen lassen durch seine vorausschauende Führung während der vier Jahrzehnte einer atheistischen Herrschaft.

In dieser Zeit hatten 299 Friedensauer Absolventen den Dienst in den Gemeinden aufgenommen und mehr als 1000 Jugendliche den einjährigen Diakonlehrgang besucht. Im Rückblick lässt sich kaum vorstellen, was ohne Friedens­au aus den Gemeinden in der DDR geworden wäre. Als 1992 die Vereinigung mit dem Westdeutschen Verband beschlossen wurde, brachte der Osten, der nicht allzu reich war an materiellen Werten, ein Juwel mit, das durch Gottes gnädige Bewahrung, aber auch mit viel Liebe und Hingabe durch eine schwere Zeit gerettet worden war: Friedensau. Diese Stätte war unter schwierigen Umständen gehütet und gepflegt worden von Menschen und Gemeinden, die gelernt hatten, ihren Glauben mutig und selbstbewusst zu bezeugen. 

Im April 1991 entschied die Leitung der Euro-Afrika-Abteilung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, dass die Theologische Hochschule Friedensau künftig alleinige theologische Ausbildungsstätte in Deutschland sein sollte. Damit taten sich neue Perspektiven für Friedensau und unsere Freikirche in Deutschland auf. In der Folgezeit wurde der Studiengang „Christliches Sozialwesen“ hinzugefügt und die Theologische Hochschule festigte durch intensive Forschungsarbeiten ihrer Institute und wissenschaftliche Publikationen ihren Ruf unter den Hochschulen in Sachsen-Anhalt. Seit dem Bestehen als Hochschule haben mehr als 500 Studenten ihren Dienst in den Gemeinden als Pastoren aufgenommen und mehr als 600 Studenten sind in den sozialen Dienst im In- und Ausland gegangen. Viel Neues ist geworden. Die Lebens- und Studienbedingungen haben sich entscheidend verbessert. Die Hochschule Friedensau ist Mitglied in der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt, war die erste Hochschule im Land mit akkreditierten Studiengängen und greift die Perspektiven für die Zukunft auf. Zwei Masterstudiengänge werden in englischer Sprache durchgeführt, im nächsten Jahr beginnt ein Studiengang für Pflege- und Gesundheitswissenschaften in Kooperation mit dem Krankenhaus Waldfriede. Ein Gesundheitszentrum ist in Planung. Friedensau mit seiner staatlichen Anerkennung hat durch Kooperationen mit den Ausbildungsstätten Collonges in Frankreich und Sazawa in Tschechien auch diesen Schulen die Anerkennung ermöglicht und ist durch Beziehungen mit anderen internationalen adventistischen und nicht-adventistischen Universitäten verbunden.

Getragen werden alle Bemühungen von der Überzeugung, dass Gott uns einen Auftrag gegeben hat, den es umzusetzen gilt: der Welt das Evangelium von Jesus Christus zu sagen, in allen erdenklichen Formen, in alle Schichten hinein – bis er kommt. Diesen Auftrag nehmen wir gerne anSo ist Friedensau über ein Jahrhundert hinweg ein Wunder des Glaubens geblieben!                                               

1 Andere kirchliche Einrichtungen in Ostdeutschland blieben über Jahrzehnte in russischer Hand.

2 So geschah das Unbegreifliche, dass nach dem Krieg in Deutschland ausgerechnet zuerst in der sowjetischen Besatzungszone die adventistische Ausbildungsstätte wieder eröffnet werden konnte und erst später Neandertal und Marienhöhe im Westen.

3 So wurden seitens der DDR die Theologischen Fakultäten bezeichnet.

4 So mussten sich ausländische Studenten in gewissen Abständen bei ihren diplomatischen Vertretungen in Ost-Berlin melden, um neben der Verlängerung ihrer Visa auch über den Fortgang des Studiums zu berichten. Sie haben jedoch nie etwas geäußert, das dem Seminar und damit ihnen selbst zum Nachteil geworden wäre.

5 Einige von ihnen stehen heute in Osteuropa und Afrika in Leitungsfunktionen unserer Freikirche – einer sogar als Mitglied des Präsidiums der Generalkonferenz.

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