Zwischen Kreuz und Blues
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Staat und Kirchen waren in der DDR wie ungleiche Geschwister. „Freunde kann man sich aussuchen, Geschwister nicht“, brachte Erich Kästner als nüchterne Erkenntnis zu Papier. Staat und Kirchen in der DDR hatten wenig gemeinsam – und doch enorm viel: nämlich Menschen, die in der DDR lebten und ihr Leben unter den Bedingungen des realen Sozialismus eingerichtet hatten. Kirche im SozialismusDie evangelischen Kirchen als stärkste Denomination fanden 1971 den Leitspruch: „Wir wollen Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern Kirche im Sozialismus sein.“ Mehr als 20 Jahre nach der Gründung der DDR war das Selbstverständnis als „Kirche im Sozialismus“ der Erkenntnis geschuldet, dass der reale Sozialismus keine kurzzeitige Erscheinung war. „Kirche im Sozialismus“ war einerseits der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Staat und Kirche, andererseits auch eine Abgrenzung und Unterscheidbarkeit zwischen Kirche und Sozialismus. Sozialistisch war zwar das Umfeld, aber nicht die Kirche. Unter diesen Bedingungen verstand sich die evangelische Kirche bewusst als „Kirche für andere“, wofür in den 70er- Jahren das theologische Programm erarbeitet wurde. Aufgrund dessen konnte sich die Kirche für gesellschaftliche Gruppen öffnen, die im realen Sozialismus sonst keinen Raum hatten. Insbesondere die Friedensbewegung in der DDR, die sich gegen das Wettrüsten und die atomare Abschreckung stellte, fand dadurch in der Kirche ein Rückzugsgebiet der Freiheit. Die staatlichen Massenorganisationen beanspruchten für sich, das Monopol auf Frieden und Völkerverständigung zu haben – und schworen gleichzeitig die ohnehin durchmilitarisierte Gesellschaft auf den Kampf gegen den „Klassenfeind“, sprich: den Westen, ein. Die unabhängige Friedensbewegung unter dem Dach der Kirche nutzte die kirchlichen Netzwerke, trat aber gleichzeitig mit Aktionen aus der Kirche heraus, was sowohl im Verhältnis von Staat und Kirche als auch innerkirchlich für Spannungen sorgte. Blues-Konzert als GottesdienstEin Paradebeispiel für das Staat-Kirche-Verhältnis in der DDR sind die „Blues-Messen“, die 1979 in der Berliner Samariterkirche ihren Ursprung nahmen und von Pfarrer Rainer Eppelmann federführend initiiert wurden. Beinah zufällig bat ein Blues-Musiker Pfarrer Eppelmann, in der Kirche spielen zu dürfen. Eppelmann und seine Mitarbeiter waren dem aufgeschlossen, verbanden die Blues-Titel allerdings mit biblischen Bezügen und verstanden die Veranstaltung als Gottesdienst. Die Planung des Inhalts dauerte nicht länger als eine halbe Stunde. Da man von Anfang an Probleme mit staatlichen Behörden vermutete, sollte die Kollekte zweckgebunden für eine mögliche Strafe gesammelt werden. Nur über den Schaukasten und über die Mundpropaganda lud man zur ersten Blues-Messe am 1. Juni 1979 ein. Dennoch füllte sich die Kirche wie sonst nur zu Weihnachten, größtenteils mit Blues-Anhängern, die üblicherweise nicht den Weg in eine Kirche fanden. In ihrer Kleidung deutlich von traditionellen Kirchgängern unterscheidbar, hatten sie keine Hemmungen, in der Kirche zu rauchen, und auch einige Weinflaschen gingen während der Blues-Musik durch die Reihen. Der ungewöhnlich starke Zuspruch führte schnell zu der Entscheidung, weitere Blues-Messen durchzuführen. Blues-Messen für EnttäuschteVon nun an wurden die Blues-Messen intensiv vorbereitet. Da viele Besucher den verlesenen Bibeltexten gelangweilt zugehört hatten, suchte man nach Wegen, den Inhalt in anderen Formen wiederzugeben und auf die Situation der jugendlichen Besucher zuzuspitzen. Das zeigte sich als fast nicht zu bewältigende Herausforderung. Wie sollte man Jugendlichen, die betrunken „Freiheit! Freiheit!“ schrien, die Freiheit des christlichen Glaubens vermitteln? Eine Reihe von Mitarbeitern waren bereit, neue Wege zu gehen und im Gottesdienst die Situation der kirchenfernen Jugendlichen in deren Sprache auszudrücken. So rückte bereits die zweite Blues-Messe im Juli 1979 in den Blickpunkt staatlicher Wächter. Die Staatssicherheit protokollierte die Aussagen: „In den ersten Wortbeiträgen nach Begrüßung und Einführung wurden die ‚Gedanken eines Hoffnungslosen’ rezitiert ...: ‚Wer die Macht hat, hat immer recht, erst die Eltern, Lehrer, Lehrmeister, dann der Staat und die Partei ... Hauptsache, sie lassen einen in Ruhe, und wenn sie mich nicht in Ruhe lassen, stelle ich einen Ausreiseantrag.’ ... Frenetischer Beifall und jubelnde Zustimmung ...“ (BStU MfS AOG 9261/91, Bl. 20 f.) Wenige Tage später wurde Pfarrer Eppelmann in das Rathaus zitiert. Die Behörden weigerten sich, die Blues-Messe als Gottesdienst anzuerkennen, damit sie weitere Veranstaltungen unterbinden konnten. Eppelmann lehnte es ab, sich vorschreiben zu lassen, was ein Gottesdienst sei und was nicht. Eine staatliche Behörde könne keine theologische Kompetenz für sich beanspruchen. Eine sich zuspitzende Konfrontation mit dem Staat zeichnete sich ab. Zugleich mehrten sich auch innerkirchlich die Stimmen, die Gottesdienste dieser Art und mit diesen Gästen kritisierten. Dennoch fanden beinah monatlich weitere Blues-Messen mit großem Zuspruch statt. „Leben macht Spaß!“Bei der sechsten Blues-Messe im Juni 1980 war sich die Stasi der ganzen Brisanz bewusst und hatte eine „Konzeption zur politisch-operativen Bearbeitung der negativen Tätigkeit verschiedener Ev. Jugendpfarrer“ vorbereitet. Von nun an sollten staatsfeindliche Äußerungen genau dokumentiert werden. Selbst die innergemeindliche Auseinandersetzung zwischen älteren und jüngeren Gemeindegliedern wollte die Stasi schüren. Stasi-Spitzel in kirchenleitenden Funktionen wurden angewiesen, auf die Kirchenleitung Einfluss zu nehmen. Pfarrer Eppelmann wurde nun permanent überwacht, Beteiligte und Besucher des Gottesdienstes überprüft. Mit dem Thema der Blues-Messe, „Leben macht Spaß“, wurde das schwankende Lebensgefühl eines Jugendlichen aufgegriffen: die Erwartungen und Sehnsüchte und die Enttäuschung angesichts der Realität. Ein szenisches Spiel sollte Mut machen, fröhlich zu sein und das Positive trotz aller Rückschläge zu sehen. Pfarrer Eppelmann schlug von dort den Bogen zu Jesus Christus: „Wir helfen ohne Vorleistung im Vertrauen auf Jesus Christus und auf ein besseres Leben.“ Etwa 1200 Jugendliche waren in die Samariterkirche gekommen, obwohl vorher anonyme Telegramme versandt worden waren, wonach der Gottesdienst ausfalle. Welche Brisanz die Stasi der Blues-Messe zuschrieb, zeigt der Bericht des Spitzels „IM Conni“: Die Besucher „waren zum großen Teil ‚auffallend’ zur negativen Seite gekleidet. Die Jungen – geflickte Niethosen bzw. Jeans – blau-weiß gestreifte Hemden über die Hose getragen ... – Ansteckbänder mit der Aufschrift ‚Gottesliebe ist wie die Sonne’. Viele Mädchen trugen auffällig lange Sackkleider sowie auch Jeanshosen ... man brauchte wirklich keinen hohen Intelligenzgrad zu besitzen um sofort festzustellen, daß es sich hier um eine Zusammenrottung der dunkelsten Elemente ... handelte. ... diese Blues-Messen [sollen] ein Versuch sein ..., immer mehr Jugendliche zu gewinnen, die bereit sind, ihre Angst abzubauen, um frei ihre Meinung zu sagen – insbesondere zu aktuellen politischen Problemen. Und dies kann alles so frei geschehen – so redet man den Jugendlichen ein, weil Christus auf sie zugekommen ist und bereit ist, sie völlig zu verändern ... Blues- und Rockmusik versetzten die Jugendlichen in eine völlige Hysterie. Es war einfach skandalös, wie die Jugendlichen sich benahmen. Man stieg auf die Bänke, schrie völlig wild durcheinander, pfiff und grölte mit ... Einige Pärchen schreckten nicht davor zurück, sich offen abzuknutschen ... Es ist für mich persönlich einfach unfaßbar, daß man von Seiten der Kirchenleitung nicht einmal davor zurückschreckt, die sonst für sie so heiligen Kirchenräume durch diese Ausschreitungen entweihen zu lassen, nur um seine dreckigen Ziele durchzusetzen. Anschließend folgten politisch-satirische Sketche, in deren Verlauf man offen gegen unseren Staat auftrat ... ... man hat es nicht nur geschafft, den Jugendlichen die Angst zu nehmen, frei ihre Meinung zu sagen, sondern die mit der Ausgestaltung und thematischen Umrahmung beauftragten Jugendlichen haben nicht einmal mehr Angst davor, offen gegen die DDR zu hetzen und finden sogar ein breites Echo bei den immer mehr ansteigenden Teilnehmern dieser Blues-Messen.“ (BStU MfS AOP 8695/91, Bl. 48f.) Freiheit und EinschüchterungDer Vorwurf, der in dem Geheimdienstbericht gemacht wird, war für einen totalitären Staat immens: Die Kirche nimmt Jugendlichen die Angst, frei ihre Meinung zu sagen! In der Tat bestand die eigentliche Bedrohung für den DDR-Staat darin, dass sich mit den Blues-Messen ein Freiraum für eine jugendliche Subkultur auftat, der sich den staatlichen Ideologisierungsmechanismen entzog. Daran konnten auch alternative Blues-Veranstaltungen nichts ändern, die parallel von Behörden veranstaltet wurden. Beispielsweise forderte Klaus Gysi, der Staatsekretär für Kirchenfragen und Vater von Gregor Gysi, die Kirche solle die Blues-Messen „unter Kontrolle“ bringen, so dass sie das Verhältnis von Staat und Kirche nicht länger belaste. Der Stellvertreter für Inneres im Berliner Magistrat verglich die Blues-Messe gar mit dem Volksaufstand von 1953 und drohte, das Problem mit gleicher Härte zu lösen. Trotz der permanenten Bedrohung wurden die Blues-Messen fortgesetzt. Haftgrund: FriedensappellEine dramatische Zuspitzung des Konflikts löste 1982 der „Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen“ aus. Darin forderte Eppelmann zusammen mit dem Regimekritiker Robert Havemann den Abzug der „Besatzungstruppen“ aus Ost- und Westdeutschland und die Neutralisierung beider deutscher Staaten. Der Appell schlug vor, „in einer Atmosphäre der Toleranz und der Anerkennung des Rechts auf freie Meinungsäußerung die große Aussprache über die Fragen des Friedens zu führen“. Mehr als 2000 Menschen unterzeichneten den Aufruf. Für den Staat war damit das Fass zum Überlaufen gebracht. Eppelmann wurde verhaftet. Die Kirchenleitung stand in einem Zwiespalt. Auch in ihren Augen war die Friedensbewegung zu weit gegangen. Indem sie die Aktion Eppelmanns gegenüber dem Staat verurteilte und ein kirchliches Verfahren gegen ihn in Aussicht stellte, konnte ein Strafprozess gegen den Pfarrer verhindert und seine Freilassung bewirkt werden. Bei einem anschließenden Gespräch beim Staatssekretär für Kirchenfragen beharrte Eppelmann jedoch auf seinem Anspruch, in den Blues-Messen zu politischen Themen Stellung zu beziehen. Er wolle sich nicht vom Staat diktieren lassen, was Wahrheit sei. Der Versuch, Eppelmann zum Schweigen zu bringen, blieb erfolglos. „Schwerter zu Pflugscharen!“Nach seiner Inhaftierung war es Eppelmann nicht mehr möglich, die Leitung der Blues-Messen fortzusetzen. Der Geist des Berliner Appells wurde allerdings in anderer Form weitergetragen und entwickelte eine eigene Dynamik. Seit einer zehntätigen Friedensdekade im November 1981, die in der ganzen DDR in Kirchen begangen wurde, verbreitete sich unter den Jugendlichen als Symbol der Friedensbewegung der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ mit dem Bild eines hammerschwingenden Schmieds, der ein Schwert zu einem Pflug umschmiedet. Gegen den Aufnäher gingen staatliche Organe im ganzen Land rigoros vor. Der Wunsch nach Frieden ohne Waffen blieb ein Dauerthema in den Blues-Messen, die längst einen gravierenden Brennpunkt im Verhältnis von Staat und Kirche bildeten. Drucke wie „Hiermit erkläre ich dir den Frieden“ wurden im Gottesdienst verteilt und so weit über das Land gestreut. Die letzte Blues-Messe, die 20. ihrer Art, fand im September 1986 statt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in der ganzen DDR unter dem Dach der Kirche unabhängige Initiativkreise gebildet, die für Ökologie, Frieden und Gerechtigkeit eintraten. Vielerorts fanden in Kirchen Friedensgebete mit großer Resonanz statt, so auch seit 1982 in der Leipziger Nikolaikirche, aus der sieben Jahre später die großen Montagsdemonstrationen hervorgingen, die schließlich zum Untergang der DDR führten. „Für einige Jahre“, so resümierte Eppelmann, „ist die Blues-Messe die einzige Veranstaltung in der DDR gewesen, wo öffentlich gesagt wurde, was die Leute dachten.“ Mit einer grundlegenden Offenheit sowie einem Gespür für die Situation der Menschen und verbunden mit einem Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft wurde auch über Konfrontationen hinweg in Kirchen die Motivationskraft zum gesellschaftlichen Umbruch gelegt. Den Antrieb gibt die unbändige Kraft des christlichen Glaubens, wie Eppelmann bezeugt: „Es gibt wohl kein Thema unseres Lebens, zu dem wir als Christen nichts zu sagen hätten. So kann es auch keinen Bereich unseres Lebens geben, zu dem wir zu schweigen hätten.“ Zum Weiterlesen: Dirk Moldt: Zwischen Haß und Hoffnung. Die Blues-Messen 1979-1986, Berlin 2008. |
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