Archäologie – Noch bevor die Sonne aufgeht ...
|
Noch bevor die Sonne aufgeht, klingelt der Wecker; es ist 3.30 Uhr. Obwohl wir nun schon seit drei Wochen auf unserer Ausgrabung in der südlichen Moabitis östlich des Toten Meeres in Jordanien arbeiten, fällt es immer noch schwer (oder immer schwerer), sich aus dem Bett zu quälen. Gerade hat auch der Muezzin die muslimischen Gläubigen über Lautsprecher zum ersten Gebet gerufen. Schnell werden einige Handvoll Wasser in das Gesicht gespritzt. Um 3.45 Uhr treffen wir uns zu einem leichten Frühstück; unser Koch hat sich ebenfalls aufgerafft, um uns frisches Rührei oder Omelett anzubieten. Gegen 4.30 Uhr ist Abfahrt. Schnell wird noch einmal der Rucksack überprüft: Sonnenschutz, Schreibzeug, Formulare zur Aufnahme des Grabungsbefundes, Fotoapparat, Sonnenbrille, Wasser. Kopfbedeckung zum Schutz gegen die Sonne und Wasser sind äußerst wichtig; nicht selten trinke ich zwei bis drei Liter Wasser am Vormittag. Zwei gecharterte Schulbusse bringen uns zu unserer antiken Ortslage, einem moabitischen Fort am Rande der östlichen Wüste, das in der späten Eisenzeit (Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr.), in der byzantinischen (frühchristlichen) und islamischen Epoche besiedelt gewesen war. Die Fahr dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Im Osten beginnt sich langsam der Himmel einzufärben: Der helle bläuliche Schimmer wechselt langsam in ein intensives Rot-Orange. Im letzten Dorf vor der Wüste nehmen wir unsere jordanischen Arbeiter mit in den Bus. Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe. Über Schotter- und Sandpisten erreichen wir unser Ziel. Dort wartet schon Abu Aiman auf uns; er verbringt den ganzen Tag auf der Grabung und schläft auch nachts dort in einer kleinen Hütte; er bewacht unsere Ausrüstung, die Werkzeuge und Instrumente, die wir für unsere Arbeit brauchen. Obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen ist, ist es doch schon so hell, dass wir mit der Grabungsarbeit beginnen können. Gestern, kurz vor Mittag, waren wir in unserem Grabungsareal in einer Steinsetzung auf Knochen gestoßen. Heute wollen wir diese Knochen sorgfältig freilegen. Schnell wird klar, dass wir es mit einem menschlichen Skelett zu tun haben. Langsam wird das Erdreich um das Skelett abgetragen und in kleine Abraumbehälter gefüllt. Diese Behälter werden von den Arbeitern zu großen Sieben gebracht, in denen der Abraum sorgfältig nach Keramik, Knochen und anderen Kleinfunden abgesucht wird. Langsam und vorsichtig arbeite ich mit Pinsel und Spatel das Skelett aus seinem Erdmantel. Ehrfürchtig verfolgen die jordanischen Arbeiter diesen Prozess. Diese Arbeit wird durch die 9.30-Uhr-Pause unterbrochen. Heute gibt es Wassermelone mit arabischen Keksen. Die Melonen haben es uns besonders angetan: Sie sind saftig und süß! Die Pause gibt Gelegenheit, die Fortschritte der einzelnen Arbeitsgruppen in ihren Arealen zu diskutieren. Nach einer halben Stunde kehren wir zurück zu unserem Skelett. Endlich ist es freigelegt. Eine vorläufige Analyse lässt vermuten, dass es sich bei unserem Fund um eine weibliche Person handelt, die nur ca. 20 Jahre alt wurde. Die Fundhöhe und die Art der Bestattung lassen den Schluss zu, dass hier ein Beduinengrab aus der späten ottomanischen Epoche vorliegt. Nachdem der Fund sorgfältig dokumentiert, gezeichnet und fotografiert worden ist, wird das Skelett in Papierbeutel gesammelt und für den Abtransport und eine intensivere Untersuchung fertig gemacht. In einem anderen Areal wird gerade ein Raum, der mit großen Versturz-Steinen aus Basalt und Kalkstein angefüllt ist, freigelegt. Etliche dieser Steine müssen mit Vorschlaghämmern gesprengt werden, damit sie abtransportiert werden können. Das kostet viel Zeit und Schweiß! Nur langsam können die einzelnen Schichten abgetragen werden. Sorgfältig beobachten und registrieren die Ausgräber jede Veränderung des Erdreiches oder der Steinsetzungen. An geeigneten Stellen werden Bodenproben entnommen, die dann nach Pollen, Samen und anderen organischen Resten untersucht werden. Schließlich ist es Mittag geworden; die Eimer, in denen wir die Keramik und andere Fundobjekte gesammelt haben, werden registriert und im Bus verstaut; die Arbeitsgeräte werden eingesammelt und letzte Fotos geschossen. Auf der Rückfahrt blicke ich in staubige und müde Gesichter – jeder sehnt sich nach einer Dusche! Nach einem ausgiebigen Mittagessen lege ich mich hin; das frühe Aufstehen fordert seinen Tribut. Um 16.00 Uhr treffen wir uns zum Keramikwaschen: Die Scherben werden in ein Wasserbad gelegt, mit einer Bürste vorsichtig gereinigt und untersucht – vielleicht ist eine der Scherben beschriftet oder bemalt, vielleicht passen mehrere Keramikstücke zusammen. Danach wird die Keramik zum Trocknen auf das Dach gebracht. Die Keramik vom Vortag wird datiert und registriert. Bis zum Abendbrot bleibt nicht mehr viel Zeit. Letzte Fotos werden ausgewertet und Grabungsberichte geschrieben. Um 19.00 Uhr treffen wir uns zum Essen auf der Terrasse. Die Temperatur ist jetzt sehr angenehm. Über den judäischen Bergen im Westen geht die Sonne langsam unter; es ist jedes Mal ein unglaubliches Spiel der Farben. Gegen 21.00 Uhr heißt es Schlafengehen; die Nacht wird nicht allzu lang sein. Aber ich freue mich auf den nächsten Tag – wer weiß, was ich morgen finden werde! |
|
|
