Kinder entdecken den Hochschul-Alltag für sich
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Die Theologische Hochschule Friedensau hat erstmals ihre Hörsäle für eine Kinderuniversität geöffnet, in der Kinder in die Welt des Forschens und Entdeckens eintauchen können. So sollen sie schon früh die Gelegenheit bekommen, in den Alltag an einer Universität hineinzuschnuppern. Da steht ein Indio am Kopierer der Hochschulbibliothek von Friedensau. Mit bemaltem Oberkörper, einem Tamburin in der Hand und einer Feder auf dem Kopf. Und er erklärt den Studenten gerade, dass man keine Seiten aus den Büchern schneiden darf, sondern besser nur eine Kopie von den interessanten Texten oder Bildern machen sollte. Soll das etwa Alltag an einer Hochschule sein? Natürlich nicht. Denn zugegebenermaßen sind die Studenten, die da gerade kopieren, gerade mal zwischen acht und elf Jahre alt, und der Indio heißt eigentlich Jef De Oliveira, ist Student der Theologie und läuft an „normalen“ Tagen auch nicht mit Feder auf dem Kopf rum. Aber er stammt tatsächlich aus dem Amazonas-Gebiet und deshalb war er sofort bereit, als für die erste „Kinder- Universität“ an der Theologischen Hochschule Friedensau Mithelfer gesucht wurden. In der Uni-Bibliothek sollen die Kinder an diesen beiden Tagen erfahren, wie man eine Bibliothek benutzt, um an Wissen zu gelangen, erklärt Ralph Köhler, Wissenschaftlicher Bibliothekar. Dazu haben sich die Organisatoren drei „Stationen“ ausgedacht. Zwei Vorlesungsräume gibt es und eine „Weltreise“ durch die riesige Welt der schlauen Bücher. Es gilt, Fragen zu beantworten, über das ferne Land Brasilien zum Beispiel. Die Kinderuniversität soll so auf ein Hochschulstudium neugierig machen und den Leistungswillen und den Entdeckerdrang fördern. Man wolle den Forscherdrang von Kindern fördern, erklären die Initiatoren. Ihnen, den Dozenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern selbst, macht das spontan entstandene Projekt ebenfalls viel Spaß. Bei Gelegenheit soll die Kinder-Uni auf jeden Fall wiederholt werden, heißt es dazu aus der Theologischen Hochschule. Eine gute Gelegenheit bot sich gestern und bietet sich heute mit dem seit Montag stattfindenden „G-Camp“ auf dem Zeltplatz von Friedensau. Da gibt es reichlich Kinder, die nur zu gerne Spannendes erleben. 47 Jungen und Mädchen der insgesamt gut 60 Nachwuchsstudenten stammen aus dem Teilnehmer-Umfeld des christlichen Zeltlagers. Die anderen stammen aus Friedensau und Umgebung. Mit spannenden Themen sorgen die Dozenten dafür, dass es den jungen Zuhörern nicht langweilig wird. Im Hörsaal 111 erklärt Dozent Bernhard Oestreich seinem Publikum erst einmal, dass es in der Uni keine Lehrer sondern Dozenten gibt, und statt Schülern Studenten. Und er erklärt vorsorglich, dass Studenten nach der Vorlesung auf den Tisch klopfen, wenn ihnen der Vortrag des Dozenten gefallen hat. Alle üben sofort, ob das auch wirklich klappt. Es klappt. Dann verschwinden Dozent und Studierende in der Vergangenheit. Sie wollen erfahren: „Wohin ging Jesus bei schlechtem Wetter?“ In der Vorlesung geht es um die Frage, warum es für das Leben der Jesusleute nicht egal war, ob es heiß oder kalt, nass oder trocken war, und warum das auch heute nicht egal ist. Hintergrund ist die Erkenntnis: Wir studieren die Vergangenheit, um aus ihr für die Zukunft zu lernen. Nebenan hievt Dr. Johannes Hartlapp mächtige Bibeln auf den Tisch. Die Bücher sollen den Titel der Vorlesung veranschaulichen: „Warum früher eine Bibel soviel wie zwei Ochsen kostete. Von der Herstellung, der Übersetzung und der Verbreitung der Bibel zur Zeit Martin Luthers“. Fragenstellen ist erlaubt, und wie in der richtigen Uni, fragen manche, aber natürlich nicht alle. Auch heute drücken die Junior-Studenten noch einmal die Hoch-Schul-Bank: „Wie entschlüsselt man fremde Schriften?“, fragen und beantworten Dr. Wernfried Rieckmann und Stefan Höschele, während Diplom- Pädagogin Annerose Nickel im Nachbar-Hörsaal mit ihren Studentinnen und Studenten fragt, was an „Typisch Mädchen!“ und „Typisch Junge!“ eigentlich so typisch sein soll. Und in der Uni-Bibliothek ist auch heute noch einmal Jef De Oliveira unterwegs. Mit Tamburin, Feder und jeder Menge begeisterter Jungen und Mädchen voller Wissensdrang. Klar, Alltag ist das nicht, aber für alle Kinder-Uni-Absolventen gibt es nach den zwei Tagen „echte“ Kinder-Studierendenausweise und ein Studienbuch. Wie in einer echten Universität. Der Artikel erschien am 23.07.2009 in der Burger Rundschau der Volksstimme. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. |
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