Glaube und Marktwirtschaft
Stichwort: VerschuldungAls ich vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung zum Sparkassenkaufmann absolvierte, ist mir eine Werbung in Erinnerung geblieben. Auf einem Plakat las ich folgende Frage: „Auto oder Urlaub?” Dann fesselte mich ein Bild mit einem nagelneuen Auto und einem wunderschönen Sandstrand; und darunter stand der Satz: „Beides – mit einem Kredit der Sparkasse.” Die Botschaft lautet damals wie heute: Man kann sich alles leisten, Kredite sind leicht zu haben, du kannst dir deine Wünsche erfüllen. Schulden machen ist in. Die Konsumgesellschaft fordert uns auf zu kaufen, auch wenn wir es uns nicht leisten können. „Laut aktuellen Schätzungen sitzen die amerikanischen Verbraucher zur Zeit auf 915 Mrd. US-Dollar Kreditkartenschulden. Auf jedem Haushalt lastet damit eine Schuld von etwa 12.000 US-Dollar”.1 Aber auch in Deutschland stehen wir nicht schlecht da. „Deutsche haben im Schnitt 8.078 Euro Schulden”, titelt die Welt in ihrer Onlineausgabe.2 Manche machen sich keine Gedanken, kaufen, was das Zeug hält, und geraten schnell in den Teufelskreis von Verschuldung, Überschuldung und Verarmung. Hinzu kommt, dass viele durch die Finanzkrise unverschuldet in Schwierigkeiten kommen. „Experten gehen von drei bis vier Millionen überschuldeten Privathaushalten in Deutschland aus.”3 Auch der Staat lässt sich nicht lumpen. Seine Verschuldung ist seit der Finanzkrise drastisch angestiegen. Der Bund der Steuerzahler lässt auf seiner Homepage eine Schuldenuhr laufen: Gerade jetzt, beim Schreiben dieses Artikels, beträgt die Staatsverschuldung in Deutschland €1.595.800.222.770, das sind pro Kopf € 19.4474, und darin eingeschlossen sind auch Babys, Politiker, Arbeitslose und Rentner. Schulden machen gehört zum Alltag, beim Staat wie zu Hause. Es ist eine Tatsache, dass Schuldner sich abhängig machen von den Gläubigern. Wenn jemand seine Kredite nicht zurückzahlen kann, sind fatale Folgen wahrscheinlich. In Deutschland ist man „geächtet” und hat kaum eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Viele geraten in eine Abwärtsspirale und kommen aus eigener Kraft nicht mehr heraus. „Die Folgen der Überschuldung sind eklatant, und führen letztendlich zu einer Art wirtschaftlichen Ausbürgerung.”5 Lohnpfändung, Arbeitslosigkeit und das Abrutschen in die Armut können Auswirkungen sein. Oft ist man nicht mehr Herr seines eigenen Lebens. Bereits in den Sprüchen Salomos heißt es: „Der Reiche herrscht über die Armen; und wer borgt, ist des Gläubigers Knecht.” (22,7) Das Thema der Schuldensklaverei war aktuell in der Zeit des Alten Testaments. Aber die Bibel bietet auch eine Lösung an: das Erlassjahr. Alle sieben Jahre sollten die Schulden erlassen werden, ein Neuanfang sollte möglich sein: „Am Ende von sieben Jahren sollst du einen Schulderlass halten. Das aber ist die Sache mit dem Schulderlass: Jeder Gläubiger soll das Darlehen seiner Hand, das er seinem Nächsten geliehen hat, erlassen. Er soll seinen Nächsten und seinen Bruder nicht drängen; denn man hat für den HERRN einen Schulderlass ausgerufen” (Deuteronomium 15,1.2, Elberfelder). Gute Aussichten für den, der in die Schuldenfalle geraten ist. Aber war das auch praktikabel? Die Ausleger sind sich nicht ganz sicher, ob diese Regelungen jemals in die Praxis umgesetzt worden sind, denn die Grenze dieser Regelung bestünde dort, „wo die ökonomisch Mächtigeren als Darlehnsgeber ein Darlehen zum Überleben des in Not Geratenen verweigern, weil ein regelmäßiger Schuldenerlass ansteht.”6 So ging es wohl nicht nur um ein Gesetz, sondern um einen Anreiz, eine Motivation für die Kreditvergabe: „Willig sollst du ihm geben, und dein Herz soll nicht böse sein, wenn du ihm gibst. Denn wegen dieser Sache wird der HERR, dein Gott, dich segnen in all deinem Tun und in allem Geschäft deiner Hand” (Vers 10). Solidarität, Nächstenliebe und der Segen Gottes stehen im Mittelpunkt der Regelungen für das Erlassjahr. Die Bibel regelt arbeits- und sozialrechtliche Fragen der damaligen Zeit, „gefordert ist eine brüderliche Gesinnung und eine humane Behandlung des Abhängigen”7. Schuldenerlass ist damals wie heute ein Mittel, Ausbeutung und Abhängigkeit zu begrenzen. Das betrifft den Darlehnsgeber, der nicht nur nach Profit trachten, sondern solidarisch handeln und das Unglück der anderen nicht ausnutzen soll. Das betrifft den Darlehnsnehmer, der manche seiner Bedürfnisse zurückstellen soll, um nicht unvernünftig und ohne Not in die Schuldenfalle zu tappen. Nach der Botschaft der Tora ist es „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, denen, die in Not und unter Druck geraten sind, eine bessere Zukunft zu verschaffen. Darauf liegt und davon hängt ab, worauf es ankommt – Segen.”8 1 www.n-tv.de/wirtschaft/marktberichte/Kreditkarten-als-Zeitbombe-article241764.html, 30.07.2009 2 http://www.welt.de/finanzen/article2792275/Deutsche-haben-im-Schnitt-8078-EuroSchulden. html, 29.07.2008 3 Newsticker vom 08.06.2009, http://www.forum-schuldnerberatung.de/right.htm, 30.07.2009 4 Quelle: Bund der Steuerzahler, www.steuerzahler.de, 30.07.2009 gegen 17:15 Uhr 5 Hugo Grote, Schulden machen und nicht bezahlen? http://www.infodienst-schuldnerberatung.de/aktuelles/grote/grote.html,30.07.2009 6 Franz Segbehrs, Die Hausordnung der Tora, Luzern (Edition Exodus) 2002, Seite 189 7 Ebd., Seite 191 8 Martin Leutsch, Verhindern, begrenzen und beenden, in: Welt und Umwelt der Bibel, 1/2008, Seite 47 |
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