Was geschah am Morgen des 23. Oktober 1844

von Johannes Hartlapp

Hiram Edsons Vision vom himmlischen Heiligtum und das Problem mündlicher Geschichtsüberlieferung

Unser Gedächtnis nimmt alles, was wir erleben, mit großer Genauigkeit wahr und speichert es. Doch im Laufe der Zeit werden die bewussten Erinnerungen immer undeutlicher. Je mehr Zeit zwischen dem Ereignis und der Gegenwart vergangen ist, umso größer ist die Gefahr, beim Erinnern das in den Mittelpunkt zu stellen und ggf. auch etwas zu verstärken, was dem Einzelnen besonders wichtig oder mit großen Emotionen verbunden war. Manchmal werden dann Einzelheiten stärker betont und in harmonisierenden Farben ausgemalt, die aber einer genauen historischen Betrachtung nicht standhalten. Doch für den Einzelnen liegt gerade darin ein besonders positiver Effekt historischer Aufarbeitung: Auf diese Weise entstehen die Sicherheit vermittelnden Bilder der „guten alten Zeit“. Die große Publizistin Marion Gräfin Dönhoff hat diese Erfahrung in der hervorragenden Beschreibung ihrer ostpreußischen Heimat mit dem Titel: Bilder, die langsam verblassen dokumentiert.

Erzählung verbindet Fakten mit Emotion

Eine weitere Schwierigkeit der Beschreibung historischer Ereignisse liegt darin, dass wir das selbst Erlebte nicht objektiv wiedergeben können, da unser Erleben immer subjektiv getragen ist. Die Geschichtsforschung hat diesen Aspekt schon vor einer Reihe von Jahren erkannt und misst heute der Oral History (der mündlich tradierten Geschichtsüberlieferung) eine besondere pädagogische Bedeutung zu, weil dabei nicht nur nackte Fakten, sondern genauso emotionale Erfahrungen (nicht selten zu Lasten des objektiv Geschehenen) weitergegeben werden. Auch in der Geschichte der christlichen Kirchen lässt sich die Spannung zwischen dem Sachverhalt historischer Ereignisse und der Bedeutung, die einem Ereignis zugemessen wird, feststellen. Das geschieht häufig gerade an solchen Stellen, die für das eigene Selbstverständnis von großer Bedeutung sind, z. B. beim sogenannten „Turmerlebnis“ Martin Luthers, das zum Ausgangspunkt der neuen reformatorischen Theologie wurde.

Etwas Ähnliches lässt sich am Beginn der Adventbewegung feststellen. Nach der bitteren Enttäuschung in der Nacht nach dem 22. Oktober 1844 stellte sich für die Anhänger William Millers nur die eine brennende Frage: Warum kam Jesus nicht zur errechneten Zeit wieder? Für den Teil der Adventisten, die sich fast zwanzig Jahre später 1863 als Siebenten-Tags-Adventisten in der ersten Generalkonferenz zusammenschlossen, bildete die Erfahrung von Hiram Edson am Morgen des 23. Oktober 1844 das Initialerlebnis, das die Antwort auf die zutiefst deprimierende Erfahrung der vergeblich erwarteten Wiederkunft bildete. Gerade für dieses Erlebnis aber gibt es recht unterschiedliche Überlieferungen.

Loughborough (1892): Edson mit plötzlicher Erkenntnis

Die erste bislang bekannte Darstellung findet sich in dem 1896 erschienenen Buch Entstehung und Fortschritt der Siebenten-Tags-Adventisten, die darin offenbarte Hand Gottes und eine kurze Schilderung der Advent-Bewegung von 1831–1844 (die englische Ausgabe wurde 1892 unter dem Titel The Rise and Progress of Seventh-day Adentists herausgegeben). Der Autor, der damals bekannteste adventistische Historiker John Norton Loughborough, berichtete darin: „Hiram Edson … erzählte mir, daß er am Tage nach dem erwarteten Ende im Jahre 1844 hinter aufgestellten Garben auf einem Felde betete und daß der Geist des Herrn mit solcher Macht über ihn kam, daß er beinahe zu Boden geworfen wurde, und ihm geoffenbart ward: ‚Das Heiligtum, welches gereinigt werden soll, ist im Himmel.‘ Er teilte diesen Gedanken O.R.L. Crosier mit, und beide fingen nun an, diesen Gegenstand sorgfältig zu untersuchen“ (S. 80).

Ellen G. White (1891): Erkenntnis im Studium und Gebet

Über die Ereignisse am 22./23. Oktober 1844 berichtete Ellen White in ihrer einige Jahre früher erschienenen Autobiografie Biografischer Abriss (Basel und Hamburg: Internationale Traktatgesellschaft, 1891) ebenfalls. Darin erwähnte sie Hiram Edson nicht, sondern schrieb: „Nach unseren Enttäuschungen jedoch wurde in der Heiligen Schrift unter Gebet und ernster Erbauung sorgfältig geforscht, und nach einer Zeit der Stille ergossen sich erhellende Lichtstrahlen in das uns umgebende Dunkel; Zweifel und Ungewissheit waren zerstreut. Es wurde uns nunmehr klar, daß die Prophezeiung von Dan. 8,14, anstatt sich auf das Reinigen der Erde zu beziehen, auf das Schlußwerk unseres Hohenpriesters im Himmel, auf die Beendigung des Sühnopfers und auf die Vorbereitungen des Volkes, den Tag seines Kommens zu erwarten, hinweist“ (S. 78).

Ebenso erstaunlich ist, dass in ihrem umfangreichen Schrifttum Hiram Edson nur dreimal Erwähnung fand, wobei ein Zitat aus dem Jahr 1904 in Beziehung zu den Erfahrungen nach dem 22. Oktober 1844 steht. In den Special Testimonies, Series B, Nr. 2, schrieb sie: „Viele von unserem Volk begreifen nicht, wie fest und sicher die Grundlagen unseres Glaubens gelegt wurden. Mein Mann [James White], Ältester Joseph Bates, Vater [Stephen] Pierce, Ältester [Hiram] Edson und andere waren mit Begeisterung, Wahrhaftigkeit und edler Anstrengung unter denen, die nach dem Verstreichen der Zeit von 1844 nach der Wahrheit wie nach einem verborgenen Schatz suchten. Ich traf mich mit ihnen und wir studierten und beteten ernstlich. Oftmals blieben wir bis spät in die Nacht zusammen, manchmal die ganze Nacht hindurch, betend um Licht und forschend im Wort Gottes. Wieder und wieder kamen diese Brüder zusammen zum Studium der Bibel, um die Bedeutung des Textes zu erkennen und vorbereitet zu sein, das Wort mit Vollmacht zu predigen. Und wenn sie bei ihrem Studium an eine Stelle kamen, wo sie sagten: Wir können nichts mehr tun, da kam der Geist des Herrn auf mich, nahm mich in eine Vision und gab mir eine klare Erklärung der Textabschnitte, die wir gerade studiert hatten, zusammen mit Hinweisen, wie wir damit umzugehen und es wirksam lehren sollten. Jenes Licht wurde uns gegeben als Hilfe, die Schrift zu verstehen in Bezug auf Christus, sein Wirken und seinen Priesterdienst“ (zitiert in Selected Messages, Vol. 1, S. 206 f.).

Manuskript-Fragment Edsons (1921): Vision vom geöffneten Himmel

Im Gegensatz zu den Aussagen von Ellen G. White und John N. Loughborough erschien am 23. Juni 1921 im Review & Herald auf den Seiten 4 und 5 ein Bericht, demzufolge Hiram Edson am 23. Oktober 1844 nach dem Frühstück zu einem der Brüder gesagt habe: „Laß uns zu den Brüdern gehen, um sie zu ermutigen. Wir gingen los und als wir durch ein weites Feld gingen, wurde ich etwa in der Mitte des Feldes am Weitergehen gehindert. Der Himmel schien mir geöffnet und ich sah klar und deutlich, daß unser Hoherpriester, anstelle am Ende der 2300 Tage aus dem Allerheiligsten des himmlischen Heiligtums, am 10. Tag des siebenten Monats zu uns auf die Erde kommt, zum ersten Mal an diesem Tag die zweite Abteilung des Heiligtums betrat und dort im Allerheiligsten eine Aufgabe ausführt, bevor er auf die Erde kommt.“ Als Quelle für diesen Bericht wurde ein Manuskript-Fragment von Hiram Edson angegeben, das vorher wohl nicht bekannt gewesen war.

Dieses Dokument verwendete einige Jahre später LeRoy Edwin Froom in The Prophetic Faith of Our Fathers (1954). Er beschrieb die Situation auf dem Kornfeld folgendermaßen: „Edson stand, tief in anbetender Haltung, das Gesicht nachdenklich aufwärts gerichtet zum grauen Himmel und betete um Licht. Er sann nach über die biblische Bedeutung des Priesterdienstes Jesu Christi in Gottes himmlischem Heiligtum und auch darüber, wie sie Sein Erscheinen am Tag der Versöhnung zum Segen für alle Wartenden ersehnt hatten. Edson wartete in seiner Verwirrung auf eine Antwort. Plötzlich ging ihm der Gedanke durch den Sinn, daß es zwei Phasen des Dienstes Christi im Himmel gibt, genauso wie im alten irdischen Heiligtum. Nach seinen eigenen Worten erfüllte ihn eine überwältigende Überzeugung. Anstelle daß unser Hoherpriester aus dem Allerheiligsten des himmlischen Heiligtums am 10. Tag des siebenten Monats am Ende der 2300 Tage auf die Erde kommt, betritt er zum ersten Mal an diesem Tag die zweite Abteilung des Heiligtums und führt dort im Allerheiligsten sein Werk aus, bevor er auf die Erde kommt“ (Band IV, S. 881).

Damsteegt: Manuskript enthält spätere Einflüsse

Mit dieser plastischen Beschreibung war das Initialerlebnis für jeden verständlich beschrieben. Doch dem steht das Schweigen von Ellen G. White entgegen. Es ist bemerkenswert, dass in der großen sechsbändigen Ellen-G.-White-Biografie, die in den 1980er Jahren von ihrem Enkel Arthur White herausgegeben wurde, im Band 1: Ellen G. White: The Early Years, Volume 1, 1827–1862 die Erfahrung von Hiram Edson – wie schon in der oben genannten Autobiografie – nicht erwähnt wird, sondern nur der Name Hiram Edson eine sehr allgemeine Erwähnung im Zusammenhang mit der Enttäuschung am 22. Oktober 1844 fand, aber keinerlei Hinweis auf die Vision bzw. den Gang durchs Kornfeld (S. 53/54).

Eine mögliche Lösung für diese unterschiedlichen Überlieferungen könnte bei P. Gerard Damsteegt, Foundations of the Seventh-day Adventist Message and Mission, zu finden sein. Er schrieb bereits 1977 in einer Fußnote zu den unterschiedlichen Überlieferungssträngen: „Obwohl das Manuskript von Edson [gemeint ist das Manuskript-Fragment, auf das sich der Artikel von 1921 bezieht] eine autobiografische Quelle darstellt, wurde es verwendet, weil es für Siebenten-Tags-Adventisten die klassische Beschreibung der Interpretation der großen Enttäuschung darstellt. Als solches ist es eine wertvolle Quelle für das adventistische Selbstverständnis. Diese Quelle steht nicht im Widerspruch zu dem Quellenmaterial von 1845, obwohl es möglich ist, dass das Manuskript spätere Einflüsse wiedergibt“ (S. 117).

Christus im Zentrum

Was geschah am Morgen des 23. Oktober 1844? Wir wissen es nicht, und die historischen Quellen lassen verschiedene Versionen zu. Ganz abgesehen davon, dass das Manuskript-Fragment, in dem Hiram Edson über seine Erlebnisse berichtete, erst etwa vier Jahrzehnte nach seinem Tod und sechs Jahre nach dem Tod von Ellen G. White auftauchte. Fest steht aber, Edson und zwei andere Adventisten, Crosier und Hahn, beschäftigten sich in den Monaten nach der Enttäuschung mit dem alttestamentlichen Versöhnungsdienst und seiner Beziehung zu Christus, wobei sie sich eingehend mit den Kapiteln 8 und 9 des Hebräerbriefes auseinandersetzten. Die Ergebnisse ihres Studiums veröffentlichte Crosier 1845/46 in den Zeitschriften Day Dawn und Day Star. Ihre Ergebnisse trugen nicht unwesentlich dazu bei, dass die Vorstellungen über die sog. „geschlossene Tür“ (Shut-Door-Theorie) nach und nach aufgegeben wurden. Auch wenn die Ausformung der Heiligtumslehre noch Jahrzehnte in Anspruch nahm, so öffnete sie doch den Weg aus der Krise der Enttäuschung hin zu einer weltweiten Kirche, die sich zu Jesus Christus als der Mitte des Glaubens bekennt.               

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