Wo ist der verschwundene Anhalter geblieben?
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Mitte der 1980er Jahre hörte ich im Kindergottesdienst eine merkwürdige Geschichte: Ein Pastor, der mit Namen genannt wurde, nahm vor kurzem auf einer Autofahrt einen Anhalter mit. Im Gespräch machte der Anhalter sehr schnell deutlich, dass er die Lebensumstände des Pastors genau kannte. Dann sprach der Anhalter einen bemerkenswerten Satz: „Es werden keine zehn Jahre mehr vergehen, dann wird Christus wiederkommen!“ Kaum hatte der Anhalter das gesagt, war er verschwunden und sein Sitz entgegen allen Naturgesetzen plötzlich leer. – Auf mich als Kind übte die Geschichte eine unwahrscheinliche Faszination aus. Denn die Erzählerin war sich absolut sicher, dass sich das wirklich so zugetragen hatte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, an dieser merkwürdigen Kindergottesdienstgeschichte zu zweifeln. Vor wenigen Monaten erzählte mir ein Student aus München von einer sonderbaren Begebenheit: Zwei Frauen, Bekannte einer Bekannten, waren unlängst auf der A8 zwischen München und Salzburg unterwegs, als sie an einer Raststätte einen Anhalter mitnahmen. Während der Fahrt teilte der unbekannte Anhalter plötzlich mit, dass das Weltende sehr nahe sei – und schon war er verschwunden. Die beiden Damen hielten sofort an und riefen die Polizei herzu, um von ihrem so sonderbaren Erlebnis zu berichten. Der Polizist, der sich die Schilderung anhörte, entgegnete schließlich, dass dies in jüngster Zeit bereits mehreren Autofahrern auf dieser Strecke widerfahren sei. Dies alles, so der Student, habe sich wirklich so zugetragen. Im Fokus der ForschungWas mag das für ein seltsamer Anhalter sein, der über Jahre hinweg immer wieder Dinge kundtut und plötzlich verschwindet? – Nicht der vermeintliche Anhalter führt uns zur Lösung, sondern das Eigenleben der Geschichte selbst. Sie wird seit langem an vielen Orten überall auf der Welt erzählt. Die genauen Umstände können sich ändern, aber jedes Mal soll das Erlebnis in der Nähe und erst vor kurzer Zeit stattgefunden haben. Amerikanische Erzählforscher sammelten seit den 1960er Jahren viele Versionen von The Vanishing Hitchhiker, dem verschwundenen Anhalter. Nach den Erzählungen tauchte er 1978 in Arizona auf und sagte: „Jesus ist coming again.“ In einem Vorort von Buffalo sagte der Anhalter 1972, „He’s coming soon“ – und verschwand jeweils in gleicher Weise.1 Die Zahl der erzählten Versionen ist groß. Eine Hamburger Forschungsarbeit untersuchte an über 200 Variationen vom verschwundenen Anhalter, wie sich diese Geschichte beim mündlichen Weitertragen verändert.2 Unter Menschen mit einem gemeinsamen Schicksal oder einer gemeinsame Sichtweise verbreitet sich die Geschichte besonders gut. So stieß eine israelische Forschergruppe im Umfeld von getöteten Militärangehörigen auf eine Fülle von analogen Erzählungen.3 Bei allen Versionen vom mysteriösen Anhalter wird unterwegs eine unbekannte Person mitgenommen, deren wahre Identität auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Entweder ist sie ein hilfreicher Engel, ein unbekanntes Wesen oder eine bedrohliche Gestalt. Oft bleibt von dem Anhalter etwas zurück: ein Geheimwissen, eine Botschaft, ein Kleidungsstück oder unter besonders dramatischen Umständen sogar ein Körperteil. Der Anhalter selbst jedoch, sei er gut oder böse, ist plötzlich verschwunden. Seine wahre Identität bleibt im Dunkeln. Wo liegt der Ursprung dieser Erzählung? Der britische Volkskundler Gillian Bennett verfolgte ihre Spur bis ins 17. Jahrhundert zurück, zu Sagen von Wandergeistern.4 Im Erzählen lebendigDie Geschichte vom verschwundenen Anhalter ist das Paradebeispiel für eine spezielle Gattung von Erzählungen. Sie werden „urbane Legenden“, „Großstadtmythen“, „merkwürdige Geschichten“ oder „moderne Sagen“ genannt, die mündlich weitergetragen werden. Seit rund 50 Jahren beschäftigt sich die Erzählforschung, ein junger Zweig der Kulturwissenschaft, mit ihnen. Die Forscher stießen auf eine enorme Fülle von merkwürdigen Geschichten, die verbreitet werden.5 Weil sie von der mündlichen Weitergabe leben, erstarren die Geschichten nicht zu einer abschließenden Form, wie es bei einer Verschriftlichung passiert, beispielsweise bei Grimms Märchen. So bleiben die modernen Sagen lebendig, weil sie bekannte Alltagssituationen (z.B. eine Autobahnstrecke) aufnehmen und den Anschein eines aktuellen Geschehens erwecken. Sie bleiben im Gedächtnis hängen, denn sie sind irgendwie spektakulär: übernatürlich oder gruselig, in jedem Fall aber außergewöhnlich. Wohl am wichtigsten ist, dass die Erzähler fest vom Wahrheitsgehalt der Geschichte überzeugt sind. Zwar ist es in der Regel nicht ihnen selbst passiert, wohl aber ganz sicher dem Freund eines Freundes oder der Cousine eines Kollegen. Das wirkt noch sehr greifbar – ist aber zugleich weit genug entfernt, als dass man es überprüfen könnte. Weil die Hörer den Erzähler persönlich kennen und ihm vertrauen, kann die brisante Geschichte schnell von Mensch zu Mensch springen und sich dabei immer wieder anpassen. Identität und RechtfertigungWarum fasziniert die Geschichte von dem verschwundenen Anhalter so? Die geschilderten Versionen wurden unter Christen erzählt, denen die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi ein wichtiger Glaubenspunkt ist. Hier erfüllt sie unbewusst eine Funktion: Hörer und Erzähler stärkt sie in dieser Identität.6 Die Geschichte bestätigt die Erwartung der Wiederkunft und vermittelt, dass dieser Glaubenspunkt wichtig ist. Wo eigene Zweifel an dieser Erwartung bestehen oder wo man deswegen vor anderen unter Erklärungsdruck gerät, bietet die Geschichte vom verschwundenen Anhalter eine vermeintliche Rechtfertigung.7 Das Sensationelle an der Geschichte, die Stärkung der Identität und die Rechtfertigung der eigenen Ansicht machen die Geschichte beliebt. Sie tut gut. Das gelingt freilich nur so lange, wie Hörer und Erzähler überzeugt sind, dass die Geschichte wirklich wahr ist. Wer daran Zweifel äußert, kann schnell den Unmut von Hörern und Erzählern auf sich ziehen, weil sie damit ihrer gewonnenen Identitätsstärkung und Rechtfertigung beraubt würden. Mysteriöse PapstschwesterModerne Sagen können auch in einem unscheinbareren Gewand daherkommen und ihre Funktion still und heimlich erfüllen. Im Herbst 2008 hörte ich bei einer adventistischen Jugendveranstaltung folgende Erzählung, die von einem angesehenen Redner überzeugend vorgetragen wurde: Der verstorbene Papst Johannes Paul II. habe eine Schwester gehabt, die Adventistin gewesen sei. Aus ihrer Überzeugung heraus habe sie ihrem Bruder, dem Papst, das Buch Der große Kampf von Ellen G. White als Lektüre gegeben, was der Papst auch interessiert studiert habe. Was macht diese Geschichte populär? Der Adventismus hat gegenüber dem Katholizismus eine beinah verschwindend geringe Anhängerschaft. Unter Adventisten ist daher an einigen Stellen die Sorge anzutreffen, dass sich eine starke katholische Kirche gegen unterlegene Adventisten richten könnte und sie dann Repressionen erdulden müssten. Die Vorstellung von einer Adventistin als Schwester des Papstes erfüllt hier eine Schutzfunktion: In der Person der Schwester steht der Adventismus auf Augenhöhe mit dem Oberhaupt der römischen Kirche. Das kann ein Unterlegenheitsgefühl teilweise ausgleichen und die konfessionelle Identität aufwerten. Auch der Rechtfertigungsaspekt tritt hier hinzu: Insbesondere in einem katholisch geprägten Umfeld wie Oberbayern kann ein Hinweis, dass die Schwester des Papstes Adventistin sei, die eigene Zugehörigkeit zur Adventgemeinde rechtfertigen. Kurioserweise wird dabei ausgerechnet durch die Autorität des Papstes das Adventistsein aufgewertet. Eine Geschichte wechselt ihren MantelDie Erzählung lässt sich schnell als eine moderne Sage entlarven. Papst Johannes Paul II. war der gebürtige Pole Karol Józef Wojtyła. Seine Eltern Emilia und Karol hatten tatsächlich eine Tochter. Ihr Name war Olga. Sie erblickte schon sechs Jahre vor Karol Józef das Licht der Welt. Doch Olga starb kurz nach ihrer Geburt.8 Johannes Paul II. hat seine ältere Schwester nie kennengelernt.Die Geschichte von der Schwester des Papstes enthält ein Motiv, das auch ältere Erzählungen aufweisen. Es beschreibt den verborgenen Kontakt einer kleinen Gruppe zu einer mächtigen Person der Zeitgeschichte. So erzählte man während der NS-Zeit über Hitler, dass er nach seiner Verwundung beim Putsch von 1923 von einer Adventistin gepflegt worden sei. Damit wurde in jener Zeit vermittelt, dass der Diktator gegenüber Adventisten in der Schuld stünde und deshalb eine rigorose Verfolgung nicht zu erwarten sei. Andere erzählten, dass Hitler in München bei einer Adventistin gewohnt habe, bei der er Den Großen Kampf studiert habe und so mit adventistischen Traditionen in Berührung gekommen sei. Wieder andere meinten, die Mutter von Hitlers Chauffeur soll eine Adventistin gewesen sein.9 Vergleichbares kursierte in der Zeit der DDR über die Tochter von Erich Honecker. Moderne Sagen passen sich der jeweiligen Situation an und erwecken so einen authentischen Eindruck. Kulturphänomen „Moderne Sagen“Das Phänomen der modernen Sagen zeigt, dass der moderne Mensch nicht weniger offen für seltsam merkwürdige Geschichten ist als die Generationen vor ihm. Die Begeisterung für moderne Sagen ist nur allzu natürlich. Sie sind Teil unserer Kultur und in Studenten- und Seniorenkreisen gleichermaßen anzutreffen. Sie spiegeln Ängste und Sorgen genauso wider wie Sehnsüchte und Hoffnungen. So verständlich die Faszination für moderne Sagen ist – man kann durch sie unbewusst beeinflusst werden, ohne dass die Gründe dafür Substanz und Berechtigung haben. Im religiösen Bereich, wo es um Glauben und Vertrauen geht, können moderne Sagen für eine vermeintliche „Quelle der Wahrheit“ gehalten werden, wenn man sie nicht kritisch hinterfragt. Merkwürdige Geschichten bieten für den Glauben keine tragende Gewissheit, wohl aber einen schleichenden Übergang vom Glauben zum Aberglauben. Übt eine merkwürdige Geschichte eine große Faszination auf den Hörer aus, kann sie eine Eigenmächtigkeit über den Hörer erlangen. Einfache Fragen vermögen es, diese Wirkung zu bremsen: Wie plausibel ist das Gehörte? Gibt es andere Personen oder zuverlässige Quellen, die mir das bestätigen können? Wie vereinbar ist es mit dem christlichen Glauben und seinem biblischen Zeugnis? Hat die Geschichte einen bestimmten Zweck, will sie mich zu einer bestimmten Überzeugung oder zu einer Handlung führen (z.B. zu einer Geldspende)? Und nicht zuletzt: Bin ich voreingenommen, weil ich mir wünsche, dass das Gehörte wahr ist? Wahrheit muss eine Prüfung nicht scheuen. Und Gewissheit gibt es erst dort, wo Zweifel zugelassen wird. 1 Jan Harold Brunvand, The Vanishing Hitchhiker. American Urban Legends and Their Meanings, New York 1981, 38 f. Neben den erzählten Versionen hat Brunvand eine umfangreiche Bibliografie zum verschwundenen Anhalter zusammengestellt. 2 Birte Asmuß, „Veränderung und Kontinuität in ‚modernen Sagen’. Untersucht am Beispiel des Typs ‚Der verschwundene Anhalter’“, Magisterarbeit Universität Hamburg, 1991. 3 Aliza Shenhar, „Israelische Fassungen des verschwundenen Anhalters“, in: Fabula 26 (1985), 245-253. 4 Gillian Bennett, „The phantom hitchhiker. Neither modern, urban or legend?“, in: Paul Smith (Hg.), Perspectives on contemporary legend, Sheffield 1984, 45-63. 5 Am bekanntesten sind die kommentierten Sammlungen merkwürdiger Geschichten, die Rolf Wilhelm Brednich zusammengestellt hat und die in mehrfacher Auflage erschienen sind: Rolf Wilhelm Brednich, Die Spinne in der Yucca-Palme (München 1990), Die Maus im Jumbo-Jet (1991), Das Huhn mit dem Gipsbein (1993), Die Ratte am Strohhalm (1996), Der Goldfisch beim Tierarzt (1997), Pinguine in Rückenlage (2004). 6 Birgit Schweizer hat die Identitätsbildung als die Funktion der „merkwürdigen Geschichten“ erkannt. Birgit Schweizer, „Inhalte, Funktionen und Einflussfaktoren ‚Merkwürdiger Geschichten’. Was und warum wird erzählt?“, in: Eckart Frahm (Hg.), Merkwürdige Geschichten, Tübingen 2005, 137-156. 7 Nach Lehmann können Erzählungen die Funktion haben, eine Ansicht oder ein Verhalten zu rechtfertigen, das von der Allgemeinheit abweicht. Albrecht Lehmann, „Rechtfertigungsgeschichten“, in: Fabula 21 (1980), 56-69. 8 Tod Szulc, Papst Johannes Paul II. Die Biographie, Stuttgart 1996, 23. 9 Johannes Hartlapp, Siebenten-Tags-Adventisten im Nationalsozialismus, Göttingen 2008, 581. |
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