Von Ulm an der Donau nach Belém am Amazonas

Kann man von Ulm an der Donau bis nach Belém am Amazonas schauen? Zugegeben, eine seltsame Frage, selbst wenn es sich um die Stadt mit dem höchsten Kirchturm der Welt handelt. Einige Bürger Ulms sind zwar für ihre außergewöhnlichen Ideen und Vorhaben weltbekannt – man denke nur an die Flugversuche des „Schneiders von Ulm“ oder an den gebürtigen Ulmer Albert Einstein und dessen Relativitätstheorie – doch bis nach Brasilien reicht selbst der Blick des weitsichtigsten „Ulmer Spatzen“ nicht. Oder vielleicht doch? Hans Mayr hat es jedenfalls versucht – und geschafft. Der Beweis dafür liegt im Historischen Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten an der Theologischen Hochschule Friedensau. Dort habe ich ihn mithilfe des kundigen Archivars Dr. Daniel Heinz vor kurzem gefunden und dabei überraschende Entdeckungen gemacht. Doch der Reihe nach.

Anfang Juli 2009 erhielt ich eine Einladung zur Einweihung des Amazon Adventist College in Mosqueiro bei Belém im Norden Brasiliens. Belém (deutsch: Bethlehem) ist mit ca. 1,5 Mio. Einwohnern die größte Stadt am Äquator und für ihre zahllosen Mangobäume berühmt. Als Hauptstadt des Bundesstaates Para – er ist zu 87% mit Regenwald bedeckt – bildet sie das wichtigste Eingangstor zum Amazonasgebiet. Dort entsteht zurzeit eine neue adventistische Hochschule, die Faculdade Adventista da Amazônia. 2010 wird sie für Theologiestudenten die Türen öffnen, soll aber zu einer (Voll-)Universität mit mehreren Fachbereichen und über 1.500 Studierenden ausgebaut werden. Die nordbrasilianische Union hat über 350.000 Gemeindeglieder und wächst pro Jahr um weitere 50.000. Sie benötigt deshalb dringend ausgebildete Pastoren.

Als Professor Valdimiro Laurindo de Sousa, der Rektor der neuen Hochschule, mir die Einladung zukommen ließ, zögerte ich zunächst. Zum einen waren die Sommermonate bereits verplant und ich hatte verbindliche Zusagen bezüglich der Fertigstellung eines Buchmanuskripts gegeben. Zum anderen verband mich innerlich eigentlich nichts mit dem fernen Brasilien, dem fünftgrößten Land der Erde. Besser gesagt: fast nichts – denn schließlich gab es ja zwei brasilianische Studenten in Friedensau. Seit Oktober sind es sogar vier – und sie werden sicher nicht die letzten sein. Trotzdem bezweifelte ich die Wichtigkeit eines solchen Besuchs.

Nach anfänglichem Zögern entschied ich mich schließlich doch, die Einladung anzunehmen und mit dem ortskundigen Übersetzer und Friedensauer Studenten Jeferson de Oliveira – er stammt selbst aus Belém! – für eine Woche nach Brasilien zu fliegen. Ich sollte es keinesfalls bereuen. Denn schon als ich das Friedensauer Archiv aufsuchte, um etwas über Adventisten in Brasilien und ihre Beziehungen zu Deutschland zu erfahren, machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Sie hat mit besagtem Hans Mayr zu tun, dem ersten Siebenten-Tags-Adventisten am Amazonas überhaupt und dem eigentlichen Pionier der dortigen Adventmission. Mehr noch, ich entdeckte dabei, dass seine Lebensgeschichte meine eigene Biografie ebenfalls auf überraschende Weise indirekt berührt. Dadurch wurde aus einer unerwarteten Dienstreise eine die Vergangenheit, Gegenwart sowie die Zukunft umgreifende, spannende Entdeckungsreise.

Die wenigen Briefe und Artikel von und über Hans Mayr im Friedensauer Archiv machten mir bewusst, wie eng doch die Verbindung zwischen Adventisten in Deutschland und ihren Schwestergemeinden im Norden Brasiliens ursprünglich war. Auch das Amazon Adventist College ist eine späte Frucht der Pionierarbeit von Hans Mayr, der jedoch bald im Schatten Leo Halliwells und seiner berühmten „Lichtträger“-Boote stand. Seit kurzem hat „Luzeiro I“ auf dem Campus der Faculdade Adventista da Amazônia einen neuen Heimathafen gefunden, für die Einweihung der neuen Hochschule frisch gestrichen und unter ein schützendes Dach gestellt (Bild unten). Das zehn Meter lange Boot soll in der künftigen Bibliothek einen (denk-)würdigen Platz finden, soll umgeben sein von den Studierenden und vielen Büchern. Die „Ulm an der Donau“ gibt es längst nicht mehr, ihr Erbauer ist hier wie dort kaum noch jemandem bekannt.

Auf diese Weise wurde unser Besuch in Brasilien auch zu einer Reise wider das Vergessen. In den fast täglichen Predigten bzw. Jugendmeetings in verschiedenen Gemeinden Beléms – im klimatisierten Gemeindesaal ebenso wie im schlichten Versammlungsraum im Armenviertel – erzählten wir von Hans Mayr und seiner Pionierarbeit am Amazonas. Dabei stießen wir überall auf großes Interesse. Eine Frau, die kürzlich selbst ein Buch über Leo Halliwell geschrieben hatte, schenkte mir zum Abschied einige Originalfotos von den „Luzeiros“ und vom Ehepaar Halliwell. Obwohl am breiten Amazonas aufgenommen, erinnern sie mich doch irgendwie an die Donau in Ulm...

Auch bei der Übergabe des Gastgeschenks zur Einweihung des Amazon Adventist College am 16. August 2009 – ein in Holz gerahmtes Bild des Christusmonogramms in der Rosette der Friedensauer Kapelle, umgeben von den vier reformatorischen Leitsätzen – hatte ich Gelegenheit, Hans Mayrs Geschichte zu erwähnen. Er selbst wäre sicher überglücklich gewesen, wenn er diesen Tag noch erlebt hätte. Es ist an uns, ihn und sein Wirken nicht zu vergessen; er hat eine gründliche Forschungsarbeit verdient. Sie könnte dazu beitragen, die Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland, zwischen der Faculdade Adventista da Amazônia und der Theologischen Hochschule Friedensau zu vertiefen. Doch schon jetzt verbindet mich mit dem großen Land am Amazonas weitaus mehr, als ich mir vor der Einladung nach Belém je hätte träumen lassen.

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