Hans G. Mayr – (un)vergessener Pionier in der „grünen Hölle“

Hans Mayr wurde am 25. Januar 1905 in Ulm an der Donau geboren. Seine Eltern gehörten zur dortigen Adventgemeinde, die erst zwei Jahre zuvor gegründet worden war. Besonders liebte der kleine Hans die spannenden Missionsgeschichten, die „Tante Bacher“ den Kindern jeden Sabbat erzählte, sowie die Missionseinsätze, die sie mit ihnen unternahm. Mit dabei waren sein älterer Bruder Karl, sein jüngerer Bruder Wilhelm und dessen gleichaltriger Freund Hans Pöhler (mein Vater!).1 Hans Mayr erinnerte sich gern an die Jugendstunden, die in der Villa des Grafen von Zeppelin stattfanden, sowie an zwei Ulmer Gemeindeglieder, die in die Mission gingen: Krankenpfleger A. C. Enns (er wurde 1903 von Friedensau nach Afrika gesandt) und eine Krankenpflegerin, die bei Haile Selassie in Äthiopien arbeitete.

„Von klein auf fühlte ich mich berufen, ein Streiter Jesu zu sein“, schrieb Hans Mayr später. Schon früh fasste er den Entschluss, ein selbstunterhaltender Missionar unter den Indianern am Amazonas zu werden. Sein Vater wehrte mit gewichtigen Argumenten ab: Du bist noch zu jung, dazu völlig unerfahren, ohne Berufsausbildung und Sprachkenntnisse und zudem völlig mittellos! Doch Hans ließ sich nicht beirren. Als die Predigerschule in Kirchheim/Teck 1922 geschlossen wurde und in Bad Aibling kein Platz mehr für ihn war, bedrängte er seinen Vater erneut: „Ich kenne Jesus und die Bibel, das ist meine Vorbereitung.“ Reichte das wirklich...?

An seinem 17. Geburtstag gab ihm der Vater schließlich die Erlaubnis, in Begleitung seines Bruders Karl nach Brasilien zu gehen. Anfang März 1922 fuhren sie mit der „Serra Nevada“ von Bremen nach Rio de Janeiro. Bei der Ankunft – es war ein Sabbat – gingen die Kisten verloren, die sie für das Überleben auf dem fremden Kontinent gepackt hatten. Nur das Handgepäck und eine Violine blieben ihnen erhalten. „Wie anders war doch meine Phantasie als die Wirklichkeit“, schrieb er später. Während Bruder Karl Brasilien bald wieder verließ, war Hans als Buchevangelist tätig und studierte dann drei Jahre am Brazil Adventist College in Sao Paulo.

1927 entschloss sich die Kirchenleitung in Brasilien, die „Niederamazonische Mission“ zu gründen. Auf diesen Tag hatte Hans Mayr gewartet! Zusammen mit seinem Freund André Gedrath fuhr er im Mai desselben Jahres als „freiwilliger Missionsarbeiter“ nach Belém – in Begleitung seiner aus Hamburg stammenden Braut Johanna Luise Bräuer. Erst ihr Jawort gab „grünes Licht“ für das mutige Vorhaben! Ihre Hochzeitsreise führte die Frischvermählten somit direkt in die sprichwörtliche „grüne Hölle“ Amazoniens. Hans und André arbeiteten zunächst zwei Jahre als selbstunterhaltende „evangelistische Kolporteure“ in Belém. Dabei nahm sich der eine jeweils die ungeraden Hausnummern in einer Straße vor, der andere die geraden. Doch dann wollten sie auch in der Umgebung arbeiten – aber wie?

Für diesen Zweck bauten sie 1929 auf eigene Kosten zwei Boote, mit denen sie den Amazonas befahren wollten, um Menschen gesundheitlich helfen und evangelistische Literatur verbreiten zu können – Straßen gibt es dort nicht. Hans nannte sein Schiff „Ulm an der Donau“ und erwies so seiner Heimatstadt Reverenz, in der sein Lebenstraum gereift war. Den Motor entnahm er übrigens dem ersten Automobil in Belém; es war bei einem Verkehrsunfall mit einem Esel zu Bruch gegangen...! So wurden die beiden die ersten medical missionary canvassers am Amazonas.

1929 wurde Leo B. Halliwell zum neuen Leiter der nordbrasilianischen Mission berufen. Halliwell – der bis heute in Brasilien überall bekannte und verehrte adventistische Amazonasmissionar – fuhr mit Mayr und Gedrath auf dem Amazonas und übernahm von ihnen die Idee der Missionsboote. Er warb erfolgreich um Spenden und ließ damit 1931 sein erstes Missionsboot bauen, dem er den Namen „Luzeiro“ (Lichtträger) gab. Es diente ihm und seiner Frau Jessie als schwimmendes Zuhause, Transportmittel und Klinik. Zehn Jahre später folgte „Luzeiro II“, 1943 drei weitere Schiffe gleichen Namens. Insgesamt arbeiteten die Halliwells 25 Jahre auf dem Amazonas.2

Für Hans selbst bot sich 1931 die Gelegenheit eines wohlverdienten (und selbst bezahlten) Heimaturlaubs. Daheim in Ulm brachte ihm der adventistische (Zahn-)Arzt Dr. Norbert Zett bei, Zähne zu ziehen – eine überaus nützliche Fertigkeit, die sich in den folgenden Jahren noch oft bewähren sollte. 1934 mussten Hans und Juana (Johanna) – sie waren inzwischen Eltern zweier Kinder geworden – nach sieben aufopferungsvollen Jahren der „Seelenarbeit und Krankenbehandlung“, wie er es nannte, Brasilien verlassen. Die heimtückische Malaria und die unerträgliche Hitze hatten an ihrer Gesundheit gezehrt. In Chile fanden sie gemeinsam mit seinen aus Deutschland eingewanderten Eltern ein neues, festes Zuhause.

1983 verstarb Juana. Doch Hans (er war inzwischen 78 Jahre alt) heiratete noch einmal. Ihm und seiner zweiten Frau Ester Alfaro wurden noch zwei Töchter namens Edelweiss und Carla geschenkt. 2000 schrieb er: „Trotz meiner 95 Jahre betrachte ich meine Arbeit noch nicht als vollendet.“ Eine Farm mit Milchkühen, Kälbern, Pferden und mehreren Gewächshäusern hielt ihn ebenso auf Trab wie der Bau einer neuen Kapelle. Ein Besucher beschrieb ihn einmal so: „Mit seinen 90 Jahren baut er weiter unermüdlich für die Zukunft – hier und im Himmel.“

Am 10. Oktober 2004 (gut 100 Tage vor dem 100. Geburtstag) ging sein langes und erfülltes Leben zu Ende. Ausdauer und Unbeirrbarkeit hatten es ebenso geprägt wie eine tiefe Liebe zu Gott und den Mitmenschen – besonders zu den Indianern am Amazonas. Ein Lebenstraum war in Erfüllung gegangen. Hans Mayr hatte Belém nicht nur mit seinem inneren Auge aus der Ferne gesehen – er war selbst in Amazonien und hat dort Spuren hinterlassen, die weiter reichen, als jedes menschliche Auge erkennen kann. In der Tat – ein ungewöhnliches und beeindruckendes Leben!3

1 Dass mein Vater und Hans Mayr sich persönlich kannten, kam für mich völlig überraschend und verbindet mich in gewisser Weise mit seiner Lebensgeschichte. „Bruder Hans Pöhler ist sicher auch der guten Schwester Bacher gutzuschreiben“, meinte er einmal im Hinblick auf dessen Entscheidung, Prediger zu werden.

2 Der spannende und vielbeachtete Bericht über seine missionarische Pionierarbeit am Amazonas findet sich in Leo B. Halliwell, Light Bearer to the Amazon, Nashville, TN: Southern Publ. Assn., 1945; deutsche Ausgabe: Lichtträger am Amazonenstrom, Zürich: Advent-Verlag, 1947. Während Halliwell die beiden Buchevangelisten namentlich nannte, wurden in der deutschen Ausgabe lediglich „zwei Kolporteure aus dem südlichen Brasilien“ (jeweils S. 7) erwähnt. Waren Hans Mayr und André Gedrath 1947 in deutschen Landen schon vergessen und keiner Erwähnung mehr wert?

3 Die Nachwirkungen seines gesegneten Lebens zeigen sich auch in der (erweiterten) Familie von Hans Mayr: Sohn Karl (in Belém geboren) wurde Musiklehrer an der Universität von Chile. Tochter Mercedes (ebenfalls in Belém geboren) wurde Arztassistentin und heiratete den Chirurgen Axel Butendieck (Karlsruhe und Hameln). Sohn Werner wurde Vorsteher der Chilenischen Union, ADRA-Direktor und Leiter des Verlagshauses in Buenos Aires. Tochter Ruth wurde Krankenschwester und heiratete ein Prediger aus Argentinien. Bruder Karl – sein einstmaliger „Bürge und Leibwächter“ – wurde ebenfalls Prediger. Ein Neffe war Prediger in Chile und später Unionsvorsteher in Madagaskar und Togo, ein anderer Neffe Lehrer an einer adventistischen Schule, eine Nichte Ärztin in Argentinien; zwei Enkeltöchter studierten Medizin in Hamburg und an der Loma-Linda-Universität, eine Enkelin absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester am Krankenhaus Waldfriede in Berlin. Die Liste ist noch nicht vollständig. Da sind noch die Töchter Edelweiss, Carla und andere...

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