Glaube und Marktwirtschaft
Stichwort: Wachstum
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„Wachstum“ ist das Zauberwort in der Krise. Nur erneutes Wachstum, so meint man, könne die Krise überwinden. Es gäbe weniger Arbeitslose, der Staat würde mehr Steuern einnehmen und könnte seine Schulden zurückzahlen, schließlich würde dadurch auch der Wohlstand für alle steigen. Wachstum ist das Schmiermittel der Marktwirtschaft. Ohne Wachstum funktioniert das ganze System nicht, kann die Wirtschaft nicht am Laufen gehalten werden. Deswegen haben Politiker Angst vor dem sogenannten Minus-Wachstum. Gemessen wird das Wachstum an der Veränderung des Bruttoinlandsproduktes (BIP). „Das BIP stellt den nominellen Wert aller im Inland erzeugten Endprodukte und Dienstleistungen während eines Jahres dar.“1 Da das BIP am Geldwert gemessen wird, ist alles gut, was Umsatz bringt. Mehr Auto fahren erhöht das BIP, weniger fahren, dabei Sprit sparen und die Umwelt schonen, ist nicht gut fürs BIP. Und daran setzt auch die Kritik vieler Ökonomen an. Das BIP wird beispielsweise durch die Kosten der Umweltverschmutzung oder Kriminalitätsbekämpfung erhöht. Andere Leistungen, z.B. die viele ehrenamtliche Arbeit oder die Erziehungsarbeit von Müttern und Vätern, werden in dieser Rechnung gar nicht berücksichtigt. Der Blick auf diese Art des Wachstums führt zu paradoxen Entwicklungen, wie wir sie bei der Abwrackprämie erst kürzlich erlebt haben. Mein Autohändler erzählte mir, dass ihm das Herz geblutet hätte, als er ein zwölf Jahre altes Auto, das in hervorragendem Zustand war, der Schrottpresse übergeben musste. Wegschmeißen, neu kaufen, konsumieren – das ist der Wachstumsfetischismus. Das Bruttoinlandsprodukt ist eine rein quantitative Messgröße und sagt nichts über die Qualität des Wachstums. Es kümmert sich nicht um die natürlichen Ressourcen, es fragt nicht nach der Zufriedenheit und dem Glück der Menschen. Die Verteilung des Wohlstandes zwischen Arm und Reich spielt keine Rolle. „Das BIP-Wachstum ist zur Ideologie verkommen.“2 Einige Fachleute haben versucht, das BIP durch eine Messzahl, die z.B. ökologische und soziale Faktoren berücksichtigt, zu ersetzen.3 Wirklich durchgesetzt haben sich diese Konzepte nicht. Darüber hinaus muss man die „Grenzen des Wachstums“ beachten, wie das bereits in den 1970er Jahren der Club of Rome in seiner gleichnamigen Studie verdeutlichte: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“4 Wir können nicht immer so weiter machen, es gibt kein unendliches Wachstum, denn die Ressourcen der Erde sind begrenzt. Unter dem Titel „Wir könnten auch anders“ hat sich DIE ZEIT in einem Dossier diesem Thema gewidmet.5 Eine Welt ohne Wachstum sei möglich. Wir müssten aber zunächst unsere Sicht zur überbewerteten und „heiligen“ Lohnarbeit ändern oder durch ein neues Finanzsystem die Bedeutung des Geldes verringern. Insgesamt hat das etwas mit einer „neuen Bescheidenheit“ zu tun, wie es der Volkswirt Niko Paech ausdrückt. „Wir werden anfangen, unser Leben zu entrümpeln und zu entschleunigen“ (ebd., S. 18). Weniger Fernreisen, mehr selbst reparieren, Produkte länger nutzen. „Die Fachleute reden in diesem Zusammenhang von Suffizienz, zu Deutsch: Genügsamkeit.“6 Wir müssen uns lösen von dem Diktat des Wachstums, unsere Einstellung verändern, umdenken, hin zu einer „Weniger ist mehr“-Philosophie. Voraussetzung dafür ist eine Haltung der Dankbarkeit: „Was immer auch geschieht, seid dankbar, denn das ist Gottes Wille für euch, die ihr Christus Jesus gehört“ (1 Thess 5,18, Neues Leben); und der Zufriedenheit mit dem, was Gott uns in diesem Leben geschenkt hat: „Dadurch wurde mir klar, dass es das Beste für den Menschen ist, sich zu freuen und das zu genießen, was er hat. Denn es ist ein Geschenk Gottes, wenn jemand isst und trinkt und sich über die Früchte seiner Arbeit freuen kann“ (Pred 3,12.13, Neues Leben). 1 Paul Anthony Samuelson und William D. Nordhaus, Volkswirtschaftslehre, 15. Aufl. Wien: Ueberreuter 1998, S. 853. 2 Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl, Das Geschwätz vom Wachstum, Zürich: Orell Füssli 2004, S. 18. 3 Zum Beispiel das wohlfahrtsorientierte Nettoinlandsprodukt: siehe Samuelson und Nordhaus, Volkswirtschaftslehre, S. 489. 4 Donella Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens, Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972; vgl. www.wikipedia.de, Die Grenzen des Wachstums (Zugriff am 03.10.2009). 5 Wolfgang Uchatius, „Wir könnten auch anders“, DIE ZEIT 22 (2009), S. 15 ff. 6 Gasche und Guggenbühl, Das Geschwätz vom Wachstum, S. 87. |
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