„Wie steht’s mit der Religionsfreiheit an Ihrer Schule, Herr Stange?“

Interview mit dem Schulleiter des Schulzentrums Marienhöhe, Darmstadt

Herr Stange, seit 10 Jahren sind Sie Schulleiter auf der Marienhöhe. Erinnern Sie sich an eine konkrete Situation, in der Sie mit dem Thema Religionsfreiheit konfrontiert wurden?

Nein, nicht in der Form, dass daraus Probleme hätten entstehen können. Natürlich wird die Frage der Religionsfreiheit in unseren Andachten und dem Religionsunterricht thematisiert. Da jedoch jeder neue Schüler nur durch ein persönliches Vorstellungsgespräch in die Schule aufgenommen wird, weiß jeder – und die meisten Eltern haben sich vorher auf unserer Homepage über uns informiert –, dass er sich bei einer christlichen Schule bewirbt. In den Gesprächen wird deutlich darauf hingewiesen, dass wir eine Schule in freier Trägerschaft sind, d.h. dass die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten der Schulträger ist.

Laut dem Profil der Marienhöhe nehmen Sie alle Schüler auf, „unabhängig von Konfession, Weltanschauung und politischer Überzeugung […]“.

Gehen auf die Marienhöhe auch Schülerinnen oder Schüler aus nicht christlichen Religionen? Wenn ja, welche sind das?

Ja, wir haben einige wenige Schülerinnen und Schüler, die aus nicht christlichen Religionen kommen. Insgesamt haben sieben diese Angaben gemacht, zwei aus buddhistischen Familien und fünf aus muslimischen. Dass die Gesamtzahl so niedrig ist, hat nichts damit zu tun, dass wir eventuell aus religiösen Gründen jemanden nicht aufnehmen würden.

Am 29.09.2009 hat das Berliner Verwaltungsgericht erstmals einem muslimischen Jugendlichen erlaubt, seine religiöse Pflicht des rituellen Gebets auch in der Schule zu erfüllen. Der Schüler darf nun einmal täglich in einer Pause sein Gebet verrichten.

Wäre solch eine Situation Ihrer Meinung nach auf der Marienhöhe denkbar oder gab es sogar schon einmal einen konkreten Fall, wo jemand seine Religionsfreiheit eingefordert hat?

Denkbar wäre eine solche Situation sicherlich schon. Erfahrung haben wir damit allerdings keine. Es dürfte auch schwer sein, eine öffentliche Schule mit einer Schule in freier Trägerschaft zu vergleichen. Der Ausländeranteil an öffentlichen Schulen ist viel höher als in den Schulen in freier Trägerschaft, da sich die Eltern für die entsprechende Schule freiwillig entscheiden, was bei den öffentlichen nicht immer möglich ist. Der Schulträger und unser Schulkonzept sind den Familien bekannt. Wir bieten einen Reli-gionsunterricht an, an dem, unabhängig von der eigenen Konfession, alle Schüler/-innen gemeinsam teilnehmen. Wir unterscheiden also nicht nach den einzelnen Konfessionen. So werden alle Themen gemeinsam besprochen und diskutiert und jeder bekommt auf diese Weise Informationen, Gedanken der anderen Religionen mit. Die besprochenen Themen können somit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet und be­leuchtet werden. Wir versuchen unseren Religionsunterricht so zu gestalten, dass wir unsere jungen Menschen auch erreichen. Es ist unser Ziel, jeder Schülerin und jedem Schüler etwas Positives für das eigene Leben mit auf den Weg zu geben. Das Fach Religion ist an unserer Schule ein Pflichtfach, so dass sich niemand davon abmelden kann, um als Alternative z.B. Ethik zu wählen. Die Basis unseres Religionsunterrichtes ist die adventistisch-christliche Lehre, für die wir ein vom Staat und der Freikirche anerkanntes eigenes Curriculum haben. In diesem Curriculum werden die nicht christlichen Religionen genauso besprochen wie die christlichen.

Oft ist es so, dass man Religionsfreiheit für sich selbst gerne einfordert, aber gegenüber anderen Menschen und deren Religion Schwierigkeiten mit der Toleranz hat.

Wie ist das an Ihrer Schule?

Es wäre fatal, wenn wir für uns Religionsfreiheit fordern, anderen aber, die mit uns in unserer Schule leben, diese verweigern würden. Bei dieser Grundeinstellung müssen wir nicht auf nicht christliche Religionen zurückgreifen. Dies betrifft auch evangelische, katholische, baptistische u.a. Christen. Jede Religion hat ihre besonderen Erziehungsziele, z.B. Konfirmandenunterricht mit den entsprechenden Freizeiten, von denen meistens auch der Schulunterricht betroffen ist. Es ist unsere Grundregel, den Schülerinnen und Schülern die Teilnahme an diesen Freizeiten etc. zu ermöglichen, d.h. sie vom Unterricht freizustellen. Nur durch die Akzeptanz der anderen Konfessionen und die aktive Auseinandersetzung mit ihnen können wir unsere Religionsfreiheit ausüben.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Religionsfreiheit für das Zusammenleben in einer religiös pluralistischen Gesellschaft?

Vor welchen Herausforderungen sehen Sie hier die Marienhöhe?

In den letzten Jahren erleben auch wir diese pluralistische Entwicklung der Gesellschaft auch im religiösen Bereich. Wir haben jedoch sehr viele Eltern, die die Marienhöhe ganz bewusst als Schule gewählt haben. Für sie spielt gerade das christliche Profil der Schule die entscheidende Rolle, sich für die Marienhöhe zu entscheiden. Sie wissen, dass wir adventistisch-christliche Werte vermitteln, und das, ohne religiöse Werte anderer Konfessionen zu diffamieren. Ein Beispiel aus der Vergangenheit möchte ich an dieser Stelle kurz erwähnen:

Wir hatten einen Schüler, der offen sagte, dass er bekennender Atheist sei. Er hattte sich zusammen mit seinen Eltern dennoch für die Marienhöhe entschieden, weil er durch Freunde über unsere Schule positiv informiert worden war. Er war sich bewusst, dass er am Religionsunterricht teilnehmen muss, aber wir sollten keine großen Leistungen von ihm erwarten. In der Oberstufe entschied er sich dann für den Religionsleistungskurs und erreichte im Abitur ein gutes Ergebnis. Ohne innere Veränderung wählt kein Schüler einen Religionsleistungskurs freiwillig. Mit Druck und Zwang hätten wir das sicherlich nicht erreicht.

Ich bin mir sicher, dass wir den kommenden Anforderungen und Erwartungen in der Frage der Religionsfreiheit gewachsen sind und diese nicht zu fürchten brauchen.

Wie, denken Sie, wird sich das Thema Religionsfreiheit in unserer zunehmend globalisierten Welt in Zukunft entwickeln?

Ich würde mir wünschen, dass in einer zunehmend globalisierten Welt die menschlichen Rechte und Grundbedürfnisse mehr geachtet werden und dass nicht nur der Erfolg und das Geld die Grundsteine für ein Zusammenleben sind. Die Realität lehrt uns leider etwas anderes. Immer mehr jungen Menschen, und nicht nur ihnen, fehlen Werte für ihr Leben, an denen sie sich orientieren könnten. Sie stehen unter enormem Leistungsdruck von allen Seiten, haben aber oftmals keine Ziele. Ihnen fehlen die Maßstäbe, an denen sie sich messen können. Hier könnte eine gelebte Religionsfreiheit eine Alternative sein. Alle Extreme sind für ein positives Zusammenleben schädlich.

Sie planen momentan gerade ein neues Schulgebäude.

Ist dies auch eine Maßnahme, den kommenden Anforderungen gerecht zu werden?

Schön, dass Sie danach fragen. Natürlich hat dies auch mit unseren Zukunftserwartungen zu tun. Ich glaube, dass eine starke Marienhöhe für unsere Freikirche, aber auch für unsere Gesellschaft gut und wichtig ist. Wir benötigen dringend Schul- und Fachräume. Das neue Gebäude wird uns helfen, dass die Marienhöhe sich weiterhin gut entwickelt und junge Menschen auf ihren Start ins Erwachsenenleben mit Wissen und Werten gut vorbereiten kann.

Wir freuen uns über jeden, der dazu beiträgt, die Zukunft der Marienhöhe mit zu gestalten – sei es mit Wohlwollen oder  seinen finanziellen Möglichkeiten.

Spendenkonto:

Schulzentrum Marienhöhe e.V.

Sparkasse Darmstadt

BLZ 50850150

Konto 551600

Die Fragen an Gunter Stange stellte Bianca Zimmer, DIALOG-Redaktion.   

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