Archäologie - „Das gestohlene Brot schmeckt dem Manne gut; aber am Ende hat er den Mund voller Kieselsteine.“ Einige Überlegungen zu Spr 20,17
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Die weisheitliche Literatur der Sprüche wurde geschrieben, „um zu lernen Weisheit und Zucht und zu verstehen verständige Rede, dass man annehme Zucht, die da klug macht, Gerechtigkeit, Recht und Redlichkeit; dass die Unverständigen klug werden und die Jünglinge vernünftig und besonnen“ (Spr 1,2-4). Als eine Zusammenfassung mehrerer Einzelsammlungen gibt uns das Buch der Sprüche einen Einblick in das Verständnis antiker – und hier insbesondere alt-hebräischer – Weisheitsvorstellungen. Daneben stellt diese Sprüche-Überlieferung aber auch eine Quelle von Informationen und Hinweisen dar, die die Kultur, Sitten und Gebräuche der alttestamentlichen Lebenswelt erhellen. Alle Bereiche des täglichen Lebens scheinen weisheitlichen Stoff zu liefern. Hinter den Belehrungen stehen die Erfahrungen eines ganzen Lebens mit seinen Höhen und Tiefen in den vielfältigsten Situationen. Diese Spruchweisheit scheint nicht an eine bestimmte Personen- bzw. Berufsgruppe gerichtet zu sein, sondern richtet sich an das breite Spektrum der Bevölkerung: Der Erfahrungshorizont eines Bauern fließt ebenso ein wie das Erleben eines Kaufmanns oder Beamten in der Stadt. Die großen und kleinen Anliegen des Alltags werden aufgegriffen und verarbeitet. Auf diese Weise wird neben dem eigentlichen Anliegen des Verfassers „das ganze, weite Feld, auf dem sich der Mensch mit seinem Leben und Handeln bewegt, nach allen Richtungen abgeschritten“ (H. Lamparter, Das Buch der Sprüche, S. 158). Oft bekommt ein Spruch erst dann seinen richtigen Sinn, wenn man die dahinter liegende Lebenswirklichkeit erfassen kann. Ein gutes Beispiel bietet Spr 20,17: „Das gestohlene Brot schmeckt dem Manne gut; aber am Ende hat er den Mund voller Kieselsteine.“ Das Backen, Kochen und Braten, insbesondere das Brotbacken, bildete – und bildet auch heute noch – einen wesentlichen Teil häuslicher Aktivität. Ofeninstallationen gehören zu den häufigsten Funden archäologischer Grabungen im Bereich von Haus- bzw. Wohnanlagen. Es handelt sich hierbei zumeist um Ton-lehmöfen. Das Studium dieser Art von Öfen ist deshalb so interessant, da auch heute noch verschiedene Arten von solchen Öfen zum Zwecke des Brotbackens im orientalischen Raum in Gebrauch sind. Da gibt es den wagdiah, eine Ofeninstallation, die aus einer bis zu einem Meter hohen Tonlehmkonstruktion besteht und in der Form einem Bienenkorb ähnelt. Auf halber Höhe wird im hohlen Innern des Ofenraumes eine Metallplatte installiert, auf der das Brot gebacken wird. Unter der Metallplatte wird das Feuer entfacht. Durch eine seitliche Öffnung kann das Brot auf die Platte gelegt und das darunter liegende Feuer versorgt werden. Ein weiterer Ofentypus ist der tannur. Er besteht aus einem krugförmigen Backraum aus Lehm, um den herum eine Schutzkonstruktion aus Lehm bzw. Steinen gefertigt wird. Auch diese Art von Ofen kann eine Höhe bis zu einem Meter erreichen. Das Feuer wird auf dem Boden im Innern angezündet. Eine kleine Öffnung an der Basis des Ofens dient zum Entfernen der Asche. Durch eine größere Öffnung werden beim Brotbacken die Teigfladen von oben an die inneren Seitenwände des tannur geklatscht. Die am weitesten verbreitete Ofenform ist der tabun. Er ist im Vergleich zu den anderen Ofentypen wesentlich kleiner und lässt sich mit einem umgedrehten Kochtopf ohne Boden vergleichen. Auf einer Bodenplatte, die aus an der Sonne getrocknetem Tonlehm besteht, liegt eine Lage kleiner Kieselsteine (in wenigen Fällen können dies auch Tonscherben oder sogar Mosaiksteinchen sein). Darüber erheben sich die Seitenwände im Durchschnitt bis zu 40 Zentimetern. Die oben liegende Öffnung wird mit einem Deckel verschlossen. Beheizt wird diese Art des Ofens zumeist von außen. Nachdem ein schnell brennendes Feuer den Ofen erhitzt hat, wird die Asche und der ganze Ofen mit losem Dung überhäuft, so dass er darunter ganz begraben ist. Der Brennstoff Dung hat den Vorteil, dass er langsam brennt und die Hitze gut hält. Durch regelmäßiges Nachlegen von Dung – zumeist am Abend – wird eine ständige Glut gehalten. Will man die Brotfladen zum Backen in den Ofen legen, wird die über dem Schutzdeckel lagernde Ascheschicht beiseite geschoben, der Deckel abgenommen und der Teigfladen auf die heißen Kieselsteine gelegt. Nachdem die Öffnung wieder verschlossen wurde, kann das Brot backen. Nach wenigen Minuten ist das Brot durch. Neben dem Brotbacken wird der tabun auch gelegentlich zum Fleischbraten genutzt. Da die Dungfeuer ständig glimmen, durchzieht das Dorf ein ständiger Geruch. Daher steht der tannur auch nicht im Haus, sondern in einer extra zu diesem Zweck errichteten Backhütte im Hof. Diese schützt das Feuer vor Wind und Wetter. Nicht jedes Haus im Dorf verfügt über eine solche Backstelle; gewöhnlich teilen sich mehrere Familien einer Sippe einen gemeinsamen tabun. Kommen wir zurück zu unserem Text in der weisheitlichen Sprüchesammlung. Die Erwähnung von Kieseln lässt die Vermutung zu, dass es sich bei dem Brot um einen Fladen handelt, der in einem tabun auf Kieselsteinen gebacken wurde. Diese Art des Backens ist für den Verzehrer des Brotes nicht ganz ungefährlich. Da der Teigfladen unter dem Backvorgang aufgeht, legt er sich um die Kiesel. Beim Herausnehmen des Brotes muss man die teilweise eingeschlossenen Kiesel herausklopfen. Wenn hierbei ein Stein übersehen und nicht das ganze Brot von den eingebackenen Steinen befreit wird, kann das schmerzhafte Folgen für den Esser haben. Wenn also ein Dieb am frühen Morgen an der Backhütte vorbeikommt, in aller Eile einen Fladen aus dem tabun herausnimmt und hastig zu verschlingen beginnt, dann ist damit zu rechnen, dass er unversehens auf einen Kieselstein beißt. So ein frischer Brotfladen mag im ersten Moment für den Dieb eine feine, „gute“ Sache sein, doch wenn dann hinterher der Mund „voller“ Kiesel ist, ändert sich rasch das Wohlbefinden. „Das gestohlene Brot schmeckt dem Manne gut; aber am Ende hat er den Mund voller Kieselsteine.“ Vor dem Hintergrund sowohl antiker als immer noch moderner Backpraxis ein durchaus sinnvoller und beachtenswerter Spruch! |
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