Identiätsfindung im Jugendalter

Prof. Winfried Noack Dr. phil.
„Meine Mutter sagt: ‚Ach komm, ich kenn dich doch!’ Meine Freunde sagen:‚Komm schon, wir kennen dich!’ Wie wollen sie mich alle kennen, wenn ich mich selbst nicht einmal kenne?“ (Sabine,14 J.)
Das Jugendalter, die verletzlichen Jahre,gliedert sich in mehrere Entwicklungsphasen des Jugendlichen. Sie umfassen die Prä-Adoleszenz (10-12 Jahre); die Früh-Adoleszenz (13-15 Jahre); die mittlere Adoleszenz (16-17 Jahre); die späte Adoleszenz (18-20 Jahre); die Post-Adoleszenz (21-25 Jahre).
Das sind die Jahre, in denen sich die Jugendlichen die Fragen stellen, wer sie sind, wer sie sein möchten, wie sie von den Mitmenschen gesehen werden. Mit der Adoleszenz beginnt die Suche nach einer neuen und verlässlichen Identität. Der Jugendliche setzt sich damit auseinander, wer er selbst sein will, welcher Gruppe er sich anschließen möchte, welchen Glauben er annehmen und welchen Beruf er ergreifen möchte.
 

1. Die Zeitstruktur des Nicht-Mehr und Noch-Nicht und der Umbau des Gehirns Wenn ein Kind geboren wird, bringt es 100 Milliarden Neuronen (Gehirnzellen) und 100 Billionen Synapsen (Neuronenverknüpfungen) aus der Mutter mit.

Ab drei Jahren erhöht das Gehirn die Zahlen auf 200 Milliarden Neuronen und 200 Billionen Synapsen, wobei ein einziges Neuron bis zu zehntausend Synapsen entwickeln kann. Dies macht das Kind
grenzenlos lernfähig. Wird nun mit etwa 12 Jahren das Kindesalter verlassen, reduziert
sich beim Jugendlichen die Zahl der Neuronen wieder auf 100 Milliarden und die der Synapsen auf 100 Billionen. Diese Anzahl bleibt dann normalerweise ein Leben lang stabil. Zwischen der jugendlichen Zeitform des Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht liegt ein Dazwischen, ein Chorismos, eine Zeit der Unsicherheit, in der 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Synapsen ab- und umgebaut werden und
neue, bleibende erzeugt werden müssen. Dies ist darum für den Jugendlichen in der Früh- und mittleren Adoleszenz (Jugendalter) eine unsichere, labile, krisenhafte Zeit.

Ab etwa 16 Jahren baut der Jugendliche eine neue, feste Welt in sich auf, in der er das Nicht-Mehr überwindet und seine Identität findet. Bei dem Neuaufbau des Gehirns werden auch ungewöhnliche Ideen und schöpferische Neuerungen gefunden.

2. Der Jugendliche und seine körperliche Identität Im Alter von sechs bis zwölf Jahren lebt das Kind in einer relativ krisenarmen Phase. Es ist die Zeit des selbstgenügsamen („imperialen“) Selbst. Mit etwa
zwölf Jahren zerbricht diese Sicherheit unter dem Ansturm der neuen, überraschenden, übersprudelnden Sexualität. Mit der sexuellen Reifung sind verbunden das Längenwachstum und die Herausbildung der logischen Denkformen.
Das Längenwachstum (die zweite Streckung) bewirkt eine Zeit der Unsicherheit, weil die inneren Maße des kindlichen Körpers mit der neuen Figur nicht übereinstimmen. Überall stößt der frühe Jugendliche an Gegenstände an, die er noch mit seinen kindlichen Entfernungsmaßen beurteilt. Verbunden mit der sexuellen Reifung ist auch die Herausbildung der logischen Denkformen. Der Jugendliche beginnt zwischen 14 und 16 Jahren, logisch zu denken. Er denkt formal-operativ, logisch-stringent, begrifflich und abstrakt. Das befähigt ihn zur Hypothesenbildung und der Ausbildung von Denksystemen. Dieses sind jedoch geschlossene Systeme, gewonnen aus wenigen Elementen seiner Umwelt. Er hält aber diesen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtwirklichkeit für wahr und absolut. Darum ist es wichtig, ihn zu einer allseitigen Bildung zu ermutigen und ihm ein breites Angebot von Wissen für sein Weltbild zur Verfügung zu stellen.
3. Die Grundlage der Identitätsfindung Voraussetzung für eine gelingende Identitätsfindung ist, dass schon das Kind eine frühe Identität ausbildet. Dies geschieht, wenn es ermutigt wird und Urvertrauen, Autonomie, Initiative und Werksinn entwickelt, in einer fördernden Familienkultur aufwächst, Sozialverhalten lernt, sich im Alltag spielerisch zurechtfindet usw. Auf diesem Fundament kann sich eine gesunde Identität im Jugendalter entwickeln. Die jugendliche Zeitform ist das Nicht-Mehr und das Noch-Nicht: Der Jugendliche ist nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener.

3.1 Das Nicht-Mehr Das Nicht-Mehr enthält die Doppelheit Vergessen/Behalten. Was muss der Jugendliche vergessen? Da sind grundlegend die kindliche Unbekümmertheit und das Leben im Augenblick. Das Kind lebte in der Regel in völligem Vertrauen in der Für-Sorge und dem Um-Sorgtsein durch die Familie. Das bedeutete Sicherheit und Aufgehobensein, aber auch Unselbständigkeit. Auch kindliche Eigenschaften wie Trotz, plötzliche Wutanfälle, Beleidigtsein, sich weinend zurückziehen usw.: Dies alles muss bei der Neuorganisation ausgeschlossen werden. Behielte der Jugendliche dies bei, würde aus dem Kindsein Infantilität werden.Andererseits wird der Jugendliche auch das Kindsein behalten. Urvertrauen, Autonomie, Initiative, Werksinn und Freude an der Leistung und der Werkvollendung – all das gilt es zu bewahren und in die Neuorganisation des Selbst zu integrieren.

3.2 Das Noch-Nicht Diese Zeitform verweist den Jugendlichen auf ein Sein-zu, auf etwas, das er sein wird. Das Problem aber ist, dass er zwar weiß, wer er nicht ist, aber noch nicht, wer er ist. Dies ist der Zustand der Identitätsdiffusion. Sie zu überwinden und das künftige Selbst zu finden, geschieht durch die Identitätssuche. Identität wird entdeckt, indem Identifikationsangebote der sozialen Umgebung in das Selbst integriert werden. Nun gibt es in der modernen Gesellschaft unzählige Einflüsse, die auf den Jugendlichen einstürmen und ihn beeinflussen wollen. Er muss sich entscheiden, was er auswählen will. Aber was?
Seine Identität findet er erstens durch zufällige Verinnerlichung von Angeboten seiner sozialen Umgebung. Viele Jugendliche suchen keineswegs bewusst ihre Identität, sondern leben alltäglich dahin, ohne sich um ihr künftiges Selbst zu sorgen. Zweitens suchen andere Jugendliche bewusst ihre Identität aus den Angeboten der Medien, der Jugendkultur, dem Lebensstil der Gleichaltrigengruppe, aber auch immer noch aus der Familienkultur heraus, aus denen sie ihre Identität bilden. Durch unterschiedlichste „Versatzstücke“ entsteht dann eine sogenannte Patchwork-Identität. Dies gilt heute als die Normalidentität Jugendlicher. Drittens kann der Jugendliche, wie ich meine, eine integrierte Identität finden. Dies geschieht durch die Integration verschiedener Teilidentitäten.
• Die berufliche Identität. Über sie entscheidet zunächst die Schulform, die das Kind und der Jugendliche besucht haben. Haupt- und Realschule eröffnen den Weg zu mittleren Berufen, das Gymnasium zu Studium und akademischem Beruf. In jedem Fall ist bei der Berufswahl darauf zu achten, dass der Beruf Befriedigung verschafft, den Lebensunterhalt sichert und auch soziales Ansehen gewährleistet.
• Die soziale Identität beinhaltet Status, Rolle und Positionierung in der Gesellschaft sowie die sozialen Gruppen, denen der Heranwachsende zugehören will.
• Die geschlechtliche Identität beschreibt die Rolle als Mann und Frau. Diese Rollen sind in der modernen
Gesellschaft unsicher geworden. Heute machen mehr als 50% der Mädchen das Abitur und studieren, und auch die Frauen aus den praktischen Berufen sind vom Mann finanziell unabhängig. Der Mann ist keineswegs mehr der einzige Verdiener, von dem Frau und Kinder abhängen. Die Frau- und Mannrolle
wird heute neu verteilt. Dies macht vor allem den Mann unsicher, der seine traditionelle Rolle verliert. Die
moderne geschlechtliche Rolle ist das partnerschaftliche Gleichgewicht der Geschlechter.
• Eine schwierige Aufgabe für den Jugendlichen ist es, seine körperliche Erscheinung zu bejahen. Jugendliche beiderlei Geschlechts empfinden sich oft als unattraktiv und leiden darunter.
Es ist also wichtig, beide Geschlechter darin zu unterstützen, den Körper zu pflegen und gut auszusehen (Ernährung, Sport, Bewegung, Kosmetik, Kleidungsstil, Farbberatung usw.).
• Die weltanschauliche, politische und gesellschaftliche sowie kulturelle Identität eignet sich der Jugendliche durch allseitige Bildung an, indem er sich mit den Forschungsergebnissen der Wissenschaften
auseinandersetzt, sich gesellschaftlich und politisch orientiert und praktisch tätig wird in sozialer Verantwortung oder in der Kunst wie auch auf anderen Gebieten, die ihn mit Freude erfüllen. Die praktische Identität macht den Jugendlichen fähig, sich im Alltag zurechtzufinden.
• Die religiöse Identität spielt für christliche Jugendliche eine entscheidende Rolle. Dabei ist es wichtig, und dies gilt auch für die gesellschaftliche Identität, extreme Einstellungen zu vermeiden
und den Glauben gesund und glücklich zu leben. All diese Teil-Identitäten gilt es nun zu integrieren zu einer Gesamt-Identität. Dies könnte manchen Jugendlichen überfordern. Deshalb ist Identitätsfindung
einerseits Identitätsarbeit. Sie fällt nicht in den Schoß; sie ist keine zufällige Identität. Andererseits ist der Jugendliche in der mittleren Adoleszenz offen für Bildung und Angebote, die ihn fördern.
Die Eltern und die Familie haben eine große Bedeutung für die positive Entwicklung der Jugendlichen. Zur Identitätsfindung tragen sie doppelt bei. Einerseits direkt über die Erfahrungen, die die Heranwachsenden in ihrer Familie sammeln, und andererseits dadurch, dass die Familie die Jugendlichen ermutigt, an den unterschiedlichsten Aktivitäten teilzunehmen und sich auszuprobieren. Weitere Erwachsene in der Schule oder Ausbildung und in einer christlichen Gemeinde sowie gleichaltrige Freunde können diesen Prozess unterstützen.
 

4. Reife Identität Wenn der Jugendliche seine Identität gefunden hat, und dies geschieht während der Post-Adoleszenz, wagt er sie aufs Spiel zu setzen, indem er sie mit anderen teilt. Daraus erwachsen die Intimität und das schöpferische Handeln. Intimität ist aufs engste verbunden mit der Liebe. In der Neuzeit wird Liebe zu einer persönlichen, individuellen Beziehung. Der Liebende fragt, welche Folgen sein Handeln für den anderen haben mag. Diese Sorge kann sich so sehr verdichten, dass der Geliebte eine solche Suche nach Verständnis, Übereinkunft und Unterstützung zeigt, dass er die Weltsicht des Liebenden übernimmt. Liebe ist also die Konstruktion der Welt mit den Augen des anderen. Die Liebenden werden in die jeweilige andere Welt eingeschlossen und sie sehen sie mit den Augen des anderen. Der Liebende sieht den Geliebten als Person; das bedeutet, in der Beziehung zu sich selbst und seiner Umwelt. Er erblickt die Umwelt des anderen und stellt sich auf sie ein. Neben der liebenden Kommunikation lebt die Liebe auch davon, was gemeinsam an Schönem erlebt wurde. Wenn die Liebe über sich selbst nachdenkt, merkt der Liebende, dass Liebe nur durch Liebe begründet werden kann, sich nur auf Liebe bezieht und sich nur entwickeln kann, wenn sie sich mit der Liebe des anderen verbindet. Weil aber die Liebe nach unserer modernen Auffassung nur als individualisierte Personenbeziehung verstanden werden kann, vermag diese die Liebe zu gefährden. Je mehr sich die Person individualisiert, desto mehr muss der andere diese Individualbedürfnisse erfüllen. Und weil beide sich individualisieren, kann es zu Konflikten kommen, die aus der Perspektivverdunklung des jeweils anderen kommen.

Hier möchte ich noch einmal auf die starke Sexualität in der Zeit ab etwa 14 Jahren zurückkommen. Möglicherweise wird der Drang zur Sexualität mit Liebe verwechselt und die sexuelle Hingabe an einen Partner als Liebe erlebt. So kommt es zu häufig wechselnden Partnerschaften. Gerade früh arbeitende Jugendliche erleben das, und durch eine Schwangerschaft des Mädchens verbauen sie sich weitere Bindungserfahrungen. Gelingt jedoch mit dem Eintritt in die Phase einer reifen Intimität und der Generativität (schöpferisches Handeln) die Identitätssuche und -findung, wird sie in der Folgezeit wachsen und weiter reifen.
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