Wie das Zusammenleben von Jung und Alt in der Gemiende gelingen kann
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In der Gemeinde geht es ähnlich zu wie in einem Familienauto mit nur einem Radio, in dem sich die Eltern und zwei Jugendliche auf den langen Weg nach Griechenland machen. Wer darf bestimmen, welcher Sender gehört wird? Wer hat das Sagen? Alle wollen einen schönen Urlaub. Alle wissen: Es ist Gottes Wille ist, dass Jung und Alt in der Familie oder Gemeinde zusammen leben sollen. Die Frage ist nur: wie? Ist das überhaupt möglich? Ist es nicht besser, wenn Alt und Jung getrennt werden? Sollte man die Gemeinde nicht in Jugend- und Seniorenkirchen aufteilen? Dann brauchte man keine Rücksicht aufeinander zu nehmen und jeder könnte so bleiben, wie er ist. Das positive Zusammenleben von Generationen ist schwierig, aber möglich, wenn wir die Grundlagen menschlichen Miteinanders kennen und beachten. Zusammenleben – ein Prozess, der gelernt sein will. Ein gedeihliches Miteinander erfordert von der Leitung und den älteren Generationen ein hohes Maß an Flexibilität und vor allem sozialer Kompetenz. Heranwachsende werden aufgrund ihrer besonderen Problematik häufig als Bedrohung empfunden. Für Leiter wie auch für Gemeindeglieder ist deshalb ein ständiger Lernprozess unumgänglich. Er soll an sieben grundsätzlichen Einsichten verdeutlicht werden. 1. Schaffen eines angstfreien Klimas Zuerst muss es in der Gemeinde ein angstfreies Klima geben, in dem sich selbst Jugendliche trauen, ihre eigene Meinung zu äußern. Die Aufgabe der Leiter ist es, ein solches Klima zu schaffen. Ein Ältester oder Pastor hat die Aufsicht über die Gemeinde anvertraut bekommen und sollte wissen, welche Bedürfnisse die Menschen um ihn herum bewegen. Bedürfnisse der Jugendlichen erfährt ein Leiter aber nur, wenn er sich bemüht, auf sie zuzugehen, und indem er sie ernst nimmt. Wie kann das aussehen? Drei grundsätzliche Verhaltensweisen lassen zwischenmenschliche Beziehungen in der Regel gelingen. Einfühlendes Verstehen (Empathie), positive Wertschätzung und emotionale Wärme sowie Echtheit und Selbstkongruenz machen nicht nur in der Seelsorge das authentische Gespräch erst möglich. Das gilt in ganz be - sonderem Maße für den Umgang mit Jugendlichen. Das Schaffen eines angstfreien Raumes ist deshalb eine der Hauptaufgaben eines jeden Leiters. 2. Geistliche Mentoren und Begleiter Für Heranwachsende ist das andauernde Gespräch mit Erwachsenen von großer Wichtigkeit. In den USA werden z.B. seit vielen Jahren auf den Jugendcamps und Freizeiten sogenannte Counsellors (Berater) eingesetzt, die nichts anderes tun, als jungen Leuten und ihren Nöten zuzuhören, sie zu ermutigen und mit ihnen zu beten. Bestimmte Erwachsene haben die Gabe, eine Brücke zwischen den Generationen zu bauen. Charakteristisch für diese Mentoren ist nicht die Kontrolle oder Führung, sondern ein nicht verurteilendes Zuhören. Junge Leute, unter ihnen recht anstrengende, suchen immer wieder das Gespräch mit ihnen. Sie erhalten so die volle Aufmerksamkeit eines Erwachsenen. Sie bitten um Korrektur und Feedback und erleben so geistliche Mentoren. Auffällig dabei ist, dass die eigenen Eltern – wohl bedingt durch den Rollen- und Interessenkonflikt selten von ihren eigenen Kindern als Ansprechpartner gewählt werden und dass das Alter bei der Wahl eines Mentors keine Rolle zu spielen scheint. Kleinere Gemeinden bieten solche geistlichen Freundschaften häufig eher an als größere Gemeinden. Die größere Nähe untereinander ist einfach gegeben. Größere Gemeinden müssen diese Mentoren erst bewusst installieren. 3. Freiheit und Freiräume – Nähe und Distanz Bei einigen Gruppen der konservativen Mennoniten soll es den Brauch geben, die jungen 18-jährigen Männer für zwei Jahre in die „Welt“ zu entlassen. Sie sollen sich austoben, erproben und selbst entscheiden, ob sie nach Ablauf dieser Zeit wieder in die alte Kommunität zurückkehren wollen und bereit sind, sich den Gesetzen und Traditionen ihrer konservativen Glaubensgemeinschaft zu unterwerfen. Man mag darüber denken, wie man will, aber hinter diesem Ritual verbirgt sich eine tiefe Wahrheit, nämlich die der Freiheit der persönlichen Entscheidung. Junge Leute brauchen nicht nur die Korrektur der Älteren, sondern zugleich auch einen Freiraum, in dem ihre eigene Entwicklung geschehen kann. Ein zeitweiliger Abstand von der älteren Generation ist dann ratsam. Abgrenzung und Distanz sind in der Zeit der Identitätsfindung genau so nötig wie Nähe und Wärme. Deshalb haben separate Jugendevents oder Jugendgottesdienste ihre punktuelle Berechtigung. Reine Jugendkirchen können jedoch keine dauerhafte Alternative bilden. Ihnen fehlt die Befruchtung durch die ältere Generation. Die generationsübergreifenden Veranstaltungen, in denen auf die Unterschiedlichkeit der Generationen eingegangen wird, sollten das Normale sein. Das Einüben von Zusammenleben kann nur dort geschehen, wo Jung und Alt aufeinander treffen. 4. Störungen stehen an erster Stelle Wenn es zu Beziehungsstörungen zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden kommt, so wird das auf beiden Seiten als unangenehm empfunden. Eine natürliche Reaktion besteht darin, über die andere Partei „abzulästern“, Witze zu machen oder sich zurückzuziehen. Selbst wenn das Lästern für kurze Zeit Erleichterung bewirkt und die Zeit bekanntlich Wunden heilt und für Abkühlung der Gemüter sorgt, so bleiben unbearbeitete Reste übrig, die auf Dauer sehr schädlich sind. Wichtig ist es, Störungen schnellstmöglich anzugehen. Der schwere Gang von Leitern zu Jugendlichen ist ein Muss. Meinungsverschiedenheiten müssen wahrgenommen und sichtbar gemacht werden. Häufig gibt es keine sofortigen Lösungen. Wichtiger aber ist: Man hat einander ernstgenommen. Hier haben die Bitte um Vergebung und das Bemühen um Versöhnung ihren Platz. Ein Leiter, der einen Jugendlichen um Vergebung bittet, leistet ihm einen unschätzbaren Dienst des Respekts. Er demonstriert, wie man deutlich Positionen und Meinungen vertreten kann, und zugleich in praktischer Weise, wie beschädigte Beziehungen geheilt werden können. 5. Jeder braucht seinen Platz – Jugendliche wollen an herausfordernden Aufgaben teilnehmen Junge Leute haben ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Sie wollen nicht auf das Einsammeln der Kollekte im Gottesdienst beschränkt werden, sondern an herausfordernden Aufgaben mitarbeiten. Viele wollen selbst die Architektur der Gemeinde mit beeinflussen. Was ist aber, wenn die wesentlichen Positionen schon besetzt sind? Dazu folgendes Mut machende Beispiel: In einer Gemeinde wurde die Anbetungsband von engagierten Männern im mittleren Alter gestellt. Die Jüngeren hatten keine Chance mitzumachen, waren jedoch sichtbar an der Mitarbeit in der Band und Technik interessiert. Als die Älteren das Interesse der Jüngeren bemerkten, traten sie zurück, um die Jugendlichen nach vorn zu lassen. Sie selbst beschränkten sich auf die Begleitung und suchten sich eine andere Arbeit in der Gemeinde. Diese reife Art von Wahrnehmung gab den Jüngeren die Chance, einen Beitrag zu leisten, der für die Gemeinde wichtig war. Heute sind die jungen Leuten in dieser Gemeinde in allen wichtigen Positionen vertreten und arbeiten voll verantwortlich in der Leitung mit. Ihre positive Identifikation mit ihrer Gemeinde ist kaum zu überbieten. Reife Christen schaffen deshalb ganz gezielt Raum für junge Menschen. 6. Bewusster Umgang mit Macht – Demokratie, Transparenz, Zeit. Die Machtfrage („Wem gehört die Gemeinde und wer hat das Sagen?“) ist eine entscheidende und muss deshalb sehr offen behandelt werden. Jeder muss wissen, wie die Entscheidungswege innerhalb der Gemeinde verlaufen und wie man Einfluss nehmen kann. Manchmal scheint die Gemeinde Eigentum bestimmter Personen zu sein. Einige wenige entscheiden für viele andere. In der Regel werden die Gemeinden von den älteren Jahrgängen geleitet. Je angepasster die Gemeinde ist, umso leichter scheint sie sich leiten zu lassen. Sobald selbstbewusste und eigenständige Personen auftreten, die mitgestalten wollen, ergeben sich schnell Generations- oder, genauer gesagt, Machtprobleme. Das gilt auch für unsere Freikirche, wie anlässlich des paneuropäischen Jugendkongresses in der sogenannten „Münchener Erklärung“ sichtbar wird. Darin wird die Leitung aufgefordert, einen neuen Führungsstil des offenen Dialogs zu entwickeln. Es täte uns gut, dieses Anliegen der jungen Leute ernst zu nehmen. Die Versuchung, in manipulativer Weise Informationen zurückzuhalten oder schnellere Entscheidungen durch das Diktat einiger weniger durchzusetzen, verursacht ein schlechtes Klima unter den Generationen. Im Gemeindeleben sind keine Abkürzungen möglich. Geduld, Transparenz in Entscheidungen und zeitaufwendige Prozesse sind notwendig, um das Gefühl von Teilhabe zu erzeugen. Nicht angepasste, selbstsichere und kritische Jugendliche fordern ganz besonders unsichere Leiter heraus. Diese wiederum reagieren defensiv und sind häufig nicht in der Lage, das Potenzial wahrzunehmen, das in den jungen Leuten angelegt ist, die mit ihnen streiten. Doch hinter der schmerzhaften Kritik der jungen Menschen versteckt sich oft ein verdeckter Mitgestaltungsanspruch. Sie wollen ihren Einfluss einbringen und das Gesicht der Gemeinde mitgestalten. Solch ein Zeitpunkt ist sehr kritisch. Er entscheidet zumeist darüber, ob verheißungsvolle junge Leute in der Gemeinde bleiben oder nicht. Ist die Gemeindeleitung in der Lage, über die unangenehme Aggression hinweg das dahinter liegende Anliegen zu sehen, kann sie den Herausforderer oft zur konstruktiven Mitarbeit bewegen. Ist sie es nicht, tritt das alte Gesetz der Kirchengeschichte in Kraft, mit dem Richard Rohr die Kirche charakterisiert hat: Sie schwitzt die Unter - Nehmer und Querdenker aus. Übrig bleiben die Angepassten. Aus diesem Grunde ist ein bewusster Umgang mit Macht unerlässlich. 7. Postmoderne: aus Bedrohungen Chancen entwickeln Wer mit jungen Menschen redet, muss wissen, von welchen Denkvoraussetzungen sie ausgehen und welche Kultur ihr Leben bestimmt. Unsere Freikirche ist in der Vergangenheit stark von der Moderne geprägt worden. Viele unserer Leiter wie auch unserer Gemeindeglieder (auch jüngere) gehören noch zur „alten“ Schule und tun sich schwer mit dem unbequemen Zeitgeist. Tatsache jedoch, dass das Denken der Postmoderne besonders in den Citys nicht nur die Mehrheit unserer deutschen Jugendlichen, sondern auch viele ältere Menschen in unserem Land beeinflusst. Diese Veränderung führt zunehmend zu Spannungen innerhalb der Gemeinde. Beeinflusst wird dabei der Gottesdienst so wie jeder Bereich, der mit Kommunikation zu tun hat. Der Predigtstil wandelt sich von der Vermittlung vieler Informationen zu mehr guten und offenen Fragen, die den Zuhörer zum Nachdenken über Gott stimulieren. Gefragt sind nicht mehr lange Monologe, sondern persönliche Geschichten. Es wird weniger argumentiert, sondern mehr geschildert. Es wird weniger nach dem Absoluten gefragt, sondern nach dem subjektiven Erleben; nicht so sehr nach der Ratio, sondern nach Emotionen. Der Blick liegt verstärkt auf dem Hier und Jetzt und weniger auf dem ewigen Leben. Der Verkündiger darf deshalb nicht mehr so sehr von seiner eigenen Lebenswirklichkeit ausgehen, sondern von der seiner Zuhörer. Und außerdem darf der Spaßfaktor nicht übersehen werden. Humor spielt deshalb heute in den Gemeindeveranstaltungen eine größere Rolle. All diese Veränderungen sind unbequem und fordern den adventistischen Leiter heraus, sich „zu strecken“. Aber anstatt gegen die Postmoderne zu kämpfen, sollten die positiven Ansätze aufgegriffen und nutzbar gemacht werden. Eine Mühe, die sich lohnt Das Zusammenleben von Jung und Alt erfordert von der älteren Generation viel Weisheit und Geschick, viel Nachdenken und Gebet. Auch wenn die Beziehung der Generationen untereinander zu allen Zeiten sensibel ist, so sind wir als Adventgemeinde mit prophetischem Blick besonders gefordert, wenn es um ein versöhnliches Miteinander geht. Das Einüben von Gemeinschaft ist sehr mühsam, aber das Ergebnis ist jeder Mühe wert. |
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