Generationskonflikte in biblischer Zeit

Bernhard Oestreich, Ph.D.
„Der Jünglinge Ehre ist ihre Stärke, und graues Haar ist der Alten Schmuck“ (Spr 20,29). „Wie schön ist's, wenn die grauen Häupter urteilen können und die Alten Rat wissen. Wie schön ist bei Greisen Weisheit und bei Angesehenen Überlegung und Rat. Das ist die Krone der Alten, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist's, wenn sie Gott fürchten“ (Sir 25,6-8). So dachte man in biblischer Zeit. Die Zeit der Jugend ist die Zeit des Mutes und der Kraft, ab 60 kommen die Jahre der Erfahrung und der Weisheit. Jung und Alt könnten sich ideal ergänzen. Aber wie das bei Menschen so ist, jeder will das letzte Wort haben. Im biblischen Palästina und in den Gesellschaftsschichten, in denen die ersten Christen lebten, hatten die Alten das Sagen: In den jüdischen Gemeinschaften war es der Rat der Alten, die Gerusia (z.B. 1 Makk 12,6; 2 Makk 1,10) – gerōn (griechisch) heißt „der Greis“. Im republikanischen Rom war es der Senat – senex (lateinisch) heißt ebenfalls „der Greis“. In jüdischen und christlichen Gruppen gab es die Presbyter – presbýteros (griechisch) heißt „der Ältere“. Das ist irgendwie verständlich, denn in der damaligen Gesellschaft, die ihr Wissen nicht zuerst aus Büchern bezog – die meisten Menschen konnten gar nicht lesen –, waren die meisten Informationen in den Köpfen der Alten gespeichert. Wie man die Felder bestellt oder ein Haus baut, welches Recht gilt und wer wessen Erbe ist, das alles wussten die Alten. Die Berichte über die heldenhaften Väter und ihre Erfahrungen mit Gott, also das, was die eigene Identität ausmachte, das wussten die Alten. Und besonders bei Streit waren ihre diplomatische Erfahrung und ihre Besonnenheit von unschätzbarem Wert. Hätte man die Alten nicht, man könnte gar nicht lange leben: „Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebst in dem Land“ (2 Mo  20,12). Das ist auch deshalb verständlich, weil es nicht viele alte Menschen gab. Zwar konnte man damals durchaus siebzig oder achtzig Jahre alt werden (Ps 90,10), aber wer erreichte das? Wenn jemand die frühe Kindheit überlebte (ein Drittel der Kinder starb bis zum fünften Lebensjahr) und heranwuchs, konnte er statistisch im Alter von 30 noch mit weiteren 25 Jahren rechnen.1 Kriege, Krankheiten, karge Ernährung und Mangel an Hygiene rafften viele Menschen in den besten Jahren hinweg. Die Bevölkerung war jung, nur etwa fünf Prozent waren über 60 (heute über 20 Prozent). Die Alten waren etwas Besonderes. Nicht alle waren zufrieden mit der Herrschaft der Alten. Aristoteles (384-322 v. Chr.), der einen Menschen mit 49 schon für alt hielt (Rhetorik 2.14.4), schreibt über die Alten, sie seien feige, berechnend, negativ eingestellt, misstrauisch und bösartig (2.13). Das schrieb er, als er selbst zwischen 30 und 35 war – bis 40 galt man als jung und hatte nichts zu sagen. Im griechischen und römischen Theater machte man sich gern über die „typischen Alten“ lustig, die böse und geizig sind und die Zeit nicht mehr verstehen (Aristophanes, Plautus). Und auch der jüdische Weise hält es manchmal für nötig, dass die Alten zurechtgewiesen werden: „Schäme dich nicht der Zurechtweisung der Unverständigen, des Toren und des sehr Alten, der mit den Jungen streitet“ (Sir 42,8). Es muss damals auch schon so etwas gegeben haben, dass die Alten an der Jugend herumkritisierten. Meist aber war die Herrschaft der Alten in der Gesellschaft unbestritten, auch bei den Christen (z.B. 1 Ptr 5,5). Wenn ein Jüngerer eine leitende Position hatte, dann konnte es vorkommen, dass man ihn wegen seiner Jugend nicht ernst nahm: „Niemand verachte dich wegen deiner Jugend“ (1 Tim 4,12). Und nur mit großer Vorsicht konnte  in Älterer kritisiert werden: „Gegen einen Ältesten nimm keine Klage an ohne zwei oder drei Zeugen“ (1 Tim 5,19). Umso auffälliger ist, dass bei den vielen im Neuen Testament erwähnten Streitigkeiten das Alter nicht erwähnt wird. Es spielt in der Argumentation überhaupt keine Rolle. Jesus war mit etwa 30 ein junger Mann, als er sich in manche Streitgespräche mit den religiösen Autoritäten einließ. Oft werden ihm gereifte Männer gegenübergestanden haben. Nie wird er wegen seiner Jugend abgewiesen. Umgekehrt: Wenn Paulus in seinen Briefen gegen jüdische Traditionalisten (Galatien) oder enthusiastische Erneuerer (Korinth) argumentiert – die meisten Briefe schrieb er, als er zwischen 50 und 60 war – , hält er den Gegnern nicht vor, dass sie jünger seien als er. Man führte theologische Fragen und Kontroversen über Glaubenspraxis nicht auf einen Generationskonflikt zurück. Auch teilte man liberale und konservative Ansichten nicht Altersgruppen zu – was damals genauso wenig stimmte wie heute. Wir sollten auch sachlich argumentieren und nicht meinen, dass etwas geklärt ist, wenn wir die Ansichten der Alten auf ihr Alter zurückführen, wenn wir die Ideen der Jungen aus ihrer Jugend herleiten. Und noch etwas fällt auf: In Texten, wo das Lebensalter eine Rolle spielt, gibt es parallele Aussagen für Jung und Alt. Beide werden ermutigt (1 Joh 2,12-14) oder ermahnt: „Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde (!), sondern als Vorbilder der Herde … Desgleichen, ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut“ (1 Ptr 5,1-5; vgl. auch Tit 2,1-7). Die Verfasser haben also eine Gesamtheit im Blick. Auch wenn die Alten eine andere – und längere – Ermahnung erhalten als die Jungen, so sind doch Alt und Jung als Enden eines Spektrums genannt, damit sich alle angesprochen fühlen. Es geht also nicht darum, einen Machtkampf zu entscheiden, sondern die Zusammengehörigkeit zu fördern. Was würden wir auch anderes erwarten in einer Gemeinde, die Jesus folgt? Er hat zu denen, die herrschen wollten, gesagt: „Ihr aber nicht so! Sondernder Größte unter euch soll sein wie der Jüngste (!), und der Vornehmste wie ein Diener“ (Lk 22,26). Eine bessere Lösung für Generationsprobleme gibt es heute auch nicht.
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