Der gescholtene Prediger, II. Teil

Edgar Voltmer
Es war kein lauter Aufschrei der Entrüstung, es kamen auch nicht körbeweise Leserbriefe und doch verging kaum ein Gespräch mit Gemeindegliedern und Gemeindekennern nach Erscheinen des Artikels über die psychosozialen Belastungen der adventistischen Pastoren (DIALOG III/IV 2009), in dem nicht ein vorsichtiges „Aber“ formuliert wurde. Man wolle die Ergebnisse der Untersuchung, die ein hohes Maß an Belastung mit einem großen Anteil demotivierter oder burnout-gefährdeter Pastoren erbracht hatte, ja nicht infrage stellen, aber … Und dieses „Aber“ spannte sich dann von der Frage: „Was macht unser Prediger vor Ort eigentlich?“ über: „Ist das nicht alles mehr eine Frage der Persönlichkeitals der äußeren Umstände?“ bis hin zu: „Wären Menschen mit dieser Arbeitshaltung und Belastbarkeit überhaupt in der Lage, in einem anspruchsvollen Job in der freien Wirtschaft zu überleben?“ Aus diesen Eindrücken sprach für mich so viel Distanz und Unterschiedlichkeit in Selbst- und Fremdwahrnehmung zwischen Predigern und ihren Gemeinden, dass ich das Thema noch einmal aufgreifen und mit einigen Statements vertiefen möchte.

 

Was macht der Prediger eigentlich?

 

In den Gesprächen wurde zunächst ein großes (wechselseitiges) Unverständnis deutlich. Pastoren empfinden sich vor Ort häufig als Einzelkämpfer. Aber anscheinend wird auch der Gemeinde oft nicht klar, was den Tagesablauf eines Predigers so alles (manchmal sogar bis zur Erschöpfung) ausfüllt. Dies stellt eine Herausforderung an Kommunikation und Leitung dar. Es ist wichtig, nicht nur mit der Vereinigung, sondern auch mit der Ortsgemeinde ganz klare Ziele der gemeinsamen Arbeit zu vereinbaren. In diesen Prozess sollten Meinungsführer und Aktive einer Gemeinde eingebunden werden. Dies trägt auch zur Überwindung des Einzelkämpferdaseins bei, schafft Rückhalt in der Gemeinde und verteilt Lasten auf mehrere Schultern. Die erarbeiteten Ziele müssen im Anschluss für alle Gemeindemitglieder transparent gemacht und deren Bearbeitungsschritte immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden. Damit wird auch klar, dass, wenn in einer Periode die Kinder- und Jugendarbeit erste Priorität haben soll, bei den in der Regel beschränkten Kapazitäten nicht gleichzeitig auch Gesundheitsprojekte für die Allgemeinheit und eine verstärkte Seniorenarbeit möglich sind. In einem solchen Diskussions- und Planungsprozess wird möglicherweise dann auch deutlicher, was in der sozialwissenschaftlichen Literatur als Problem der vielfältigen Rollenanforderungen und Erwartungen bei Pastoren beschrieben wird und nicht selten Grund  für Überlastungserscheinungen und Beratungsbedarf ist. Bei einem solchen Vorgehen besteht jedoch häufig die Schwierigkeit, dass der Kreis derjenigen, die sich in so einem Prozess engagieren, begrenzt bleibt. Zu sehr ist insbesondere das „Mittelalter“ heute durch berufliche Anforderungen so beansprucht, dass das Wochenende zur Regeneration dringend benötigt wird und kaum Raum für Gemeindeaktivitäten zu bestehen scheint. Nicht selten wird danngerade vom Prediger erwartet, dass er „es richten“ soll, denn schließlich könne er sich doch den ganzen Tag diesen Aufgaben widmen und werde sogar noch dafür bezahlt. Er kann es aber auch nicht allein. Und so scheint mir in der Unzufriedenheit mit der Amtsführung der Prediger oft auch ein Stück projizierter Unzufriedenheit mit den eigenen Freiräumen
oder dem eigenen Engagement mitzuschwingen. Umso wichtiger ist es da, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu denken, zu planen und zu arbeiten und die begrenzten Ressourcen zusammenzufassen. Dies betrifft auch die Senioren, auf deren aktive Mitarbeit es nach wie vor ankommt (wogegen häufig deren Gefühl in dem Satz mündet: „Wir haben uns lange genug engagiert, jetzt sind mal andere und jüngere dran“), und insbesondere die jugendlichen Heranwachsenden, die in echter Verantwortung (und nicht nur für Hilfsdienste wie Gabensammlung und Missionsbericht lesen) eingebunden werden sollten.

 

In der freien Wirtschaft überleben oder:
Wer wird Prediger?

 

Wer heute den Berufsweg eines Predigers einschlägt, muss sich auch für stagnierende oder schrumpfende Gemeinden in oft kritischer Größe und mit einem hohen Altersdurchschnitt entscheiden. Er sieht sich einer Arbeit gegenüber mit Gemeinden, die erhebliche Widerstände gegen Veränderungen der gewohnten Abläufe aufbringen können und deren Mitglieder (nicht nur) in theologischen Fragen immer mehr zu individualistischen Polarisierungen neigen. Ausschusssitzungen und Gemeindeversammlungen widmen sich stundenlang administrativen Fragen und gemeindeinternen Querelen, während echte seelsorgerliche oder missionarische Anliegen eher selten im Zentrum stehen. Wer sich heute entscheidet, Prediger zu werden, muss dies in der Regel mit dem Wissen um eine für einen Akademiker unterdurchschnittliche Bezahlung tun und mit der Aussicht, dass ohne einen Zusatzverdienst der Ehefrau spätestens bei Ausbildung und Studium der Kinder finanzielle Engpässe zu erwarten sind. Wundert es da, dass nicht wenige die Alternative wählen, in der freien Wirtschaft ihr Auskommen zu finden? Und dass bei denen, die sich dann doch für den Predigtdienst entscheiden, neben der Berufung und dem Wunsch, Gott zu dienen, noch andere Themen bewusst oder unbewusst eine Rolle spielen? Vielleicht die (un)bewusste Abkehr von den sozialdarwinistischen Gesetzen des Raubtierkapitalismus der freien Wirtschaft und die Hinwendung zu einem (vermeintlich) sozialeren (Schutz-)Raum im Gemeindesetting; oder der häufig ebenfalls unbewusste Wunsch, im Dienst für andere persönliche entwicklungspsychologische Defizite der Anerkennung und Wertschätzung auszugleichen? – Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer gebraucht in diesem Zusammenhang das drastische Bild eines verwahrlosten, hungrigen Säuglings hinter einer prächtigen Fassade als Ausdruck für die Bedürftigkeit von Personen in helfenden Berufen. – In der Tat zeigen Untersuchungen Besonderheiten in den Persönlichkeitsmerkmalen von Geistlichen. Im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung neigte eine größere Gruppe katholischer Priester dazu, Belastungssituationen generell als bedrohlich zu empfinden und darauf mit negativen Gefühlen zu reagieren. In der seelischen Gesundheit und körperlichen Befindlichkeit wiesen die Priester hochsignifikant niedrigere Werte gegenüber der Normalbevölkerung und auch einer Vergleichsgruppe evangelischer Pastoren auf. In einer Untersuchung in England waren protestantische Pastoren eher introvertiert und emotional orientiert und weniger rational analytisch eingestellt. Der Beruf fordert aber gerade auch das, was nicht zu den Stärken gehört. In der Ergebnisdarstellung einer Untersuchung unter protestantischen Pastoren in Bayern, bei denen ebenfalls ein hoher Anteil burnout-gefährdeter Personen festgestellt wurde, beschreibt Andreas von Heyl treffend: „Eben jene Eigenschaften, die einen Menschen zur Wahl einer helfenden Berufstätigkeit motivieren und qualifizieren, sind zugleich die Eigenschaften, die ihn sensibler und verletzlicher machen für die emotionale Belastung, die mit dieser Arbeit verbunden ist.“ Er benennt in diesem Zusammenhang Eigenschaften wieeinfühlsam, sensibel, menschlich, zugewandt, idealistisch, gern mit Menschen arbeiten, aber auch introvertierter und ängstlicher sowie gesteigerter Enthusiasmus und Hang zur Überidentifikation. Erinnern diese Erkenntnisse über die Befindlichkeit im Predigtamt aber nicht auch an das Wort Jesu, dass er zu den Schwachen und Kranken und nicht zu Gesunden und Starken gesandt ist und dass er gerade in den Schwachen mächtig sein will? Wieso sollte da gerade der Prediger ausgenommen sein? Und doch scheint mir diese Unterscheidung häufig vorgenommen zu werden. Während der Gemeinde zugestanden wird, dass auch noch die letzte Sondermeinung, menschliche Schwäche oder Marotte von Bruder X oder Schwester Y in Liebe getragen und in Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden müsse, besteht dem Prediger gegenüber die Erwartung eines strahlend-bescheidenen, durchsetzungsstark- einfühlsamen Leader-Teamplayer- Unternehmenslenkers, an der jede Realität scheitern muss.

 

Auch hier ein "Aber"

Charles Haddon Spurgeon beschrieb in seinem Buch „Ratschläge für Prediger“ einen jungen Mann, der zu ihm kam und freimütig berichtete, dass er alle seine bisherigen Versuche, in einem Beruf Fuß zu fassen, entweder abgebrochen habe oder darin gescheitert sei und sich so für ihn die notwendige Schlussfolgerung ergebe, dass er wohl zum Prediger berufen sei. Natürlich ist das für Spurgeon eine humorvolle Illustration der Tatsache, dass im Gegenteil für den Predigtdienst nur die besten Kräfte eingesetzt werden sollten. Menschen sollen es sein, die grundsätzlich an vielen anderen Stellen (auch in der freien Wirtschaft) erfolgreich sein könnten, aber so für Jesus brennen, dass sie sich diesem Dienst weihen. Beispiele dafür gibt es durchaus: Anwälte, Ingenieure oder andere verantwortungsvolle und erfolgreiche Menschen, die ihren Beruf an den Nagel gehängt und sich dem Predigtdienst verschrieben haben. Das steht nicht im Widerspruch zu den bisherigen Ausführungen. Auch die von Jesus berufenen Jünger und zukünftigen Leiter der Gemeinde standen einerseits mitten im (Berufs-)Leben, waren auf der anderen Seite aber ebenfalls Menschen mit großen Schwächen und einem erheblichen Entwicklungsbedarf. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, einem Missverständnis vorzubeugen, das sich aus den Ergebnissen der Untersuchung unter Predigern ergeben könnte. Ähnlich wie beim Thema ADHS, der Kurzformel für die Aufmerksamkeits- Hyperaktivitätsstörung, bei dem nicht selten das Erziehungsversagen der Eltern durch die medizinisch-psychologische Diagnose scheinbar der Verantwortung enthoben wird, besteht die Gefahr, dass die Diagnose „Burnout“ als Siegel der Entschuldigung missverstanden wird. Weil das bei mir festgestellt wurde, dürfen nun keine Anforderungen mehr an mich gestellt werden, und ich kann mich selbst entschuldigen und mit diesem Label alles Unerwünschte abwehren. Burnout (Risikomuster B, s. DIALOG III/IV 2009) oder berufliche Demotivation (Muster S) sind aber keine Entschuldigungsdiagnosen für Leistungsverweigerung. Sie sind im Gegenteil Gelegenheiten und Chancen, sich für einen geeigneteren Umgang mit den alltäglichen Belastungen zu interessieren, Strategien zu verändern und sich gesündere und erfolgreichere Bewältigungsmuster anzueignen. Im vollen Wissen um die menschliche Begrenztheit, um Stärken und Schwächen von Gemeinden und eben auch Predigern scheint mir durch ein stärkeres und offeneres Miteinander eine aktive Überwindung der bestehenden Problemlagen möglich. Dies ist wiederum die Voraussetzung, um vollmächtig und leistungsbereit, aber eben auch gesund und mit Spannkraft den Dienst für Gott verrichten zu können. Wie gut, dass Gott uns hierfür nicht nur seinen Segen, sondern auch seine persönliche Unterstützung durch seinen Geist zugesagt hat.

 

>>zurück