Archäologie
Die Hethiter – Ein altes Volk im Spiegel archäologischer Forschung
Friedbert Ninow
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Noch im 19. Jahrhunderts war über das im Alten Testament erwähnte Volk der Hethiter so gut wie nichts bekannt. Viele Altertums- und Bibelforscher zweifelten daran, dass es ein hethitisches Reich gegeben habe und bedeutenden politischen bzw. militärischen Einfluss in der damaligen Zeit ausgeübt habe. Die Texte der Bibel, die von den Hethitern sprechen, wurden in den meisten Fällen als unhistorisch abgetan.An verschiedenen Stellen im Pentateuch, Josua und dem Richterbuch (z.B. Gen 15:20; Ex 33:2; Num 13:29; Dtr 20:17; Jos 3:10; Ri 3:5) werden die Hethiter zusammen mit Kanaanäern, Amoritern und anderen Volksgruppen aufgezählt, die das „Verheißene Land“ zwischen Ägypten und dem Euphrat bevölkern. Als Abrahams Frau Sara in Hebron starb, kaufte der Patriarch dort ein Stück Land mit einer Höhle von einem gewissen Efron, dem Hethiter (Gen 23). Esau hatte offensichtlich eine Vorliebe für hethitische Frauen: er heiratete gleich zwei von ihnen, die jedoch viel Herzeleid über Isaak und Rebekka brachten (Gen 26:34f.; 27:46). In Davids Heer dienten eine Reihe von Hethitern (1 Sam 26:6), u.a. auch Uria, der Mann der Batseba, den David in einem Feldzug gegen die Ammoniter in den Tod schicken ließ (2 Sam 11-12). Über Salomo sagt der alttestamentliche Schreiber, dass er viele ausländische Frauen liebte und neben ägyptischen, moabitischen, ammonitischen und edomitischen auch hethitische Frauen in seinem Harem hatte (1 Kön 11:1) sowie mit hethitischen Königen Handel trieb (1 Kön 10:29). Als das aramäische Heer die Stadt Samaria belagerte, versetze das vermeintliche Heranziehen einer großen hethitischen und ägyptischen Streitmacht das Heer der Aramäer in Angst und Schrecken, so dass sie alles stehen und liegen ließen, um ihr Leben zu retten (2 Kön 7:6f.).All diese Texte sind wenig informativ und sagen nichts über die Geschichte, politische Bedeutung, materielle Kultur oder die Religion der Hethiter aus. Auf erste Spuren der Hethiter stießen Reisende, die Nordsyrien und die Türkei im 18. und 19. Jahrhundert besuchten. An verschiedenen Orten wurden sie auf Skulpturen und Reliefs aufmerksam, die merkwürdige Hieroglyphenzeichen trugen. Diese Zeichen hatten keine Ähnlichkeit mit den Schriftzeichen Ägyptens oder Mesopotamiens. Zwei Forscher beschäftigten sich mit diesen Funden: William Wright, ein Missionar in Damaskus, und Archibald Sayce, Professor an der Oxford Universität in England. Beim Vergleich mit den gerade entzifferten Inschriften aus Ägypten und Mesopotamien fällt auf, dass dort ein Volk mit dem Namen „Cheta“ bzw. „Hatti“ auftaucht. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Volk um das Volk der Hethiter handeln müsse, dass in der Bibel erwähnt wird. Sayce schreibt in seinem Buch „Alte Denkmäler im Lichte neuer Forschungen“ (Leipzig 1886): „Vor sieben Jahren ahnte noch niemand, dass im westlichen Asien einst ein großes Reich existiert hatte, Assyrien wie Ägypten ebenbürtig, dessen Gründer die wenig berücksichtigten Hethiter des Alten Testaments waren“ (S. 109).Schon 1834 hatte Charles Texier in Zentral-Anatolien die Ruinen von Hattuscha nahe des Dorfes Boghazköy entdeckt. Er hatte geglaubt, dass er die medische Stadt Pteria gefunden hatte. Erst später wurde klar, dass es sich hier um die Hauptstadt des hethitischen Großreiches handelte. Erste Grabungen fanden ab 1906 unter der Leitung des deutschen Altorientalisten Hugo Winckler statt. Er war Professor für Orientalische Sprachen und beschäftigte sich mit den Textfunden aus dem ägyptischen Tell el-Amarna. Dabei stieß er auf Tontafeln, die in hethitischer Keilschrift verfasst worden waren. Schon bald wurden auch in Hattuscha hunderte von beschrifteten Tontafeln geborgen, von denen die meisten in babylonischer Sprache verfasst worden waren; andere waren in der babylonischen Schrift geschrieben worden, gaben jedoch die hethitische Sprache wider. Die Entzifferung dieser Sprache gelang1915 dem tschechischen Assyriologen Friedrich Hrozný. Erst sehr viel später konnte auch die hethitische Hieroglyphenschrift entziffert werden.Unter den Textfunden in Hattuscha ist besonders der Text eines Vertrages von Bedeutung, den der hethitische Großkönig Hattusilis III. mit Ramses II. von Ägypten im 13. Jahrhundert v. Chr. geschlossen hatte. Der Text lautet: „...Hattusili, der Großfürst von Hatti, soll niemals das Land Ägypten angreifen, um irgend etwas aus ihm wegzunehmen. User-maat-re Setepen-re (Ramses), der Großherrscher von Ägypten, soll niemals das Land Hatti angreifen, um irgendetwas aus ihm wegzunehmen... Wenn ein anderer Feind gegen die Länder des User-maat-re Setepen-re, des Großherrschers von Ägypten, zieht, und der zum Großfürsten von Hatti schickt mit den Worten: "Komm mir zu Hilfe gegen ihn!", so soll der Großfürst von Hatti ihm zu Hilfe kommen, und der Großfürst von Hatti soll seinen Feind töten. Aber wenn der Großfürst von Hatti nicht (selbst) gehen will, so soll er sein Heer und seine Wagentruppe eilends kommen lassen und seinen Feind töten...“ Der gleiche Wortlaut des Vertrages findet sich in ägyptischer Hieroglyphenschrift im Amun-Tempel von Karnak sowie im Ramesseum/Theben-West aufgezeichnet. Dieses schriftliche Zeugnis ist der älteste uns bekannte Vertrag zwischen zwei Staaten, in dem ein Friede abgemacht und geregelt wird.Eine erste Phase der Stärke erreichte das Hethiterreich, das sich von Zentral-Anatolien bis in das nördliche Syrien und darüber hinaus erstreckte, in der Zeit von 1750-1600 (Altes Reich). In dieser Zeit konnten die Hethiter sogar bis nach Babylon ziehen und es einnehmen. Die Zeit der größten Ausdehnung erlebte die hethitische Einflusssphäre unter Suppiluliuma I. und seinem Enkel Hattusili III. im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr.An der Spitze des Staates stand der König. Während in Ägypten die Pharaonen Göttlichkeit schon während ihrer Lebzeit beanspruchten, nahmen dies die hethitischen Könige nicht in Anspruch. Wenn der König starb, wurde er zu einem Gott. Dieses Konzept spiegelt sich in der hethitischen Ikonografie wider, in der der verstorbene König auf einem Berg stehend gezeigt wird bzw. mit Hörnern auf dem Kopf oder auf den Kronen. Dies entspricht genau den Darstellungen göttlicher Wesen aus dieser Zeit. Auf diesen Darstellungen tragen die Götter der Hethiter in der Regel hohe Spitzmützen, die meistens mit einem Horn an der Basis versehen sind. Die Stellung der Götter des hethitischen Pantheons definierte sich über ihre Stärke und Funktion. Im Zentrum standen der Sturm-Gott Teshuba und dessen Frau, die Sonnengöttin Hebut. Die Gottheiten besiegter Völker konnten in das Pantheon mit aufgenommen werden und wurden so zu Verwandten der hethitischen Gottheiten.Unter den Texten, die hethitischen Ursprungs sind, wurden eine ganze Reihe von Ritual-Beschreibungen gefunden. Magische Riten sollten das Schicksal beeinflussen, den Familienfrieden bewahren, das Gebären erleichtern, Impotenz bekämpfen, Krankheiten heilen und rituelle Unreinheiten beseitigen. Ein Ritual, dass Parallelen zum Alten Testament hat, betrifft einen Sündenbock, der im Falle einer Plage in ein feindliches Land geschickt wurde, um die Plage aus dem Reich der Hethiter in das Feindesland zu transferieren (vgl. Lev 16:10). Andere Rituale betrafen das Konsultieren der Götter der Unterwelt bzw. der Geister der Toten, die einen Vergleich in 1 Sam 28 finden, wo Saul durch eine Totenbeschwörerin mit dem verstorbenen Propheten Samuel in Kontakt treten will. Im Bereich des Eherechts finden sich verschiedene Parallelen zum biblischen Recht in Bezug auf die Leviratsehe oder Vergewaltigung.Unsere Kenntnis über die Hethiter hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig vergrößert. Die Ausgrabungen auf den wichtigen hethitischen Ortslagen und das Auffinden hethitischer Zeugnisse über das Kernland des Hethiterreiches hinaus werden auch zukünftig mehr Einblicke in dieses alte Volk gewähren.
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