Wenn Studieren das Leben verändert
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Es ist Sonntag. Das Wochenende ist geprägt von der Abschlussfeier, der Übergabe der Diplome an die Absolventen. Jetzt treffen wir uns zu einem Empfang im Park. Man spürt so etwas wie Abschied inmitten aller Euphorie, die typisch ist für solch ein Ereignis, wo Diplome präsentiert und Fotos für die Ewigkeit geschossen werden. Eine Dame kommt auf mich zu, stellt sich vor als Mutter einer Absolventin aus dem Harz-Vorland. Sie bedankt sich, dass ihre Tochter bei uns hat studieren können. Ich schaue etwas erstaunt. Schließlich ist es selbstverständlich, dass junge Frauen und Männer, gleich welcher Weltanschauung, bei uns studieren. Aber für sie ist es anscheinend wichtig mir zu sagen, dass sie eine eigentlich atheistische Familie seien. Doch das Studium ihrer Tochter an unserer Hochschule habe die ganze Familie verändert. Dafür wolle sie mir danken. Ich bleibe nachdenklich zurück, die Worte klingen in mir nach. Ihre Schwingungen bleiben als Widerhall in meiner Seele.
Warum haben mich die Worte besonders angerührt? Die Dame hätte sich bedanken können für die exzellente Ausbildung und die damit verbundenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich hat die universitäre Ausbildung zum Ziel, Menschen nicht nur in die Höhen des akademischen Diskurses zu entführen. Sie sollen auch zur Landung in der pragmatischen Welt von Beruf und Lebensgestaltung fähig sein. Es ist der Hochschule Friedensau in den 20 Jahren ihrer jungen Existenz gelungen, Bachelor- und Masterstudiengänge auf universitärem Niveau zu etablieren. Alle Studienangebote sind jeweils im ersten Anlauf akkreditiert worden. Wir haben einen renommierten Lehrkörper, eine internationale Studentenschaft aus 30 Nationen, lehren in deutscher und englischer Sprache, forschen in Instituten und Arbeitsgruppen, sind eingebunden in die deutsche Hochschullandschaft und kooperieren auf internationaler Ebene mit anderen Hochschulen und Universitäten. Das alles gehört zu den Grundbedingungen und Voraussetzungen, damit Studium gelingen kann. Doch die Dame hatte davon gesprochen, dass das Studium auf unserem Campus ihre Familie verändert habe. Ich weiß nicht, in welcher Weise dies geschehen ist. Ich wollte die innere Bewegung der Dame nicht ausnützen, sie nicht für eigene Zwecke der Neugierbefriedigung missbrauchen. Aber anscheinend ist hier etwas vom höheren Ziel von Bildung wirklich geworden: Veränderung ist geschehen. Veränderung durch Bildung geschieht selten durch Addition oder gar Multiplikation von Information gleicher Art. In der Regel bedarf sie der Subtraktion oder Reduktion. Sie gelingt nicht durch pseudo- wissenschaftliche Bestätigung des Bestehenden, sondern durch Infragestellen des Bekannten, um dann neue Einsichten zu erschließen. Die notwendige Vergewisserung des Lebens leitet sich nicht ab von starren Denkgebäuden und dogmatischer Verkürzung der Realitäten, sondern wird trotz aller Vorläufigkeit des Erkennens als eine neue Gewissheit erlebt, die aus einer ethischen Substanz gespeist wird. Wahres Studium erreicht also auch die inneren Tiefenschichten des Studierenden und antwortet ihm, nicht immer laut und vordergründig, sondern oft latent und leise, auf Fragen des individuellen oder auch kollektiven Menschseins. Wer Theologie oder Sozialwissenschaften studiert, hat eine grundsätzliche Vorentscheidung getroffen: Es geht ihm oder ihr um mehr als monetäre Glückseligkeit. Die Träume vom eigenen Boot in der Karibik und der Mitgliedschaft in der Party-Society wurden im Vorfeld bereits als narzisstische Versuchung entzaubert. Der Studierende will sich dem Menschen zuwenden, der nach Orientierung in einer pluriformen und offenen Gesellschaft sucht. Das setzt das eigene Orientiert-Sein voraus, zumindest die Fähigkeit, sich in wechselnden Lebensverhältnissen jeweils neu zu verorten. Dass die Informationsgesellschaft dies nicht zu leisten vermag, zeigt sich daran, dass sich Individuen, ob jung oder alt, in der Informationsflut verlieren und durch das Leben taumeln. Der Philosoph Sloterdijk plädierte erstaunlicherweise für die Religion als Orientierungshilfe. Es sei geradezu ihr Proprium, Orientierung zu liefern. Dies bedeutet für das Studium in der heutigen Situation, dass die alte Sicht der bloßen Informationsvermittlung an der Universität überholt ist. Eine Studentin aus einer anderen Universität sagte bei einem Besuch unseren Studenten: „ Ich bin neidisch auf eure Hochschule. Hier ist man mit sich und seinen Fragen nicht allein. Ich studiere Theologie, aber mein Professor sagt beständig: Lassen Sie mich mit Ihren Fragen nach dem Glauben in Ruhe! Wir machen hier Wissenschaft. Alles andere ist Ihre Privatsache.“ Gerade wenn durch die Beschäftigung mit der Wissenschaft die Reduktion des bisher Geglaubten und Gesicherten einsetzt, wenn die Weltsicht, die sich in Kindheit und Jugend naiv gebildet hatte, als nicht tragfähig erkannt wird, ist die Einbindung in eine Gemeinschaft nötig, wo die eigenen Fragen nicht unbedingt beantwortet werden müssen, aber doch Gehör finden und nicht ohne Widerhall im Nichts verklingen – so lange, bis die selbst gefundenen Antworten tastend Gestalt gewinnen und neue Gewissheiten reifen. „Dass unsere Tochter bei Ihnen studieren konnte, hat unsere ganze Familie verändert“ – Wie? Die Studentin hatte gewiss einen anderen Zugang zu sich selbst gefunden – schließlich hatte auf ihrem Lehrplan die Veranstaltung „Selbsterfahrung“ gestanden. Sie hatte einen anderen Zugang zum Mitmenschen gefunden. Sie hatte sich mit Kindheit, Familie und Traumaforschung auseinandergesetzt. Sie hatte einen neuen Zugang zur Problembewältigung gefunden, da sie Methoden der Sozialarbeit studiert hatte. Das alles nicht auf einem biologisch-evolutionistischen Model fußend, sondern auf dem Modell des christlichen Menschenbildes und der christlich-ethischen Wertefundierung.
Wer im Studium erfährt, dass der Mensch in seiner Zerrissenheit, seinem Scheitern, dennoch ein Verlangen nach dem Guten hat und wer die Spiegelung dieser Erkenntnis in seinem eigenen Leben wahrnimmt, der hat ein Fundament gefunden, auf dem die Veränderung wachsen kann. Arbeit in einer Kirchengemeinde oder in einem öffentlichen Raum, wo die Frage nach Erfolg nur unzureichend messbar beantwortet werden kann, braucht diese Überzeugung des Grundsätzlichen. Ansonsten werden der Umgang mit dem Problematischen des Menschseins zum desillusionierenden Regelfall und der soziale Helfer zur sozialen Belastung.
Die Aussage der Mutter über die Veränderung durch das Studium bleibt Verpflichtung für unsere Hochschule. Wir planen weitere Studiengänge, z.B. für 2011 Musiktherapie. Wir planen weitere Forschungen. Wir suchen nach neuer Exzellenz in Forschung und Lehre. Wir betten uns weiter ein in die Hochschullandschaft durch institutionelle Akkreditierung und Erlangung des Promotionsrechts. Wir machen internationalen Studenten das Studium möglich, indem wir englischsprachig lehren. Das alles mit dem Ziel, dass Studieren in Friedensau an unserer Hochschule das Leben positiv beeinflusst, ganzheitlich prägt und gesellschaftlich relevant macht – eben verändert. |
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