Studienfach Theologie

cui bono?

Rolf J. Pöhler

Früher galt sie als die „Königin der Wissenschaften“, doch diesen Platz musste sie längst an andere abtreten. Heute sind es die Naturwissen- schaften, die mathematischen und technischen sciences, die die vorderen Plätze im gut gefüllten Auditorium der   einnehmen. Auch die Human- und Sozialwissenschaften finden gebührende Aufmerksamkeit, tragen sie doch wesentlich zum Verstehen des Menschen und zum gesellschaftlichen Miteinander bei.

Demgegenüber fristet die Theologie eher ein Rand- bzw. Schattendasein und muss inzwischen sogar um ihren angestammten Platz an der Universität fürchten. Ihre nicht vorhandene Voraussetzungslosigkeit – sie geht von der Existenz und Selbstoffenbarung Gottes aus –, ihre Bekenntnisgebundenheit und Funktionalität – sie steht im Treueverhältnis zu und im Dienst an der Kirche – lassen den Anspruch der Theologie fragwürdig erscheinen, eine echte Wissenschaft zu sein. Lässt sich christlicher Glaube mit wissenschaftlicher Vernunft vereinbaren oder gehören beide verschiedenen Denkwelten und Universen an?

Dazu kommt noch die Frage nach dem Nutzen und Zweck der Theologie. Braucht die heutige Gesellschaft sie eigentlich noch? Ist sie inzwischen nicht sogar für die Kirchen selbst zu einer Belastung geworden, die den Glauben mehr gefährdet, als ihn zu stützen? Und was hat der Einzelne von ihr? Hat sich die Theologie überlebt und ist überflüssig geworden? Oder gibt es auch heute noch einleuchtende Gründe, Theologie auf wissenschaftlichem Niveau zu betreiben? Was spricht dafür, an einer theologischen Fakultät oder an einer kirchlichen Hochschule – wie beispielsweise der Theologischen Hochschule Friedensau – zu studieren?

Cui bono? Wem zum Vorteil? Ciceros berühmte Frage nach dem Nutznießer einer Tat kann dabei zur Aufhellung des Sachverhalts dienen. Wer hat – wenn überhaupt – einen Vorteil und Nutzen von der Theologie? Der Einzelne, die Kirche(n) oder die Gesellschaft ...? Die folgenden Ausführungen sind nicht konfessionsspezifisch gedacht oder gehalten; sie lassen sich aber gerade deshalb auf verschiedene christliche Denominationen – auch auf die adventistische Freikirche – anwenden. Welchen Sinn macht also ein Theologiestudium heute?

Was bringt mir das Studium der Theologie?

Das fragen sich Jugendliche, die in einer christlichen Familie aufgewachsen und/oder selbst Christen geworden sind und jetzt einen Beruf erlernen und ausüben wollen, in dem sie ihren Glauben ausleben und weitergeben können. Andere sind aufgrund ihrer bisherigen Lebens- und Berufserfahrung auf der Suche nach einer Neuorientierung. Der Beruf des Pastors bzw. der Pastorin bietet ihnen die Gelegenheit, Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen zu begleiten, Gemeinden und Gruppen zu leiten sowie Beratungs- und Führungsaufgaben zu übernehmen. Vielseitigkeit der Aufgaben (Predigt/Verkündigung, Unterricht/Ausbildung, Seelsorge/Beratung, Leitung/Administration) und Umgang mit Menschen verschiedenster Prägung (Glaubende und Gottsuchende ebenso wie Zweifler und Nichtglaubende) sind dabei garantiert. Dazu ist eine gründliche Ausbildung erforderlich, die in Friedensau durch studienbegleitende Praktika theoretische und praktische Lernfelder miteinander in Beziehung setzt.

Das Studium der Theologie bildet aber nicht nur die Voraussetzung und Vorbereitung für das spätere Pastorenamt oder ähnliche Berufe. Es bietet den Studierenden darüber hinaus die Gelegenheit, den eigenen Glauben bzw. den Glauben ihrer Kirche (selbst-)kritisch zu reflektieren. Auf welchen (Denk-)Voraussetzungen beruht der (adventistisch-) christliche Glaube? Welche trag- fähigen Argumente lassen sich dafür finden, welche vermeintlichen Stützpfeiler sind dagegen untauglich? Halten der persönliche Glaube sowie die dogmatischen und ethischen Lehr- auffassungen der Kirche einer sorgfältigen Prüfung stand? Lassen sie sich vor der Heiligen Schrift, vor dem überlieferten Bekenntnis und vor den Fragen der Zeit gleichermaßen verantworten? Welche Bedeutung hat der Glaube für das tägliche Leben und die Gesellschaft? Durch solche Fragen wird der eigene ebenso wie der überlieferte Glaube auf den Prüfstand gestellt. Der Ausgang ist offen – das Ergebnis steht nicht von vornherein fest.

Bei manchen löst dieses Vorgehen Unbehagen und Angst aus, könnten doch am Ende Glaube und Gewissheit auch verloren gehen, Bekenntnis und Kirche sich als Angebote ohne Wert erweisen. Doch eine echte Alternative dazu gibt es nicht. Hier gilt Goethes Bonmot: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Ohne persönliche Aneignung bleiben Glaube und Bekenntnis lediglich geliehenes Gut, ohne kritische Prüfung behindern überkommene Vorurteile die eigene Urteilsfähigkeit, ohne aufrichtige Suche nach Wahrheit wird Lehre zur Indoktrination. Das Studium der Theologie bietet die Gelegenheit – ja, die Herausforderung – zur Formung und Festigung eines persönlichen, vor Gott und dem eigenen Gewissen verantworteten Glaubens. Dies dient der religiösen Identitätsfindung, der persönlichen Glaubensentwicklung und der Wertebildung. Ein reifer Glaube kann ohne einen solchen ernsthaften und ergebnisoffenen Reflexionsprozess nicht entstehen und wachsen.

Das Studium der Theologie gliedert sich – vornehmlich in den Kirchen der Reformation – in drei Hauptbereiche. Die im Rahmen des Bologna-Prozesses erfolgte Modularisierung hat die traditionelle Unterteilung bzw. Arbeitsteilung nicht obsolet gemacht:

  • Die biblische Theologie (Altes und Neues Testament) sowie die angrenzenden Bereiche (Biblische Sprachen, Archäologie, Judaica etc.) befassen sich mit der Entstehung, Überlieferung, Bedeutung und Auslegung der jüdischchristlichen Texte, die als Ur-Kunde des christlichen Glaubens das Fundament der Kirche(n) bilden (Geschichte, Exegese, Theologie, Hermeneutik).
    Was glaubten, verkündigten und lehrten die Verfasser der Bibel in ihrer Zeit?

  •  Die historische und systematische Theologie fragt nach der späteren Überlieferung des Glaubens in der Geschichte des Christentums (Kirchenund Theologiegeschichte, Konfessions- kunde, Ökumenik) sowie nach seiner Begründung und Bedeutung für die Gegenwart (Dogmatik, Ethik, Apologetik, Hermeneutik). Wie verstehen, lehren und leben wir die Botschaft der Heiligen Schrift heute?

  •  Die angewandte oder praktische Theologie stellt sich der Aufgabe, über die Predigt (Homiletik), Unterweisung (Katechetik), Lebens- beratung (Seelsorge) und -begleitung (Kasualien), Gottesdienst (Liturgie), Gemeindeaufbau, Mission, Evangelisation und Admin-istration/ Leitung nachzudenken und zukünftigen Pastoren/Pastorinnen das erforderliche Rüstzeug für ihren Dienst an die Hand zu geben.
    Wie geben wir die christliche Botschaft weiter in den verschiedenen Lebensäußerungen der Kirche?

Wozu braucht die Kirche die wissenschaftliche Theologie?

Was für die Studierenden gilt, hat gleichermaßen Geltung für die christlichen Kirchen. „Die wissenschaftliche Selbstbesinnung des christ- lichen Glaubens“ (P. Althaus) ermöglicht es den Kirchen, ihren Glauben zu (be-)denken und sich und anderen Rechenschaft darüber abzulegen. Das Geglaubte zu verstehen, gründlich zu erforschen, gedanklich zu durchdringen (Reflexion) und für alle verständlich auszudrücken (Kommunikation), ist das Anliegen der theologischen Arbeit. „Theologie ist Denken des Glaubens, der auf Gottes Offenbarung zu antworten sucht.“ (H. Beintker) In ihrem Bemühen, auf das Offenbarungswort zu hören und angemessen darauf zu reagieren, ist die Theologie der Wahrheit verpflichtet – und zwar in einem doppelten Sinn.

Als kirchliche Wissenschaft weiß sich die Theologie der (Selbst) Offenbarung Gottes verpflichtet, auf die der Glaube angewiesen ist und antwortet. Der Gegenstand der Forschung – also das Objekt ihrer Untersuchung – ist keine philosophische Erkenntnis, keine Weisheits- oder Tugendlehre, sondern der sich offenbarende Gott und sein im Glauben vernommenes Wort. „Der Gegenstand der theologischen Arbeit ist nicht Etwas..., sondern Einer, nicht ein Es, sondern ein Er.“ (K. Barth) Das unterscheidet die Theologie von anderen Wissenschaften und setzt die Bereitschaft voraus, Gottes Wort zu hören und anzunehmen. Nach Th. Torrance gibt es keine „wahre Objektivität ohne persönliche Gemeinschaft oder dialogische Beziehung zu Gott.“ (Theological Science, London: Oxford, 1969, 309). „Ich glaube, um zu verstehen“, meinte schon der Kirchenvater Augustinus im 5. Jh. Die im Glauben erfasste Wahrheit Gottes ist Fundament und Kriterium der Theologie und letztere eine Funktion der Kirche (K. Barth).

Als wissenschaftliche Disziplin ist die Theologie zugleich aber auch dem Wertekanon wissenschaftlicher Methoden verpflichtet, der sich in der Neuzeit herausgebildet hat. Die exegetische Erforschung der Bibel, die historische Analyse und systematische Darstellung des Glaubens sowie die kritische Reflexion über die kirchlich-pastorale Praxis sind vom Willen zur Objektivität, Vorurteilslosigkeit und Wahrhaftigkeit getragen. Methodisch stringente – rationale wie empirische – Wahrheitssuche bei prinzipieller Ergebnisoffenheit ist das Kennzeichen wissenschaftlicher Arbeit – auch der Theologie. Dies dient nicht allein zur Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit, sondern es entspringt einem dem Glauben selbst innewohnenden Impuls nach besserem Verstehen. Fides quaerens intellectum. Die aufrichtige Liebe zur Wahrheit vertreibt die heimliche Furcht vor der Wahrheit.

Denkender Glaube und gläubiges Denken, wissenschaftliche Arbeit und persönliches Bekenntnis, kritische Forschung aus Liebe zur Wahrheit – das macht die Theologie zu einem spannenden Unterfangen, das der Selbstreflexion des Glaubens innerhalb einer (Frei-) Kirche ebenso dient wie seiner Vermittlung an andere. An dieser Stelle tritt die säkulare Gesellschaft ins Blickfeld der Theologie und es stellt sich die Frage, welchen praktischen Nutzen auch sie aus der theologischen Arbeit einer christlichadventistischen Bildungseinrichtung ziehen kann.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft von der Theologie?

Erkennt die Theologie ihren gesellschaftlichen Auftrag, wird sie sich nicht von der „Welt“ isolieren, sondern vielmehr mit ihr kommunizieren wollen. Dazu gehört auch die Teilnahme an den gesellschaftlichen Diskursen, in denen die philosophischen, religiösen und ethi- schen Fragen der Zeit behandelt werden. Nicht zuletzt bei Fragen nach der Weltdeutung und dem Lebenssinn ist eine biblisch fundierte Theologie gerufen, von der Bestimmung des Menschen zu reden und hilfreiche Orientierung zu geben. Ähnliches gilt für die aktuelle Wertedebatte, die Frage also, welche Grundwerte und Maßstäbe für das Funktionieren der Gesellschaft in einer globalen Welt unverzichtbar sind: Freiheit und Menschenwürde, Verantwortung und Solidarität etc. Besonders im Hinblick auf Heranwachsende eine überaus wichtige Aufgabe.

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund ihrer betont eschatologischen Ausrichtung ist die adventistische Freikirche besonders darauf bedacht, den Menschen zu dienen und sich für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Verantwortlich zum Wohl anderer zu handeln und sich für die Welt einzusetzen – das ist das Ziel der adventistischen Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in vielen Ländern der Erde. Das Bildungs- angebot der Theologischen Hochschule Friedensau – einschließlich des Fachbereichs Theologie – reiht sich in diese Konzeption ein und bietet die Möglichkeit, sich für die Arbeit mit und für Menschen ausbilden zu lassen. Christsein in der Welt von heute – das Studium der Theologie in Friedensau kann und will dazu beitragen.

Lust auf Studium? Untenstehend findet sich das Studienangebot des Fachbereichs Theologie an der Theologischen Hochschule Friedensau. Anfragen sind willkommen!

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