Der Begriff des sozialen Kaptitals in der angewandten Sozialwissenschaft
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Zeitdiagnostische Bewertungen des gegenwärtigen Zustandes unserer Gesell- schaft zeichnen ein mitunter düsteres Bild. Der Finanzkrise, offensichtlich hervorgerufen durch die unermessliche Gier von Bank- managern, ist eine Verringerung des Investitionskapitals geschuldet mit der Folge rückläufiger Wirtschaftsleistung, zunehmender Arbeitslosigkeit und wachsender Armut. Das Wort von der Privatisierung von Gewinnen und der Sozialisierung von Verlusten ist in aller Munde. Politiker in Amt und Würden hauen auf die opportunistische Pauke und unterstellen Menschen ohne Erwerbseinkommen mangelnden Arbeitswillen. Der drohende soziale Abstieg und das Damoklesschwert des Entwederoder provoziert Eigennützigkeit auf Kosten von Gemeinsinn. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gerinnt zu einer gegenseitigen Etikettierung von Fehl- leistungen. Politisch motivierte extremistische Gewalttaten verzeichnen einen Zuwachs von 6,7% und haben ihren Höchststand im Jahre 2009 erreicht. Was hat die angewandte Sozialwissenschaft in diesem Abschottungsszenario zu bieten? Kann sie mit dem Anspruch sozialethischer Verantwortung ein Gegen- gewicht liefern, das angeführte Defizite zu kompensieren sich bemüht? Mit welchem theoretischen, methodischen oder begrifflichen Instrumentarium kann Gemeinsinn, mutuelle Wertschätzung und soziale Gerechtigkeit aufgebaut und zumindest graduell hergestellt werden? Ohne nun in die Vermessenheit geraten zu wollen, dass die strategische Nutzung eines Begriffes die notwendige und genügende Bedingung für die Wende zum Guten in unserem Gemeinwesen hervorbringen könnte, soll an dieser Stelle der Begriff des Sozialen Kapitals angeführt werden, mit dem meines Erachtens eine dynamische Wirkmacht für die Verbesserung von sozialer Lebensqualität erschlossen werden könnte, nicht ohne auch auf die negative Kehrseite der realen Manifestation dieses Begriffes in unserer Lebenswelt hingewiesen zu haben. Pierre Bourdieu (1996) hat den Wert und Nutzen sozialer Beziehungen mit sozialem Kapital bezeichnet. Kapital ist bekanntlich ein materieller Ver- mögenswert, mit dem man arbeiten und das man für Gewinnsteigerung investieren kann. Kapital bringt auf der Bank Zinsen oder wirft als Aktien Dividenden ab. Auch in soziale Beziehungen kann man für Gewinn- steigerung investieren, für berufliche Geschäftskontakte, gute Nach- barschaften und Freundschaften, in denen man miteinander durch dick und dünn geht, die jeweils auf Geben und Nehmen ausgerichtet sind und somit eine gewisse Garantie bieten, dass sich die Investition, bezogen auf Material-, Zeit- und Energieaufwand, lohnt. Die stärkste Konzentration von sozialem Kapital finden wir in der Kernfamilie und der darin begründeten natürlichen Verantwortung „gegenüber seinem eigenen Fleisch und Blut”. Die Familie bietet dem Einzelnen emotionale und materielle Sicherheit und Rückhalt, stärkt und unterstützt in schwierigen Lebenslagen, gibt Ansporn und befähigt und stellt somit ein hochwertiges soziales Vermögen dar, das für die Persönlichkeitsentfaltung ausschlaggebend ist. Die über die Familie hinausgehende sekundäre Sozialisation durch Schule, Freundeskreis, Kirche und Arbeitsplatz eröffnet dem Individuum pluralistische Angebote des Eingehens sozialer Beziehungen. In einer weltoffenen und demokratischen Gesellschaft können Menschen ihr soziales Netz nach Interessen und Bedürfnissen selbst bestimmen und aufbauen. Man kann annehmen, dass der selbstgewählte Freundeskreis oder Gruppenzugehörigkeiten durch geteilte Wert- und Zweck- orientierungen wechselseitige Solidaritäts und Loyalitätserweisungen und identitätsstabilisierende Charakteristiken sozialer Vermögenswerte hervorbringen. Diese auf Gegenseitigkeit beruhende Leistungsbereitschaft kann auf biblische Grundwerte zurückgeführt werden: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“. Matthäus 7, 12 reflektiert den mutuellen Nutzen eines gut gemeinten Miteinanders, das eine unendliche Dynamik hervorbringen könnte, wenn nicht die Gefahr bestände, dass man in soziale Beziehungen nur noch aus funktionalen und utilitaristischen Gründen investiert und damit u.a. schichtspezifische Erhaltungs- und Abgrenzungstendenzen zementiert oder gar kriminelle Machenschaften unterstützt. Der Begriff des negativen sozialen Kapitals verdeutlicht die Sachlage, wenn von der Mafia, Geheimbünden, terroristischen Vereinigungen oder auch korruptem politischem Klüngel die Rede ist, deren Mitglieder stark aufeinander angewiesen sind und erfahrungsgemäß wie Pech und Schwefel zueinander halten. Wie steht es dagegen um unsere Unterstützungsbereitschaft ohne berechenbare Gegenleistung quer durch etablierte Landschaften manifestierten sozialen Kapitals? In der Tat kommt nach konventioneller Auffassung die expansive Eigenschaft des sozialen Kapitals zum Erliegen, wenn nur einseitig investiert wird. Aus diesem Grunde müssen soziale Beziehungen, sollen sie etwas bringen, gepflegt werden. Was geschieht aber mit Menschen, die aufgrund ihrer Lebenslage in Armut und Ausgrenzung nicht ihren Teil der gegenseitigen Ergänzung aufzubringen in der Lage sind und keinen „verwertbaren“ Dankeszoll zu bieten haben? Der christliche Liebesbegriff der Agape, das Gebot und Geheimnis der Feindesliebe in Luk 6,27-35 („tut wohl denen, die euch hassen … denn auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen“) geht auf diese Einseitigkeit des Zwischenmenschlichen mit einer ethisch hoch stehenden Handlungs- anweisung ein. Der Aufbau des positiven Kapitals verlangt demnach eine querverlaufende selektive Investition in alle Menschen, der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit wegen, die wohl ohne den Liebesbegriff der Agape – einzigartig unter allen Religionen und ein nicht einholbares Kennzeichen des Christentums – nicht auszukommen scheint, aus dem des Weiteren, wie die existentielle Praxis zeigt, ein Wert an sich erwächst, der mit keinen materiellen Gütern aufgerechnet werden kann. Aus der selbstlosen Motivation, anderen Menschen ohne Gegenleistung sein soziales Kapital zur Verfügung zu stellen, erfolgt keine kalkulierbare Vergütung, sondern – nach konventionellem Verrechnungsverständnis – ein vordergründiger Verlust, der auf der anderen Seite eine tiefe Erfahrung über den Sinn des Lebens hervorzubringen vermag, eine Erfahrung, die offensichtlich mit der Qualität des eingesetzten sozialen Kapitals korreliert. Jedenfalls ist festzuhalten, dass Menschen aus den Randgruppen und der Unterschicht in den seltensten Fällen über ein soziales Kapital verfügen, das ihnen eine Motivationsgrundlage und Hilfestellung zur sozialen und beruflichen Auswärtsmobilität bieten könnte. Die angewandte Sozial- wissenschaft versucht diesen empirisch bestätigten Tatbestand mit einer gezielten Anstrengung der Schaffung von Substituten alternativen sozialen Kapitals durch sogenannte Netzwerke zu kompensieren und hat in verschiedenen Einzelstudien und –analysen den erfolgreichen Einsatz sozialen Kapitals für benachteiligte Bevölkerungsanteile unterstrichen (Hübinger 1996:113f; Noack 1995). Runyan und Hunter (1998) zeigen auf, dass soziales Kapital bereits bei Kindern im Vorschulalter seine Wirkung zeigt und dass Kinder selbst unter denkbar ungünstigen Umwelt- bedingungen und Entwicklungsprognosen sich dennoch positiv unter einer vorteilhaften sozialen Einflussnahme entfalten können. Weitere Studien thematisieren soziales Kapital hauptsächlich im Bereich organisierter Selbsthilfe in Form von z.B. nachbarschaftlich organisierten Unterstützungs- modellen, informellen Interessengruppierungen, gemeinnützigen Vereins- bildungen, Frauenorganisationen und problemzentrierten Selbsthilfegruppen, wie z.B. die Anonymen Alkoholiker. Bei der organisierten Selbsthilfe wird angenommen, dass das ursprünglich nicht vorhandene soziale Kapital aus einer bedürfnisorientierten Problembewältigung sich subsidiär entfaltet und über reziprok erwirkte Unterstützungsbereitschaft expandiert. Der vormals Schwache und Getragene wird dann selbst zum Träger der Schwachen. Mitglieder einer Selbsthilfegruppe werden darüber hinaus erst dann sich nachhaltig von ihrer Problemkonstellation emanzipieren können, wenn sie letzten Endes die Gruppe und die damit befasste Thematik hinter sich lassen und eine neue Identität selbstbestimmter Lebensentfaltung aufbauen. Die Entwicklungs- fähigkeiten des Einzelnen voraussetzend und diese fördernd, sollen über die Zweckorientierung zu bewältigender Bedürfnisproblematik hinaus der Entfaltung einer kompetenzsteigernden Eigendynamik keine Grenzen gesetzt werden, d.h. ein Problem wird nicht alleine durch seine Aufhebung und Eigenbewältigung gelöst, sondern wesentlich auch dadurch, dass Menschen darüber hinauswachsen können, die vorgängige Problematik irrelevant und für unrestringierte soziale Optionen hinter sich gelassen wird (Rolly 1998). Damit ist die Zielbestimmung der Ausbildung einer echten Selbsthilfefähigkeit Wirklichkeit geworden, die gegen die paternalistische Bevormundung einer gefälligen Dienstleistung von oben den Eigenwert und die Würde des Menschen im Sinne einer partizipatorischen Demokratie reklamiert und echter Teilnahme in unserer Gesellschaft als Selbstzweck den Weg bereitet. Man kann sich dabei gut vorstellen und darf das mit gutem Gewissen auch ins Auge fassen, dass die auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerichtete Dynamik einer wertfundierten Investition in soziale Beziehungen durchaus in der Lage ist, das oben angeführte negative soziale Kapital in positives soziales Kapital zu konvertieren. Abschließend sei noch einmal auf den Erfahrungswert des sozialen Kapitals eingegangen, dessen geistliche Tiefe sich zwar nicht gegen die durchaus sinnvolle funktionale Verortung der angewandten Sozialwissenschaft wehrt, aber dennoch darüber hinaus weist. Coleman (1996) definiert soziales Kapital als eine Ressource zwischen Personen, die nicht bei den Akteuren selbst liegt, sondern der inwendigen Struktur von Beziehungen inhärent ist (82.f.). Die Qualität des sozialen Kapitals wird demnach durch die Intensität der Beziehung zwischen den Menschen bestimmt, die durch die zwischenmenschliche Nähe und das gegenseitige Vertrauen wirksam wird, mit der Folge der Zuneigung, der Opferbereitschaft füreinander und der mutuellen Unterstützung in allen Dingen des Lebens. Wenn diese Nähe bei einer größtmöglichen Ferne und die Vertrauensbereitschaft bei massivem Misstrauen zu greifen vermag und die Folgen hochwertige Ressourcen generieren, die quer durch die Gesellschaftshierarchie Chancengleichheit und sozialen Wandel konstituieren, dann werden auf freiheitlicher Grundlage der Selbstbestimmung betroffener Bevölkerungsanteile über die Besitzstanderhaltung hinaus und quer durch alle Schichten und Bevölkerungsgruppierungen hindurch Vermögenswerte für alle geschaffen, für die zu investieren es sich lohnt. Literatur Bourdieu, Pierre Coleman, J.S. Hübinger, W. Noack, W. Rolly, Horst Friedrich Runyan, D.K.; Hunter, W.M.; et.al. |
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