B.A. - Studiengang Gesundheits- und Pflegewissenschaften

Silvia Hedenigg

Veränderungen, die unsere Gesellschaft prägen

Gegenwärtig unterliegen unsere westlichen Industriegesellschaften weit reichenden soziodemographischen Veränderungen. Zu nennen sind etwa Phänomene wie der demographische Wandel, die Diversifizierung der Familienstrukturen, die globalen Auswirkungen des Wirtschaftsmarktes und deren Einflüsse auf den Arbeitsmarkt in Deutschland. Das Altern und Erkranken großer Bevölkerungsanteile, die Veränderung in der Generationen- und Solidarverantwortung sowie die zunehmende Technologisierungund Machbarkeit in der Medizin und die mit ihr einhergehende Multimorbidität im Alter bilden nur Bruchteile der Herausforderungen ab, mit denen wir uns konfrontiert sehen.

Es ist davon auszugehen, dass diese prognostizierbaren Veränderungen eine unmittelbare Auswirkung auf den Pflegebedarf und das Pflegehandeln ausüben werden. „Alle Studien gehen von einer starken Zunahme des Bedarfs an Pflegefachkräften aus, in der Altenpflege wie auch in der Gesundheits- und Krankenpflege. So vermuten die Pflegeexperten Baldo Blinkert und Thomas Klie eine Zunahme – im Rahmen der Sozialen Pflegeversicherung – unter den derzeitigen Rahmenbedingungen um ca. 100-160%. Reinhold Schnabel prognostiziert in einer neueren Studie einen Anstieg von heute ca. 545.000 Vollzeitstellen auf ca. 1 Million im Jahre 2030 und gar 1,4-1,8 Millionen bis 2050, d.h. eine Steigerung um160-230%. Schnabel geht dabei jedoch von der Gesamtzahl aller Beschäftigten aus, differenziert also nicht nach Berufsabschluss und Tätigkeit.“ Des Weiteren werden neben dem erhobenen quantitativen Veränderungsbedarf im Pflegesektor auch Forderungen nach qualitativ unterschiedlich ausgebildeten Pflegekräften gestellt. So werden 10% als Bedarfsgröße akademisch ausgebildeter Pflegekräfte genannt (Reinhart, zit. n. Görres 2008).

Die gesundheits- und sozialpolitische Gesetzgebung und deren strukturelle Rahmenbedingungen sowie konkrete Veränderungen im Berufsbild und Professionsverständnis der Pflege sind als Antworten auf diese erwartbaren Bedarfe zu betrachten. Dafür richtungsweisend sind u.a.

  •  • das am 1. Juli 2008 in Kraft getretene Pflege-Weiterentwicklungsgesetz, das etwa durch eine Stärkung der häuslichen Pflege eine kompetente Beratung in Form von Pflegestützpunkten vorsieht, zusätzliche Betreuungspersonen in Heimen plant sowie die Qualität von Pflegeheimen einheitlichen Standards unterziehen soll;

  • • das 2007 in Kraft getretene Gesetz zur speziellen ambulanten Palliativversorgung (SAPV), das als neue Versorgungsform jedem Bürger eine angemessene ambulante Palliativversorgung gewährleisten soll;

  •  die Reform des Krankenpflegegesetzes von 2004, in der die „Erprobungsklausel“ (§5 Absatz 3 KrpflG zur „Weiterentwicklung der Pflegeberufe unter berufsfeldspezifischen Anforderungen“ (Reinhart 2001, S.12) die Akademisierung des Pflegeberufs impliziert;

  • die Unterstützung der Professionalisierung der Pflege nach inter- nationalen Standards im Sinne insbesondere der europäischen Kompatibilität von Bildungsabschlüssen durch die Stellungnahme der WHO (Görres, 2008, S.55; Reinhart, 2001, S.6), die EU-Richtlinien für Krankenpflege (Reinhart 2001, S.11f.), die Stellungnahme des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklungen im Gesundheitswesen (SVR 2001; 2007, zit. n. Görres 2008, S.56) sowie den Empfehlungendes Wissenschaftsrats (Reinhart 2001, S.5f.);

  •  die in den oben genannten Punkten zunehmend inhärente Entwicklung eines Berufsrollenverständnisses, dassich nicht mehr vorrangig an der Leitdisziplin der Medizin orientiert, sondern ein multidisziplinär auf den Patienten ausgerichtetes Selbstverständnis vertritt (Rosenbrock 2007).

Aufgrund ihrer Tradition in der Gesundheitsförderung und Präventio bzw. ihrer Ausrichtung auf Versorgungseinrichtungenim akutklinischen, ambulanten und pflegerischen Bereich verfüg die Freikirche der Siebenten-Tags- Adven- tisten weltweit über 600 stationäre und ambulante Angebote im Gesund- heitssektor. Sowohl die Theologische Hochschule Friedensau als auch die Akademie für Gesundheits- und Krankenpflege des Krankenhauses Waldfriede sehen ihre Aufgaben und Ziele demzufolge einerseits in der Fortsetzung der Tradition der Gesundheitsorientierung der Freikircheund andererseits in der Hinwendung an die oben angeführten mittel- und langfristige Bedarfe der Pflege- und Gesundheitsdienstleitungen.

Kooperation zwischen dem Krankenhaus Waldfriede und der ThHF

Basierend auf einer Kooperation zwischen dem Krankenhaus Waldfriede (Berlin) und der Theologischen Hochschule Friedensau wird mit dem Angebot eines ausbildungsintegrierten B.A.-Studiengangs Gesundheits- und Pflege- wissenschaften der gleichzeitige Erwerb eines berufsqualifizierenden Ab- schlusses als Gesundheits- und Krankenpfleger(in) (nach dem geltenden KrPflG) und eines darüber hinausweisenden akademischen Abschlusses auf Hochschulniveau ermöglicht.

Der Bachelorstudiengang Gesundheits- un Pflegewissenschaften

Durch die Integration der Vielfalt der gegenwärtigen und prognostizierten gesellschafts- und gesundheitspolitischen Herausforderungen ist das Ausbil- dungsziel reflektiert, dem Gesundheitssystem Pflegekräfte zur Verfügung zu stellen, die aufgrund einer grundständigen qualitativ hochwertigen Fach- kompeten darüber hinausweisende wissenschaftlich fundierte Reflexions- und Handlungskompetenz aufweisen. Diesist verbunden mit einer System- kompetenz,die Pflegehandeln in einem komplexe Zusammenhang versteht, dem ethische Kompetenz gleichermaßen zugrunde liegt wie personale und soziale Kompetenzen. Denn diese sind als Grundvoraussetzung für ein multiprofessionelle patientenorientiertes Arbeitenim personenbezogenen Dienstleistungssektor zu sehen.

Die beschriebenen gesetzlichen, strukturellen und finanziellen Rahmen- bedingungen bilden die Grundlage für gezielte zukunftsorientierte Schwerpunkte, die sich ergänzend zu den gesetzlichen Vorgaben der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung in folgenden Modulschwer- punkten des B.A.-Studiengangs Gesundheits- und Pflegewissenschaften ausdrücken:

  • Gesundheitsförderung: Prävention, Familiengesundheitspflege, Sozial- medizin, Soziale Psychiatrie, Sucht

  • Pflegewissenschaft und Pflegeforschung: Pflege als Beruf, Anfor- derungen im Pflegeberuf, Rahmenbedingungen, Evidenzbasierte Pflege

  • Spezielle Adressaten der Pflege: Chronische Erkrankungen, Geriatrie/ Gerontologie/ Palliativversorgung

  • Zukunftsorientierte Ausrichtungen: Innovative Entwicklungen, Assis- tierende Technologien, Interkulturelle und internationale Aspekte

  • Gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Gesellschaftswissenschaften, Sozialisationsforschung, Konfliktbearbeitung

  • Organisation: Projekt- und Qualitätsmanagement, English for Nursing Sciences

Die Regelstudienzeit des B.A. Gesundheits- und Pflegewissenschaften beträgt neun Semester. Der Anteil der anrechenbaren praktischen Ausbildungsmodule beträgt 352 Stunden. Der akademische Abschluss des B.A. Gesundheits- und Pflegewissenschaften wird nach einer Regelstudienzeit von neun Semestern erlangt.

Inhaltliche Besonderheiten des Curriculums

Inhaltliche Besonderheiten des Curriculums ergeben sich gegenüber „rein akademisch“ angelegten Studiengängen durch das Angebot eines aus- bildungsintegrierten Studiums. Dieses wurde in dem Kooperationsmodell in einen verstärkt praxisorientierten Teil gegliedert,der am Krankenhaus Waldfriede stattfindet, und einen klassisch akademisch definierten Teil, der an der ThHF angeboten wird. Dementsprechend ist das didaktische Konzept während der ersten Semester verstärkt in einem Lehr-Lernzusammenhang problemorientierten Lernens aufgebaut, während die didaktische Ausrichtung während der letzten drei Semester einer Vielfalt hochschulüblicher Lehr- Lernformen folgt, die gegenstandsabhängig in Form von Vorlesungen, Seminaren, Übungen und Kolloquien erfolgen.

Die Modularisierung der Lehrinhalte folgt den für die Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung in Berlin verpflichtenden Ausbildungsrichtlinien NRW. Die zeitliche Anordnung der Module orientiert sich am Aus- bildungsverlauf. So wird mit einer Grundorientierung im Beruf begonnen, bevor verschiedene Handlungsfelder der Pflegenden im Gesundheits- und Krankenpflegebereich exemplarisch thematisiert werden. Diese finden ihre Entsprechung in der Auswahl der Praxiseinsatzbereiche, die jeweils zeitnah zum relevanten Unterricht angeboten werden.

Zugang und Zulassung zum Studium Die Zulassungsvoraussetzung für den Studiengang B.A. Gesundheits- und Pflegewissenschaften ist die Allgemeine Hochschulreife. Bewerber ohne Allgemeine Hochschulreife können unter Umständen eine Feststellungsprüfung ablegen und zum Studium zugelassen werden. Voraussetzungen für die Zulassung zur Feststellungsprüfung sind:

  • das Vorliegen der einschlägigen Fachhochschulreife oder

  • das Vorliegen des Realschulabschlusses sowie eine 3-jährige Berufs- ausbildung und eine 3-jährige einschlägige Berufserfahrung.

Für Bewerber mit einer Allgemeine Hochschulreife gibt es keinen Numerus Clausus.

Bewerber ohne Allgemeine Hochschulreife müssen bei der Feststellungs- prüfung einen Mindestnotendurchschnitt von 2,5 erreichen, um zum Studium zugelassen zu werden.

Mit der Möglichkeit, über die Feststellungsprüfung auch ohne Allgemeine Hochschulreife den Zugang zum berufsqualifizierenden B.A.-Studium zu erlangen, ist für den Studiengang die diesbezügliche Forderung der Hochschulrektorenkonferenz (Beschluss vom 18.11.08) umgesetzt.

Übergangswege aus anderen Studiengängen bzw. Anerkennungsregeln für die Studienleistungen, die außerhalb erworben wurden

Bewerber(innen), die schon über eine abgeschlossene Ausbildung zum/zur Gesundheits- und Krankenpfleger(in) verfügen, nehmen an den zusätzlichen ausbildungsintegrierten Modulveranstaltungen und Modulprüfungen am Krankenhaus Waldfriede sowie dem Präsenzstudium an der ThHF teil, um den Bachelor- Abschluss zu erwerben. Eine Teilnahme an den regulären Aus bildungsveranstaltungen entfällt.

Berufsfelderorientierung

Gemäß den Einsatzmöglichkeiten in den Berufsfeldern der Gesundheits- förderung und Prävention, der stationärenund ambulanten Pflegetätigkeiten kurativer Angebote sowie der Rehabilitation und Palliation ist das Berufsfeld der Absolventen von einer über das gesamte Leben verlaufenden Bandbreite bestimmt. Innerhalb derer kommen Absolventen mit der grundständigen akademischen Pflegeausbildung zahlreiche Aufgaben zu, die aus dem wissenschafts- und evidenzbasierten Wissensstand und seinem Kompetenzfeld resultieren:

  • Das eigenständige und eigenverantwortlicheBearbeiten gesundheits- dienstlicher Aufgaben und Pflegehandeln hinsichtlich der Planung, Durchführung und Evaluation.

  • Die Übernahme beratender und edukativer Tätigkeiten für den Patienten und/oder Angehörigen, Aufklärung und Beratung im präventiven oder sozialmedizinischen Sektor.

  • Überleitungsaufgaben und Care- bzw. Casemanagement, dessen zuneh- mende Komplexität nur mittels fundierter breiter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bewältigen ist.

  • Organisatorische Aufgaben in und zwischen unterschiedlichen Institu- tionen und Professionen etc.

  • Die wissenschaftliche Bearbeitung von Problemen der Pflegepraxis sowie Wissenstransfer in die Pflegepraxis.

Mit dem steigenden Pflegebedarf, der aus der oben genannten sozio- demographischen Entwicklung resultiert, wird eine zunehmende Diversi- fizierung insbesondere im Bereich des Pflegehandelns prognostiziert. Dieser erfordert eine inhaltliche und systemische Kompetenz,die in der traditionellen Pflegeausbildung nicht eingebracht werden kann. Es handelt sich um:

  • Die Organisation und Koordination des zunehmend unterschiedlich qualifizierten „Pflegepersonals“.

  • Die Bereitstellung, Koordination und Vernetzung von Pflegetätigkeiten in unterschiedlichen Regionen, insbesondere in strukturschwachen Regionen.

  • Daraus ergeben sich neue Tätigkeitsfelder selbstständigen Arbeitens, die sich z. B. auf der Grundlage des § 63 c Sozialgesetzbuch V über die derzeit angedachten Modellvorhaben der „Gemeindeschwester Agnes“ u.ä. hinaus entwickeln werden.

  • Zunehmende Globalisierung und Migrationsbewegungen erfordern vertiefte transkulturelle Kompetenzen und kultursensibles Pflegehandeln.

  • Pflegetätigkeiten werden zunehmend eine Technisierung erfahren. Diese als Chance zu verstehen, die Bereitschaft und Kompetenz, technische Hilfsmittel handhaben zu können, in der Pflege einzusetzen und den Adressaten der Pflege nahezubringen, wird eine der Aufgaben sein, für die das B.A.- Studium explizit vorbereitet und denen sich Absolventen gut ausgebildet gegenübersehen.

Zusammenfassend kann der B.A.-Studiengang Gesundheits- und Pflege- wissenschaften als ein aktuelles und zukunftsorientiertes Bildungsangebot betrachtet werden, das den gegenwärtigen und künftigen Entwicklungen entgegenkommt und in seinem christlich-ethischen Menschenbild dem Postulat „Gut für den Menschen zu sein“ zu entsprechen trachtet.

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