Archäologie

Das Institut für Altes Testament und Biblische Archäologie

Friedbert Ninow

Wer nach Friedensau kommt, um hier zu studieren, der wird bald feststellen, dass die Biblische Archäologie eine besondere Rolle im Forschungsprofil de Theologischen Fachbereiches einnimmt. Das drückt sich vor allem in der Arbeit des Instituts für Altes Testament und BiblischeArchäologie unter der Leitung von Friedbert Ninow aus. Dieses Institut wurde 1990 in Darmstadt (Theologisches Seminar Marienhöhe) durch Udo Worschech gegründet und ist nun an der Theologischen Hochschule Friedensau angesiedelt. Dieser Gründung gingen intensive archäologische Forschungen seit 1983 voraus, die von U. Worschech durchgeführt wurden und sich speziell mit dem archäologisch noch völlig unerforschten Territorium östlich des Toten Meeres, dem jordanischen Plateau und dessen Abhängen zum Toten-Meer-Graben beschäftigt haben.

Einen besonderen Schwerpunkt am Institut bildet die Erforschung der eisenzeitlichen, also alttestamentlichen Zeit (ca. 1400-400 v. Chr.), der moabitischen Kultur und Geschichte, die zwar in vielerlei Beziehungen zur Geschichte Israels steht, jedoch weder biblisch-exegetisch noch his- torisch-archäologisch gründlich erforscht ist. Forschungsgegenstand des Instituts ist die moabitische Kultur, wie sie sich in der Ard el-Kerak, der zentralen Moabitis zwischen Wadi Mugeb (dem biblischen Fluss Arnon) und Wadi Hesa (dem biblischen Wasserlauf Zered) und vor allem an der Ausgrabungsstätte von el-Balua (dem biblischen Ar-Moab, Num 21,15; Jes 15,1) und nahe gelegenen Ortslagen darstellt. Schichtenfolgen und Keramikanalysen lassen erkennen, dass el-Balua von der Frühen Bronzezeit (ca. 3000 v. Chr.) bis in die biblischen Epochen bewohnt war und parallel zu Israel eine Blütezeit unter den moabitischen Königen erlebt hat.

Die Besiedelung Moabs geht zurück bis in die Steinzeit (Paläolithikum). Während der Bronzezeit blühten Städte. Die Israeliten zogen durch moabitisches Gebiet auf ihrem Weg in das „Gelobte Land“. Zur Zeit der israelitischen Monarchie kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Moabitern. Das Moab-Orakel in Jeremia 48 spricht von einem „stolzen, hoffärtigen, hochmütigen, trotzigen und übermütigen Moab“ (48,29). Dies deutet darauf hin, dass zumindest während gewisser Phasen der Eisenzeit Moab ein starkes Königreich war. Der Fund einer Stele, die der moabitische König Mescha in Dibon aufrichten ließ, scheint dies zu bestätigen. Königssitz dieses moabitischen Reiches scheinen Kerak (das biblische Kir bzw. Kir-Hareseth), Ar (vgl. Jes 15,1) und Dibon nördlich des Arnon gewesen zu sein. DasKerak-Plateau wurde in das römische Provinzial- System eingegliedert; eine wichtige Straße (die Via Nova Traiana) verband den Norden mit dem Süden. Die Städte und Dörfer scheinen in der byzantinischen Epoche eine erneute Blüte erlebt zu haben; das Christentum war die beherrschende Religion in dieser Gegend. Der erste Zusammenstoß byzantinischer und islamischer Streitkräfte fand im Jahre 629 n. Chr. südlich von Kerak statt. Die Kreuzfahrer machten Kerak zu einem Teil ihres Königreichs Jerusalem. Sie errichteten in Kerak eine imposante Festung. Die Stadt und die Burg fielen 1187 in Saladins Hände. Unter Baibar aus der Mamlukendynastie wurde Kerak erneut erobert und die christliche Kirche niedergerissen. In der Folgezeit gehörte das Gebiet zum Osmanenreich. Der erste westliche Reisende, der durch dieses Gebiet zog, war U. Seetzen im Jahre 1806. Er wurde am Rand des Mujeb von Beduinen gefangengenommen und erst gegen Zahlung eines Lösegeldes wieder freigegeben. Ludwig Burckhardt und H. B. Tristram, die nach ihm durch diese Gegend zogen, erging es nicht anders. Während andere Teile Palästinas systematisch kartographiert und archäologisch erforscht wurden, betraten nur die mutigsten Reisenden diese unwirtliche Gegend. Die Situation änderte sich, als die osmanische Regierung einen Militär- gouverneur in Kerak einsetzte, der selbst an der Erforschung seines Gebiets interessiert war. Forscher wie F. J. Bliss, R. Brünnow mit A. Domaszewski, A. Musil oder G. A. Smith studierten die archäologische Geschichte des Kerak-Plateaus. Im Jahre 1924 unternahm W. F. Albrighteinen Survey des Gebietes südlich des Toten Meeres. Bei dieser Gelegenheit untersuchte er auch das Plateau. In der Gegend von Kerak fand er einen besonderen Typus von bemalter Keramik, von der er glaubte, dass sie moabitische Ware sei. Bei Ader identifizierte er Reste eines moabitischen Tempels aus der Eisenzeit. Als Albright 1933 zu genaueren Untersuchungen an diesen Ort zurückkehrte, hatte man ein Haus über dieser Anlage errichtet. Im Jahre 1930 entdeckte R. Head in Balua eine Stele, die eine unentzifferbare Inschrift und ein Relief eines moabitischen Königs aufwies. Diese Entdeckung initiierte eine ganze Reihe von Forschungen auf dem Plateau. Im gleichen Jahr begann auch N. Glueck mit seinem wichtigen Oberflächen-Survey vonTransjordanien, der ihn mehrere Male in dieses Gebiet führte. Danach war es lange Zeit still um das Kerak-Plateau. Erst 1976 begann E. Olavarri mit Ausgrabungen in Khirbet el-Medeineh, einem früheisenzeitlichen Fort über dem Wadi el- Lejjun. Zwei Jahre später begann J. M. Miller mit seinem „Moab-Survey“ des ganzen Kerak-Plateaus. Über 450 Ortslagen wurden im Verlauf dieser Oberflächenerkundung festgestellt. Dieser Survey wurde durch einen weiteren ergänzt, den U. Worschech 1983 im Bereich der Abhänge zum Toten Meer begann. Aus dieser Forschungstätigkeit erwuchs das Grabungsprojekt Balua, das seitdem im Gang ist.

Neben der Grabung auf Balua konnte das Institut das Hinterland dieser Ortslage untersuchen, vor allem das Wadi-System, das hinunter in den Mujeb/Arnon führt. Dabei konnte auch eine bis dato unbekannte früh-eisenzeitliche (12./11. Jahrhundert v. Chr.; Zeit der Richter) Stadt- anlage, Khirbet al-Mamariyeh, entdeckt und durch verschiedene Sondagen weiter untersucht werden. Schon von weitem kann man die massive Stadtmauer erkennen, die die Stadt umgibt. Diese Ortslage schmiegt sich wie ein riesiges, lang gezogenes Dreieck an den Hang. Die Spitze dieses Dreiecks bildet eine Zitadelle, während die gewaltigen Stadtmauern die beiden Schenkel bilden, die sich den Hang hinunter ziehen. Diese Stadtmauer besteht aus einer Kasemattenmauer, einer Doppelmauer mit Trennmauern. Während die Zitadelle und weite Teile der „Oberstadt“ auf einem leicht abfallenden Plateau liegen, fällt das Gelände der „Unterstadt“ steil zum Wadi ab.

Weitere Forschungen des Instituts befassen sich mit den rätselhaften Grab anlagen im Forschungsgebiet, die als Dolmen (Megalithgräber) in vielen Varianten vorkommen und Bezüge zu Europa erkennen lassen. Auch diesen Kulturbeziehungen geht das Institut nach. Durch Publikationen und Vorträge seiner Mitarbeiter sowie Ausstellungen will das Institut die Forschungen im Gebiet der antiken Moabitis fördern. Studenten, die in Friedensau studieren, haben die Gelegenheit, an den Forschungsarbeiten in Jordanien zu partizipieren und vor Ort antike wie auch moderne Kultur des Orients wahrzunehmen.

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