Glaube und Marktwirschaft
Stichwort: Landnahme
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Seit einiger Zeit ist ein Phänomen in der globalisierten Welt aufgetaucht, das in Zukunft sehr viel mehr Bedeutung gewinnen wird, das sogenannte „land grabbing”. Was ist „land grabbing“? „Die weltweite Getreideproduktion bleibt zunehmend hinter der wachsenden Nachfrage zurück. Vor diesem Hintergrund hat sich ein Trend beschleunigt, der ‚Land Grabbing’ genannt wird: Staatliche Akteure und private Investoren aus Industrie- und Schwellenländern sichern sich mittels langfristiger Pacht- oder Kaufverträge große Agrarflächen in Entwicklungsländern, um dort Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export anzubauen.”1 Auf der Erde gibt es weltweit ca. 1,5 Milliarden Hektar an Ackerfläche. Diese Fläche muss immer mehr Menschen ernähren: Jeden Tag kommen zu den 6,8 Milliarden Menschen weitere 200.000 dazu.2 Und deswegen ist „land grabbing“ so interessant. Große Länder wie China, Südkorea oder auch finanzkräftige wie Saudia-Arabien wollen sich angesichts des höher werdenden Bedarfs an Nahrungsmitteln fruchtbares Land in anderen Teilen der Welt sichern, beispielsweise in den fruchtbaren Regionen Afrikas, um die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung zu gewährleisten. Das Ganze könnte eine positive Seite haben: Land, was bisher nur mit Mühe bearbeitet wurde, kann in großem Stil bebaut werden, mit neuer Technik und mehr Ertrag. Eigentlich könnten davon alle profitieren, auch die Bauern und Bevölkerung in den Entwick- lungsländern. Das allerdings scheint nicht der Fall zu sein. Die ehemalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul warnt: „Mög- licherweise wird die Ernährung der lokalen Bevölkerung in den afrikanischen Entwicklungsländern gefährdet“.3 Die Welternährungs- kommission spricht sogar von „Neo-Kolonialismus“. Es geht, wie immer, auf Kosten der Armen. Die Bauern in Ländern wie Äthiopien oder Madagaskar4 haben wenig Land, das sie in vielen Fällen nicht einmal selbst besitzen. Die Regierungen und reichen Eliten verschachern es zu Spottpreisen und wirtschaften in die eigene Tasche über die Köpfe der Kleinbauern hinweg. Diese verlieren ihre Parzellen, und der Hunger der eigenen Bevölkerung wird größer.5 Der Ernährungsexperte Joachim von Braun bringt das auf den Punkt: „Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn nun etwa in Entwicklungsländern Getreidelaster für den Export an hungernden Menschen vorbeirollen.”6 Zudem werden die Agrarflächen Teil der Spekulation und der Anlagestrategien von Investmentgesellschaften: „Wer sein Geld vermehren will, der kauft idealerweise Güter, die sich nicht vermehren lassen, die aber immer mehr Menschen haben wollen.” Das kapitalistische Wirtschaftssystem tut ein Übriges: „Wenn es hart auf hart kommt, stand das Gemeinwohl aller noch nie an erster Stelle. Beim Ausverkauf der Erde verhält es sich eben wie mit allen knappen Gütern. Die Nachfrage treib die Preise ... Und Hunger treibt den Profit.”2 In diesem Kontext wird eine der Seligpreisungen Jesu hoch aktuell: „Glückselig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.” (Matthäus 5,5). Das Motiv der „Landnahme” ist eines der wichtigsten in der Geschichte Israels. Abraham sollte ausgehen in ein neues Land (Genesis 12,1) und Mose wurde beauftragt, sein Volk aus Ägypten herauszuführen. Heraus aus der Sklaverei und Unselbständigkeit „in ein gutes und geräumiges Land, in ein Land, das von Milch und Honig überfließt.” (Exodus 3,8) Es ist ein Land, „in dem du nicht in Armut dein Brot essen wirst.” (Deuteronomium 8,9). Gerade in einer landwirtschaftlichen Gesellschaft bedeutet der Besitz von Land Wohlstand und Zukunftssicherheit. Dieses Versprechen Gottes wurde im Alten Testament durch die Einnahme des Landes Kanaan zum Teil Wirklichkeit (Deuteronomium 26,9). Die Benachteiligten und Schwachen, die, die ohnmächtig in dieser Gesellschaft sind, haben schon immer „gute Karten“ bei Gott. Die Seligpreisung Jesu nimmt die Linie aus dem Alten Testament auf und zielt auf eine Gruppe von Menschen, die nicht durch Macht, Gewalt, Geld und Ellenbogen diese Welt beherrschen, sondern durch ihre Sanftmut. Durch ihr verändertes Leben, ihre Gesinnung, besitzen sie die Erde, schon hier. Das ist die geistliche Übertragung. Die buchstäbliche Erfüllung wird dann kommen, wenn Gott nach seiner Wiederkunft den Menschen die neue Erde schenken wird, „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt” (2. Petrus 3,13). Bis dahin sind wir aufgefordert, das zu tun, was wir können, um die Prinzipen des Reiches Gottes, seine heilvolle Ordnung, schon in dieser Welt zur Geltung kommen zu lassen, indem wir uns beispielweise überlegen, mit unserer Geldanlage nicht die Profitmache auf Kosten der Armen zu unterstützen. 1 C. von Oppeln/R. Schneider, Land Grabbing –Den Armen wird der Boden unter den Füßenweggezogen, in: Welthungerhilfe Brennpunkt,Ausgabe 8, Bonn, April 2009 2 Marohn, Anna (2010): Für die große Spekulation.Mehr Menschen, mehr Hunger – aber nureine Erde. In: DIE ZEIT, Ausgabe 7, 11.02.2010,S. 21–22 3 A. Rinke, China im globalen Wettlauf umNahrung, http://www.zeit.de/online/2009/34/china-saudi-arabien-landgrabbing 4 Äthiopien hat beispielsweise ca. 600.000Hektar und Madagaskar knapp 800.000 Hektaran Investoren übergeben. Zum Vergleich: DasSaarland hat eine Fläche von 247.000 Hektar.Quelle: siehe Fußnote 5 5 B. Grill, Überall in Afrika, DIE ZEIT, Ausgabe 7,11.02.2010, S. 22 6 „Fataler Versuch der Selbstversorgung“,Interview mit Joachim von Braun,http://www.zeit.de/online/2009/34/chinanahrung-von-braun |
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