In der Fremde
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„Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in ein Land, das ich dir zeigen werde” (1 Mo 12,1). Diese Aufforderung Gottes an Abraham war vielleicht verbunden mit der ersten wirklichen Emigrationswelle und Migration von westsemitischen Stämmen aus dem Euphratgebiet nach Kanaan. Der Grund war der Zerfall eines großen semitischen Reiches mit Namen Ebla, das um 2400 v. Chr. Teile des heutigen Syriens und Mesopotamiens sowie Bereiche der südlichen Türkei beherrscht hatte. Ob Abraham und seine Verwandtschaft wirklich um 2000 v. Chr. dabei war, soll hier nicht diskutiert werden; viel wichtiger ist, von seiner Bereitschaft zu reden, sich von seinem Vaterhaus zu lösen, sein Land aufzugeben und auf die wichtigen Verwandtschaftsbeziehungen zu verzichten. Er hatte Mut, seinen Glauben und seine Überzeugungen, die anders waren als die seiner Väter (Jos 24, 2.3.14), in einem fremden Land zu beweisen. Und Abraham ist es dabei gutgegangen. Heute streben viele Menschen in unterschiedliche Himmelsrichtungen, jedoch ohne die Aufforderung Gottes, ihr Land zu verlassen, sondern um in einem fremden, neuen Land bessere Lebensbedingungen, bessere Ausbildungen für ihre Kinder zu erhalten und freier ihres Glaubens leben zu können. Es scheint aber, dass nur wenige den Mut haben, sich dem Neuen anzupassen und dennoch sie selbst zu bleiben. Abraham errichtete ohne Scheu seinen Altar im alten kanaanäischen Kultplatz von Sichem bei dem Baumheiligtum, der Orakeleiche, und betete dort zu seinem Gott (1 Mo 12,6-9); später tat er dasselbe in Bethel und Ai. Auch in Kanaan blieb Abraham Abraham und hatte dennoch keine Probleme mit den Kanaanitern. Die Migration von Menschen unterschiedlicher Herkunft führt heute leider dazu, dass sie ethnische Kolonien auch in Deutschland bilden, um sich vor dem zu schützen, was sie eigentlich angestrebt hatten. Wir gehen ...Die Entscheidung, das Heimatland zu verlassen (Migrationsentscheidung), hat die vielfältigsten Auslöser. Geht es zunächst um ein besseres materielles Dasein im anderen Land, so erhofft man sich in einem Land wie Deutschland mit seinen Rechtsstrukturen, wozu eben auch die Religionsfreiheit gehört, eine Befreiung von eventuellen Repressalien wegen religiöser Anschauungen. Bei vielen Christen spielt bei der Entscheidung zu emigrieren die Hoffnung auf eine freie Religionsausübung eine hervorragende Rolle, ob sie nun aus dem östlichen Europa, dem Nahen und Mittleren Osten oder von anderen Erdteilen kommen. Während die Migration selbst mit Hilfe der modernen Verkehrsmittel wenig oder keine Probleme bereitet, ist die „Einbettung“ – freundlich formuliert – in die neue Welt und Gesellschaft sehr schwierig, vor allem für Christen, die hierher mit Glaubensüberzeugungen und Glaubenserfahrungen kommen, die sie in ihrem vormaligen Heimatland gemacht haben, die aber hier nicht wiederholbar sind, oft nicht einmal verstanden werden. Wir gehen ... in ein Land, das Kanaan heißt – es ist aber nicht das himmlische. Neue Freiheit ...?Familie kann nerven und hinderlich sein. Weil Gott mit Abraham etwas Neues gestalten wollte, forderte er ihn auf, sich frei zu machen von den Familienbanden. Das war für die Familie Abrahams unverständlich. Aber damals wie heute ist – wenn auch weniger in der westlichen Welt – die hierarchische Familie eben auch oder sogar das Wichtigste, besonders unter Christen, weil sie ein biblisches und somit patriarchalisches Vorbild hat. Die Eltern überwachen das Leben der Kinder, auch der älteren, vor den Angriffen des Bösen. Spirituelle Erfahrungen werden häufig durch die Familienoberhäupter gelenkt und die Welt dort draußen wird als verlockend und daher als verführerisch zum Schlechten hin verteufelt. In konservativ-christlichen Kreisen wird das Gesetz, das häufig in den Kirchen des alten Heimatlandes das Kreuz ersetzt hat, gegen Paulus als Maßstab des wahren Christseins gepredigt. Der Rechtsstaat, der alle Freiheiten – auch die Religionsfreiheit – in einem gewissen Rahmen gewährt, wird misstrauisch beäugt und die Meinungsvielfalt in Gesellschaft und Politik als – gelinde gesagt – irritierend empfunden. Es ist daher verständlich, wenn ein Christ, der an hierarchische Ordnungen im Haus und im ehemaligen (Unrechts-)Staatsgefüge gewöhnt war, sich nun in der Freiheit eines Rechtsstaates nicht recht wohlfühlt. Mein Glaube – dein GlaubeEs ist aber keineswegs unehrenhaft oder unerlaubt, seine eigenen liebgewonnen Werte und Glaubenspraktiken, die nicht notwendigerweise reaktionär-konservativ, sondern oftmals nur anders sind, in einem freiheitlichen Rechtsstaat zu leben. Man muss den Mut haben, wie Abraham seinen eigenen Altar auch dort zu errichten, wo man ihn setzen will. Diese Freiheit des Glaubens gibt es nicht überall in der Fremde, aber grundsätzlich in den westlichen Staaten, die einem humanistischen und christlichen Wertesystem folgen. Wer immer aber seinen Altar in der Freiheit baut, die ihm hier geschenkt wird, muss auch die Freiheit des Anderen akzeptieren. Die sogenannte Absorption des Migranten – ein hässlicher Begriff der Sozialpolitik – bedeutet aber auch absolute Angleichung an die Werte der Gastgesellschaft. Hier hatte es Abraham besser. Die Stadtstaaten Palästinas waren seinerzeit ohnehin uneins und jeder verehrte seinen eigenen Stadtgott. Andererseits bietet der Rechtsstaat nicht nur Religionsfreiheit, sondern im Großen und Ganzen auch eine Gleichbehandlung seiner Bürger bei deren Teilnahme und Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Mein Leben ist somit auch mein Leben im Alltag meines Glaubens und dein Leben ist dein Leben im Alltag deines Glaubens. Die Selbstverantwortlichkeit ist nicht nur ein humanistisches Prinzip, sondern geht auf Christus zurück, der die Familienbande sprengte und das Individuum zur Freiheit der eigenen Entscheidung gerufen und berufen hat. Ich lebe hierDie andere Kultur, auch wenn es eine verwandte Kultur ist, bleibt vielleicht immer eine fremde. Die Akzeptanz der neuen Kultur und Gesellschaft, die man ersehnt hatte, entpuppt sich doch als etwas Fremdes, auch wenn man dieselbe Sprache spricht. Ein Problem, nicht das einzige, sei aber hier erwähnt als ein grundlegendes: Es ist die Freiheit des Individuums und die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu dieser Freiheit und zum Umgang mit ihr. Von der Wahl des Lebenspartners bis hin zum Autokauf ist es meine Entscheidung und nicht eine Entscheidung der Familie oder Großfamilie. Christen und Andersgläubige aus Staaten, in denen das Staatsoberhaupt als „Vater” gesehen wird – selbst in Europa gibt es diese Vorstellungen –, haben große Schwierigkeiten, wenn man ihnen auseinandersetzt, dass der „Vater” nur ein Volksvertreter ist, der schleunigst abgewählt wird, wenn er seine Arbeit nicht macht. Das Höhere, auch das Religiöse, kann und darf bei kollektiv denkenden Menschen nicht hinterfragt oder gar angezweifelt werden, auch nicht, um einen besseren Standort zu finden. Die Individualisierung der Religion und die individualisierte politische Meinung verunsichert all jene Christen und Andersgläubige, die hier die Vielfalt der Meinungen vorfinden. Wenn aber Migranten sich hier einleben und integriert werden wollen, so gründet sich nachhaltige Integration auf die Akzeptanz der eigenen Person und der eigenen Religion. Das heißt also, dass der Migrant, der hier leben will und lebt, sich bewusst machen muss, dass er die hier vorgefundene Vielfalt bereichert, sie nicht bekämpft, sondern an ihr teilnimmt. Für Christen und Muslime als gläubige Kinder der Religion Abrahams gilt, dass Abraham selbstbewusst genug war, in der Vielfalt der Lebensbezüge seiner Zeit zu leben, und er wurde so zum Vater aller Gläubigen und zum Segen der Völker. |
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