Engagement von türkeistämmigen Migrantinnen in Kreuzberg: Wer integriert wen?
Ich finde, ich habe mich integriert, sei es jetzt sprachlich, kulturell, als auch von meiner Ausbildung. Ich habe Abitur gemacht, das Hochschulstudium abgeschlossen, was auch nicht unbedingt sehr normal ist in der türkischen Gesellschaft und für türkische Frauen. Nur nicht integriert mit meinem Aussehen. Natürlich trage ich normale Kleidung, aber auch mein Kopftuch und das ist Zeichen meines Glaubens. Sonst bin ich eigentlich in jeder Hinsicht integriert. Denke ich. Aber das reicht wohl nicht aus. (Filiz)1.Filiz ist eine junge Frau, die im Rahmen eines Forschungspraktikums von Soziologiestudentinnen an der Freien Universität Berlin2 zum Thema ehrenamtliches Engagement interviewt wurde. Sie beschreibt in diesem Interview, wie sie sich in ihrem Stadtteil ehrenamtlich engagiert, wie sie anderen Migrantinnen bei Behördengängen hilft, kostenlosen Nachhilfeunterricht organisiert und wie sie versucht, zwischen „den Kulturen zu vermitteln“. In dem Interview berichtet sie aber auch darüber, dass sie keine Stelle als Ärztin finden kann, weil sie ein Kopftuch trägt. Sie erzählt von ihrem erfolgreich abgeschlossenen Medizinstudium, von ihrer Bereitschaft, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, und sie schließt das Interview mit dem Satz ab: „Aber das reicht wohl nicht aus“. Filiz‘ Erzählung zeigt zweierlei. Auf der einen Seite engagieren sich Migrantinnen in vielfältiger Weise und zeigen sich häufig viel „integrationsbereiter“ als gemeinhin angenommen. Gleichzeitig stoßen sie dabei aber an Grenzen und Barrieren, die nicht nur wie im Fall von Filiz vom Arbeitsmarkt gesetzt werden, sondern auch mitten aus der Gesellschaft in Form von Zuschreibungen, Desinteresse und Vorurteilen kommen. Auf diese beiden Aspekte, die in der Debatte um die Integration von Migrantinnen häufig unsichtbar bleiben, möchte ich in diesem Artikel eingehen. Ich beziehe mich dabei auf das bereits oben erwähnte Forschungspraktikum, in dessen Rahmen nicht nur 20 Interviews mit türkeistämmigen Migrantinnen im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg durchgeführt und analysiert wurden, sondern darüber hinaus eine Reihe von Begegnungen zwischen Soziologiestudentinnen und mir, ihrer Dozentin, sowie türkeistämmigen Migrantinnen stattgefunden haben; ferner auf die Ergebnisse einer Reihe von Diplomarbeiten3 sowie auf meine persönlichen Erfahrungen, die ich innerhalb der letzten 26 Jahre, in denen ich mit meiner Familie in Berlin-Kreuzberg lebe, gewinnen konnte. Migrantinnen als Brücke zwischen den „Kulturen“Und ja. Religion! Da mach ich gerne … spiel ich den Vermittler (schmunzelt) … zwischen zwei … zwischen den beiden Religionen oder auch den anderen. Wir gehen auch manchmal zu Kirchenbesuchen. Oder geh ich manchmal mit paar Deutschen in Moscheen und erläutere denen das. Weil wir versuchen halt, äh, die Zusammenhänge zwischen allen Religionen zu finden, damit man … damit einige Vorurteile aus der Welt geschafft werden. Ja ... (Nurcan)Viele der innerhalb des Forschungspraktikums befragten Frauen sehen es als ihre Aufgabe an, zwischen den Kulturen zu vermitteln, und nennen dies auch als Motivation für ihr gesellschaftliches Engagement. Sie bezeichnen sich als Brücke („Ich habe also eine Brücke gebildet, eine Brücke zwischen den beiden Kulturen“) oder als Vermittlerin, sehen sich dabei aber häufig in der Bringschuld – sie müssen den anderen ihre Kultur erklären. Für einige Frauen geht es gerade auch darum, Vorurteile gegen den Islam abzubauen. In diesem Zusammenhang verweisen sie häufig auf Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Moslems. Einige der von uns befragten Frauen sehen sich darüber hinaus auch als Vermittlerin von Integration in ihrer ethnischen Gemeinschaft. Sie motivieren z.B. andere Frauen, sich in der Schule zu engagieren, ihre Kinder zu unterstützen und z.B. den Elternabend zu besuchen. Das Bedürfnis, zwischen den Religionen oder Kulturen zu vermitteln und Vorurteile und Ängste abzubauen, wird nicht nur als Motivation für gesellschaftliches Engagement genannt, sondern auch im Alltäglichen immer wieder geäußert. Als mein damals fünfjähriger Sohn sich mit Dilek, einem türkeistämmigen Mädchen aus seiner Kitagruppe, verabreden wollte, war die Antwort ihrer Mutter Aische: „Gern, er soll kommen. Dann kann er mich später fragen, warum ich ein Kopftuch trage, und ich kann es ihm erklären.“ Aisches Äußerung weist zudem daraufhin, dass viele Migrantinnen über ihre Lebenssituation, ihre Bewältigungsstrategien und Beweggründe sprechen wollen, diese Gelegenheit aber selten bekommen. Sie haben kein Sprachrohr, aber auch keine Zuhörer. Themen, über die gesprochen werden darf, werden von außen an sie herangetragen. Ein Ort, von dem aus sie sprechen können, wird ihnen versagt. Im Kontext der oben beschriebenen Episode wird dieser Ort in einen fünfjährigen Jungen projiziert. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen und den anderen Einblick in die eigene Lebenswelt zu gewähren, ist bei vielen Migrantinnen groß. So wurde es in der Grundschulklasse meines Sohnes zur Gewohnheit, sich einmal während des Fastenmonats Ramadan mit Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und Kindern zum gemeinsamen Fastenbrechen inder Schule zu treffen. Die Initiative dazu ging von einigen türkeistämmigen Eltern aus, die damit uns (den deutschstämmigen Eltern) ihre Kultur und Religion näherbringen wollten. Das gemeinsame Fastenbrechen symbolisierte für die Elterngruppe Gemeinsamkeit und ein gelungenes Miteinander und wurde als Gegenmodell zu Erfahrungen konstruiert, die Eltern in anderen Klassen oder Kindergartengruppen gemacht hatten. Diese Gruppen erlebten die Beziehung von „deutschen“ und „türkischen“ Eltern eher als Gegeneinander aufgrund vorgenommener Zuschreibungen oder mangelnden Interesses von Seiten der jeweils anderen Elterngruppe. Engagiert sein als ElternUnd ich persönlich hatte ... also es hatte mir immer leidgetan oder wehgetan, wenn meine Eltern immer die Ausrede hatten: Ja, warum sollen wir denn uns ... äh, zum Elternabend gehn? Wir verstehen doch sowieso nichts. Und ... na ja! Und das wollt ich halt meinen Kindern nicht antun. Und als mein Größter denn in der Schule angefangen hat, hab ich mich dann sofort bemerkbar gemacht und mittlerweile bin ich Elternvertreterin der Schule. (Nurcan)Im Diskurs um Bildungsintegration türkeistämmiger Kinder wird häufig einseitig auf bestimmte Phänomene abgezielt und das Engagement vieler türkeistämmiger Eltern entweder übersehen oder als kontraproduktiv kritisiert. Türkeistämmige Eltern gelten allgemein als bildungsfern und als wenig interessiert am Schulerfolg ihrer Kinder. In den von uns geführten Interviews ergibt sich ein ganz anderes Bild. Zum einen äußert sich hier eine Gruppe von im gesellschaftlichen Leben engagierten Frauen, die sich meist aktiv für die Belange ihre Kinder in der Schule einsetzen. Sie betonen dabei häufig, wie Nurcan, den Unterschied zwischen erster und zweiter Generation von Einwanderern. Zum anderen gelingt es diesen Frauen, auch andere Migrantinnen zu mobilisieren und sie zur Teilhabe in der Institution Schule zu bewegen. Die von uns interviewten Frauen kritisieren einerseits ihre Eltern, die es versäumt haben, „ihnen Rückendeckung zu geben“, räumen aber auch ein, dass es für ihre Eltern aufgrund von Sprachproblemen und institutionellen Hindernissen nicht möglich war, sich als Eltern in der Schule zu engagieren. Institutionelle Schranken sowie kulturalistische Zuschreibungen und Vorurteile bis hin zum offenen Rassismus erleben diese Frauen auch. Sie erwähnen dies zunächst meist ganz vorsichtig, da sie befürchten, den Rahmen des Interviews zu verlassen, und müssen häufig ermutigt werden, auf angedeutete Kränkungen und Zurückweisungen einzugehen. Einige Frauen beschreiben auch ganz explizit Kulturalisierungen. Wenn ihre Kinder Probleme in der Schule haben, wird dies auf die andere „Kultur“ geschoben. ... aber das sind so, so offensichtliche Sachen, weißt du, wenn ich da hingehe und mit der Lehrerin spreche, dann kommt sie mir von wegen, ja, die Kinder sind kulturell anders erzogen und so, wie die sich verhalten, zwängt sich ja im Kopf dieser rechte Gedanke, und so ‘ne Sachen. Wenn so ‘ne Sprüche kommen, von den Lehrern, die die Kinder unterrichten, weißt du, dann, dann sträuben sich mir die Haare. Und dann kann man die Augen nicht darüber verschließen und sagen, nee, das gibt’s nicht, das hab ich gemacht, zwei Jahre lang, aber dann wurde es mir richtig bewusst. (Fatma)„Ich muss dir nicht gefallen lassen“:
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