„Integration bedeutet für mich nicht nur Arbeit finden ...“
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An einem verregneten Mittwochmorgen treffe ich Jana Kaufmann in einem norddeutschen Backsteingebäude in Burg, der Kreisstadt des Landkreises Jerichower Land, in dem auch Friedensau liegt. Diese kleine Stadt mit knapp 25.000 Einwohnern taucht hin und wieder auch in bundesdeutschen Medien auf – dann allerdings in unangenehmen Zusammenhängen. Es scheint eine gewisse Rechtsaffinität bei einem Teil der Einwohner zu geben. Rechtsextreme Gedanken ziehen sich an manchen Stellen wie schmutzige Gemälde durch die Stadt. Immer mal wieder entdeckt man auch ans Bahnhofsgebäude gesprühte „braune Gedanken“. Jana Kaufmann ist seit September 2009 Integrationslotsin in Burg. Sie studierte sechs Jahre lang an der Theologischen Hochschule Friedensau und erwarb einen Bachelor in Sozialer Arbeit und einen Master in Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Als Integrationslotsin fungiert sie nun als Bindeglied zwischen Migrant(inn)en und dem gesellschaftlichen Leben der Stadt Burg. Ihr Arbeitgeber ist eine evangelische Kirchengemeinde. Nach einem herzlichen Empfang in ihrem hellen Büro setzen wir uns bei einer Tasse Tee zusammen und unterhalten uns über ihre Arbeit. Jana, was genau sind Ihre Aufgaben als Integrationslotsin?Zu meinen sichtbarsten Aufgaben gehört die „Interkulturelle Woche“ in der Stadt Burg. Das ist eine Woche mit vielen Veranstaltungen, die Verständnis und Toleranz für die verschiedenen Kulturen und Nationalitäten fördern soll. Gerade bei Migrant(inn)en ist die persönliche Beziehung noch wichtiger als bei Deutschen, weil sie oft aus einem Hintergrund kommen, wo Gemeinschaft einen höheren Wert hat als bei uns. Dann reicht es nicht zu wissen, dass dienstags um 17 Uhr Sport ist. Sondern man muss mit der Trainerin vorher schon mal einen Tee getrunken haben, sonst findet man nicht zueinander. Ich versuche, die Menschen zu verbinden und Schnittstellen zu finden. Zudem biete ich Beratung an, bei welchen Ansprechpartnern in Burg die Migrant(inn)en Unterstützung bekommen. Wo gibt es Informationen über Wohnungen, Anträge ans Sozialamt oder Unterstützung für Bewerbungen? Ein anderes Ziel ist, Migrant(inn)en aus Burg den Kontakt zur Migrantenselbstorganisation Sachsen-Anhalt zu ermöglichen. Wenn die Menschen mit Migrationshintergrund sich als feste Gruppe verbünden würden, könnten sie für ihre Interessen mehr erreichen. Immer wieder gehe ich mit einem Kollegen auch zu Schulklassen, um über Rassismus aufzuklären. Wir möchten den Schülerinnen und Schülern verdeutlichen, was sie verpassen, wenn sie nichts mit Menschen mit Migrationshintergrund oder Andersdenkenden zu tun haben möchten. Neben dieser Arbeit als Integrationslotsin zählt die Leitung eines „Kinderclubs International“ zu meinen Aufgaben. Haben Sie selber einen Migrationshintergrund?Nein, aber ich habe kleine Migrationserfahrungen. Nach dem Abitur habe ich ein Soziales Jahr in Rumänien gemacht. Ich spürte, wie es ist, in einem fremden Land zu leben. Zum Beispiel gibt es in Rumänien noch die Begrüßungsart, dass Männer Frauen einen Handkuss andeuten. Das hat mich am Anfang ziemlich verwirrt. Die Erfahrungen in Rumänien haben mich sensibel für kulturelle Unterschiede in Deutschland gemacht, z.B. Offenheit der Rheinländer vs. Verschlossenheit der Norddeutschen. Nicht alles, was ich normal finde, müssen auch andere normal finden. Jeder ist anders. Das gilt für Essen, Begrüßungsformen, Rituale, Bekleidung, Sichtweisen auf Politik und natürlich nicht zuletzt für religiöse Fragen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das Programm „VIELFALT TUT GUT“ auf den Weg gebracht. Dieses Programm will den Problemen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entgegen- und für vielfältiges kulturelles und soziales Leben wirken. Jana, im Zusammenhang mit diesem Programm steht auch Ihre Arbeit als Integrationslotsin. Was sind die Ziele und an wen genau richtet sich das Programm „VIELFALT TUT GUT“?Die Hauptziele des Programms sind die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Vermittlung demokratischer Werte wie Toleranz und Menschenwürde, die Bekämpfung des Extremismus in jeder Form und die Verbesserung des interkulturellen Verständnisses.Das Programm richtet sich zunächst an die Kommunen. Diese vergeben Fördermittel für eigenständige Präventionsprojekte. In Burg haben wir dazu einen „Lokalen Aktionsplan“ mit folgenden Zielen entwickelt:
Auf welche Art und Weise will der Lokale Aktionsplan diese Ziele konkret erreichen?Es gibt verschiedene Angebote. Zum einen Informations- und Beratungsangebote, aber auch z.B. sport-und erlebnispädagogische Angebote für rechtsaffine Jugendliche, einen „Runden Tisch gegen Rechts – für Toleranz und Menschlichkeit“ sowie öffentliche Veranstaltungen wie die Interkulturelle Woche. Solche Feste und große Veranstaltungen haben den Effekt, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich und ihre kulturellen Besonderheiten zeigen können und dafür Anerkennung bekommen. Ein zweiter Effekt ist, dass Burgerinnen und Burger damit für sie Neues kennen- und schätzen lernen. Im „Kinderclub International“ treffen sich Kinder mit italienischem, türkischem, kurdischem, russischem, irakischem, angolanischem, chinesischem und deutschem Familienhintergrund. Sie spielen, essen, streiten und versöhnen sich manchmal auch wieder ☺. Auch im Kinderclub merken wir, dass wir unterschiedlich sind. Zum Beispiel erklärte mir einer der älteren Jungen, dass es für ihn wichtig ist, dass die jüngeren Kinder vor den älteren Respekt haben. So wichtig, dass er es angemessen findet, diesen Wert mit körperlicher Gewalt durchzusetzen. Wir diskutierten eine ganze Weile und suchten nach anderen Wegen, um respektvoll und für alle fair den Nachmittag verbringen zu können. Immer wieder müssen wir Konfliktlösungsstrategien finden, die für alle fair sind. Und wir möchten vermitteln, dass jeder Einzelne willkommen ist. Erst die Vielfalt an Kindern macht unseren Kinderclub so schön. Deswegen sind wir auch ein interkulturelles und interreligiöses Mitarbeiterteam. Eine unserer Kolleginnen ist eine in Syrien ausgebildete Erzieherin und gläubige Muslima. Es bereichert uns sehr, zusammen zu arbeiten. Und warum ist ein solches Projekt in einer Stadt wie Burg, wo der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund eher gering ist, überhaupt wichtig?Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund beträgt in Burg 1,9%. Gerade weil es so wenige sind, ist interkulturelle Arbeit so wichtig. Die Menschen in Burg haben weniger Kontakt mit Migrant(inn)en, dadurch können sich Vorurteile viel leichter im Kopf ausbreiten und werden nicht durch persönliche Begegnungen ausgeglichen. Meine Vorgängerin Tatjana Gütler initiierte beispielsweise monatlich internationale kulinarische Abende. Die waren jeweils einem Land oder einer Kultur zugeordnet, wie z.B. der kurdischen, litauischen, angolanischen oder französischen. Neben ausgiebigem Essen und Trinken gab es noch kulturelle Darbietungen oder gemeinsames Tanzen. Über so grundsätzliche Dinge wie Essen, Trinken und Feiern kann man meiner Meinung nach Menschen ganz gut erreichen und ihre Herzen öffnen. Nun haben wir schon eine ganze Menge über Ihre Arbeit gesprochen. Sagen Sie, inwieweit ist dieses ganze Projekt Ihrer Einschätzung nach erfolgreich?Ich sehe auf jeden Fall eine positive Entwicklung darin, dass ein Großteil der Migranten räumlich nicht mehr so abgeschieden ist. Bis vor einigen Jahren wohnten sie in einer Gemeinschaftsunterkunft am Rande der Stadt und waren somit auf eine gewisse Art unsichtbar. Mittlerweile wohnen die meisten Burgerinnen und Burger mit Migrationshintergrund in der Stadt, neben deutschen Nachbarn. Außerdem ist das Thema Migration in Burg mehr im Bewusstsein der Gesellschaft, beispielsweise indem in der Zeitung Themen mit Migrationsbezug präsenter sind als vor dem Lokalen Aktionsplan. Die Interkulturelle Woche hat auch offene Herzen und Türen gefunden. Zum Abschluss noch die Frage: Was bedeutet Integration Ihrer Meinung nach?Nun, Integration bedeutet für mich auf jeden Fall nicht nur Arbeit finden, sondern viel mehr. Integration bedeutet für mich, dass sich sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene zwei Seiten aufeinander zu bewegen und dann etwas Neues daraus entsteht, was es vorher nicht gab. Die Migrant(inn)en lernen eine neue Sprache, lernen neue Menschen kennen und fragen sich, warum die Deutschen so denken und diese Feste feiern. Genau so viel Offenheit und Interesse wünsche ich mir auch von den Deutschen. |
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