Das Boot – Ein hölzerner Kahn aus der Zeit Jesu taucht auf

Friedbert Ninow

Es ist das Jahr 1986. Seit einiger Zeit herrscht eine ungewöhnliche Trockenheit. In den vergangenen Monaten ist kaum Niederschlag gefallen. Überall entlang des Jordans und um den See Genezareth herum werden Motorpumpen aufgestellt, um das kostbare Nass aus dem Fluss und dem See auf die Felder zu pumpen. Der Wasserspiegel des Sees sinkt deutlich; immer mehr Uferbereiche trocknen ab und werden sichtbar. Zwei Brüder – Moshe und Yuval Lufan –, die im Kibbuz Ginosar unweit des kleinen Städtchens Migdal am nordwestlichen Ufer des Sees leben, untersuchen einen bestimmten Abschnitt des Seeufers. Gestern hatten sie dort einige antike Eisennägel und Bronzemünzen gefunden. Vielleicht gibt es ja auch heute etwas zu entdecken.

Plötzlich sehen sie den ovalen Umriss eines Bootes im Uferschlamm, dort, wo gewöhnlich das Wasser fast mannshoch steht. Sie sind sich nicht sicher, ob es sich um ein modernes oder gar ein antikes Boot handelt. Deshalb informieren sie die lokale Behörde der Altertümer-Verwaltung Israels. Schnell wird klar, dass es sich um ein antikes Boot handeln muss.

Als problematisch stellte sich die Bergung dieses Fundes dar. Wie sollte man den Schiffskörper anheben, ohne ihn zu zerstören? Die Fachleute hatten festgestellt, dass der Kahn nach so vielen Jahrhunderten eine Konsistenz aufwies, die  einem Käse vergleichbar war. Er würde sofort auseinanderfallen, sobald man ihn anheben würde. Schließlich wurde das Boot mit einem Kokon aus Fiberglas und Polyurethanharz umgeben. Dann grub man einen Kanal in den Uferschlamm, um das Boot in einem Stück in offenes Wasser und an eine geeignete Stelle an das Ufer treiben zu können. Von dort wurde es mit einem großen Kran an das Ufer in einen speziellen Tank gehievt. Dieser Tank wurde mit einer Polyäthylenglykol-Lösung gefüllt, deren Konzentration in jedem Jahr gesteigert wurde. Diese Lösung sollte in das Holz eindringen und das Wasser in den Zellen ersetzen. Es dauerte elf Jahre, bis das Boot so weit präserviert worden war, dass man es sicher ausstellen konnte.

Spezialisten, die das Boot untersuchten, stellten fest, dass es von einem Meister seines Fachs gebaut worden war. Wahrscheinlich hatte er seine Ausbildung an der Mittelmeerküste bekommen, oder er war bei jemandem in die Lehre gegangen, der seine Kenntnisse von dort mitgebracht hatte. Der Bootsbauer verbaute vornehmlich Zedern- und Eichenholz; darüber hinaus fanden sich Reste von Pinie, Weißdorn, Weide und anderen Hölzern. Das Boot war verschiedene Male repariert worden; einige der Holzteile zeigten Spuren von Sekundärgebrauch. Vermutlich war das Boot außer Dienst gestellt worden; seine brauchbaren Teile wie Mast und anderes wurden in anderen Kähnen weiter verwendet. Radiokarbon-Untersuchungen datierten das Boot ca. 120 v. Chr. bis 40 n. Chr.

Das im Uferschlamm entdeckte Boot wies Reste eines Mastschuhs auf: Es wurde bei Wind von einem Segel vorangetrieben; für die Flaute waren Ruder vorhanden. Am Heck des Schiffes befand sich eine Plattform oder ein Deck, möglicherweise auch am Bug. Normalerweise war ein solches Boot mit vier Ruderern und einem Mann am Steuerruder besetzt; es gibt jedoch verschiedene historische Dokumente, die darauf schließen lassen, dass bis zu 15 Männer in einem solchen Boot unterwegs auf dem See waren.

Der See Genezareth spielt eine prominente Rolle in den Evangelien des Neuen Testaments. Galiläa war die Heimat Jesu und der Jünger. Viele dieser Jünger waren von Beruf Fischer. Als Jesus zwei Brüder-Paare (Simon und Andreas/Jakobus und Johannes) in seine Nachfolge beruft, sind die gerade dabei, ihrem Beruf als Fischer nachzugehen (Mk 1,16-20): „Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.“

Immer wieder kam es vor, dass sich große Menschenmengen ansammelten, wenn Jesus predigte. Dann nutzte Jesus ein Boot als Plattform, um zu ihnen zu sprechen (Mk 4,1): „Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, so dass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See.“

Einmal überquerte Jesus mit seinen Jüngern den See, als ein fürchterlicher Sturm losbrach. Die Jünger erschraken und waren sehr verängstigt, während Jesus im Heck des Schiffes (auf der Plattform) schlief (Mk 4,35-39): „Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.“

Das Boot kann in einem kleinen Museum am Ufer des Sees Genezareth beim Kibbuz Ginosar besichtig werden.

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