Glaube und Marktwirtschaft

Stichwort: ÖL

Roland Nickel

Heute Morgen (30.05.2010) habe ich in den Nachrichten gehört, dass der sogenannte „Top Kill” gescheitert ist.1 Der Leser dieser Zeilen wird wissen, ob es in der Zwischenzeit gelungen ist, das Leck im Bohrloch in 1.500 m Tiefe vor der Küste der USA zu schließen. Wie ohnmächtig stehen Politik und Industrie vor dem auslaufenden Öl und müssen der Mega-Katastrophe ihren Lauf lassen. Wie in Goethes Zauberlehrling sind die Risiken der modernen Technik nicht zu kontrollieren. Aber Öl ist das Lebenselixier für den Wohlstand. Wir brauchen es wie ein Fisch das Wasser. Der Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker behauptet sogar, dass „der Ausstoß von Kohlendioxyd weltweit als einer der zuverlässigsten Wohlstandsindikatoren“ gilt. Es müsse deshalb die Abkoppelung des Wohlstands von den CO2-Emissionen organisiert werden2. Im Durchschnitt verbraucht jeder Einwohner der USA ca. 25,16 Barrel Öl pro Jahr, in China sind es 2,14 und in Indien 0,94 Barrel pro Jahr (in Deutschland 11,89)3. Bedenkt man, dass diese bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit Macht das Wohlstandsniveau des Westens anstreben, können wir uns ausmalen, was das für den Energieverbrauch in Zukunft bedeutet. Es wird vorausgesagt, dass die Erdölvorräte auf dieser Welt nur noch ca. 40 Jahre reichen würden4. So unsicher diese Zahlen auch sein mögen, sie zeigen deutlich: Fossile Energie ist endlich. Die jährliche Ölfördermenge hat ihre Spitze vor einigen Jahren bereits erreicht, der Verbrauch steigt weiter, die Ausbeutung von Reserven, besonders der im Ölsand liegenden, wird sehr aufwendig.

Wohlstand mehren oder mindestens halten für viele Menschen dieser Welt, das kann nicht gutgehen. Der Preis ist die „rigorose Ausbeutung der Natur, ohne Rechenschaft darüber, was geschehen soll, wenn nach und nach wichtige Rohstoffe und Energieträger zur Neige gehen; [und die] bedenkenlose Befrachtung der Umwelt mit den Schadstoffen industriellen Wirtschaftens ohne klare Vorstellung von dessen Folgen.“5

Ich bin als Wohlstandskind aufgewachsen, mein Vater wollte, dass es mir besser ginge als ihm. Er hat das erreicht. Ich gehöre nicht zu den Reichen unserer Gesellschaft, aber mein bescheidener Wohlstand hat sich immer verbessert: bessere Autos, neue Elektrogeräte, größere Wohnung, Ersatzbeschaffung meines Hab und Gut in immer kürzeren Zeiträumen – und in der Summe mehr Energieverbrauch. Dieses „Immer-mehr-Denken“ habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Ich hätte Schwierigkeiten damit, mein Wohlstandsniveau zu senken, ein „downshifting“ in meinem Leben vorzunehmen. Aber es bleibt keine Alternative. Meinhard Miegel, Publizist und Sozialwissenschaftler, macht deutlich, dass wir mit dem auskommen müssen, was wir erwirtschaften, „und zwar ohne Ausbeutung von Mensch, Umwelt, Natur und Zukunft. Das dann Erwirtschaftete wird nicht wenig sein. Aber es wird weniger sein, als viele heute gewohnt sind.“ Und der Volkswirt Niko Paech bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Eine Überwindung der Wachstumslogik bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des bisherigen Wohlstands- und Versorgungsmodells ist undenkbar!“6

Und dieses Umdenken bedeutet einen Paradigmenwechsel im Denken und Lebensstil. Weg von Wohlstandsmehrung und Wachstumszwang hin zu Entschleunigung, Nachhaltigkeit und Vereinfachung des Lebens. Das könnte der Verzicht und die Aufgabe von Dingen sein, die unser Leben bequem machen, die wir nicht missen möchten. Ob das in großem Stile möglich ist? Jesus war radikal, wenn es um Lebensveränderung geht. Er fordert einen Reichen auf: „Geh und verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben. Danach komm und folge mir nach.“ (Mk 10,21) Nicht ein wenig Lebensveränderung oder das Halten eines weiteren Gebotes fordert Jesus hier, sondern eine grundlegende Neuausrichtung des Denkens und Lebens, mit dem Ziel, das ewige Leben zu erlangen. Möglicherweise ist eine solche Haltung auch notwendig, wenn es darum geht, mit den Ressourcen dieser Welt verantwortlich umzugehen. Manchmal helfen kleine Veränderungen nicht weiter: ein paar Kilometer weniger mit dem Auto fahren, den Stromverbrauch etwas reduzieren oder Haushaltsgeräte mit dem „Öko-Siegel“ kaufen. Vielleicht ist es notwendig, das eigene Leben radikaler umzustellen, um den persönlichen Barrel-Verbrauch zu senken. Es gilt auch für heute: Nicht die Bindung an Reichtum, Wohlstand oder die Bequemlichkeiten der westlichen Welt soll das Leben ausmachen, sondern die Nachfolge Christi, die frei macht von dem, was belastet.   

 

1 http://www.tagesschau.de/ausland/oel182.html (30.05.2010).

2 Ernst Ulrich von Weizsäcker in: DIE ZEIT, Energie muss teurer werden, Ausgabe Nr. 22 vom 27.05.2010, Seite 28.

3 http://www.welt-in-zahlen.de/laendervergleich.phtml?indicator=94 (30.05.2009). Ein Barrel sind ca. 159 Liter.

4 www.wikipedia.de Stichwort: Erdöl/Tabellen und Grafiken (30.05.2010).

5 Meinhard Miegel, Es wird eng, in: DIE ZEIT, Ausgabe Nr. 18 vom 29.04.2010, Seite 15.

6 Niko Paech, Wege aus der Wachstumsspirale, Vortrag auf der Tagung „Christen scheren aus dem gegenwärtigen Finanzsystem aus”, 19.-21.03.2009 an der Universität Dortmund.

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