Die etwas andere Predigt
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Es ist Sabbat und wir sind in einem kleinen Ort gestrandet – ohne Telefon, ohne Internetzugang und ohne eine Adresse der nächsten Gemeinde – mitten im Oberpfälzer Wald, nahe der tschechischen Grenze. Unser Weg führt uns in die noch menschenleere Gedenkstätte Flossenbürg.1 Hier lassen wir Eindrücke auf uns wirken: eine jüdische Gedenkstätte mit davidsternförmigem Dachfenster, das in den blauen Himmel zeigt; die Kirche „Jesus im Kerker“, die an die Geschundenen erinnern will – von denen Jesus selbst einer war; Dreiecke, das Symbol der Gefangenen, nach Farben und Buchstaben sortiert und nummeriert; Opferzahlen von Menschen unterschiedlichster Nationen; ein Park, der einem Friedhof gleicht – und doch ganz anders ist; das Tal des Todes mit der grasbewachsenen Pyramide aus Asche und Knochenresten; ein Krematorium mit steinernem Obduktionstisch und krudem Backsteinofen … Das KZ Flossenbürg sollte eigentlich gar nicht zur Gedenkstätte werden, es sollte wohl in Vergessenheit geraten, wurde von schmucken Neubausiedlungen umbaut und hat doch nichts von seiner tragischen Aussagekraft verloren. Der wiederhergestellte Appellplatz – eine schlichte Kiesfläche, vielleicht so groß wie ein Fußballfeld – ist ebenso stumme und doch beredte Mahnung wie die Museumsgebäude mit diversen Ausstellungen und Vorführungen. Wie steht es um meine „patriotischen Gefühle“ angesichts der deutschen Geschichte? Wie steht es um mein Christsein – meinen Glauben – angesichts dieser menschlichen, allzumenschlichen Unmenschlichkeit? Es ist gut, dass der Ort völlig menschenleer ist, während mir nachdenkliche Tränen hemmungslos über das Gesicht rinnen. Am Rande des Geländes der Arrestbau, ein langgezogenes Gebäude, von dem nur noch ein Teil steht, dessen Zellenumrisse aber wie Narben auf der gesamten Länge im Boden zu erkennen sind. Im Hof dieser Baracke fanden die Hinrichtungen statt. Generalmajor Oster, Admiral Canaris, Diet-rich Bonhoeffer sind nur drei der über 1.000 Menschen, die hier exekutiert wurden; der Theologe und Pastor Dietrich Bonhoeffer übrigens nur drei Wochen vor der Befreiung des Lagers. Eine Ausstellung im verbliebenen Teil des Arrestbaus erinnert an einige Zitate Bonhoeffers – wie dieses: Da stehen wir nun in Flossenbürg an der Stelle, wo mutige Männer starben, die dem Rad in die Speichen gefallen sind (ebenfalls eine Formulierung von Bonhoeffer3), wo Männer und Frauen wegen ihrer Nationalität, ihrer Hautfarbe, ihrer politischen Gesinnung oder ihres Glaubens im nahen Steinbruch zu Tode geschunden wurden, wo eine kalte Ideologie „Zucht und Ordnung“ herstellte und mit ihren Heilsversprechungen ein ganzes Volk zum Krieg verführte. Und ich lausche mit offenen Augen und schmerzverzerrtem Herzen der etwas anderen Predigt. Am Kopfende des Hinrichtungshofes hängt eine große Gedenktafel mit einem schlichten Kreuz. In der Mitte des Kreuzes lese ich: 2. Timotheus 1,7 – weiter nichts. Ich hole meine Bibel aus der Tasche und lese laut: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Der Text geht weiter – aber meine Stimme gehorcht mir nicht mehr so recht: „Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“ (2 Tim 1,8) Selten hat mich eine Predigt so getroffen. Ich lasse mich bewegen. Es ist mehr als eine Aneinanderreihung von ach so richtigen Worten, was mich hier erreicht. Und ich frage mich zugleich, wie es kommt, dass ein Rundgang in einer KZ-Gedenkstätte bei mir mehr bewirken kann als manch ein wortgewaltiger, mit theologischen Gedanken reich gefüllter Gottesdienst. Lasse ich mich hier nicht nur von Bildern und Eindrücken leiten, von Gefühlen und Emotionen? Wieviel Affekt verträgt der Glaube, ohne affektiert – und damit nicht nur gefährlich, sondern lächerlich zu werden? Ich komme zu dem Schluss, dass Gotteserfahrung wohl nie emotionslos ist. Gotteserfahrung ergreift den ganzen Menschen. Bei den Propheten der Bibel findet sich immer wieder eine Formulierung, die genau dies unterstreicht: „Das Wort des Herrn geschah …“4 Das bedeutet doch wohl, Wort von Gott ist mehr als Informationsübermittlung, es ist ein Geschehen, neudeutsch ein „Event“. Ganzheitlichkeit meint Kopf und Herz, Verstand und Emotion. Vielleicht ist es sogar richtiger zu formulieren: Kopf mit Herz, Verstand mit Emotion und natürlich auch Emotion mit Verstand, denn es geht hier nicht um eine Aneinanderreihung oder Addition von Merkmalen – erst eine verkopfte Predigt, dann ein zu Herzen gehendes Lied –, sondern um die Verbindung der beiden: eine Predigt, die Kopf und Herz erreicht; ein Lied, das Gefühle weckt und zugleich einen intelligenten Text hat. Vielleicht ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Als Dietrich Bonhoeffer in den dreißiger Jahren die USA besuchte und in New York lebte, zog es ihn immer wieder nach Harlem, damals das Viertel der Schwarzen. Der nüchterne Denker, der ganz und gar typisch deutsche Theologe, er fand Freude und geistliche Auferbauung in den lebendigen Gottesdiensten der Schwarzen, ihrer Musik, ihrer Predigt, ihrem Lobpreis, ihrer Form der Anbetung.5 Natürlich ist dieser Gottesdienststil nicht jedermanns Sache, die heutigen Diskussionen in deutschen Gemeinden über das rechte Liederbuch machen dies mehr als deutlich. Mir geht es auch nicht um einen bestimmten Stil, sondern um die Ganzheitlichkeit – den Einbezug der Emotionen in das Leben und die Gotteserfahrung. Theologie ist mehr als eine abstrakte Lehre, ein Dogma. Einseitigkeit lässt uns vertrocknen wie „die Hügel von Gilboa, die weder Tau noch Regen hatten“, um ein von Ellen White häufig genutztes Bild zu verwenden.6 Das Zitat von Bonhoeffer geht mir noch nach: „Wo ist die wahre Kirche? Wo die Predigt steht und fällt mit dem reinen Evangelium vom gnädigen Gott gegen alle menschliche Selbstgerechtigkeit.“ Predige ich „reines Evangelium“, wenn meine Predigt einem gelehrten Vortrag aus lauter unangreifbaren Richtigkeiten gleicht? Wie schnell wird „Predigt“ selbst zu einer Form der Selbstgerechtigkeit – im Gewand biblisch bewanderter Besserwisserei. Predige ich „reines Evangelium“, wenn meine Predigt von „Wohlgefühl und Wellness“ nur so trieft? Es war Dietrich Bonhoeffer, der scharf gegen die „billige Gnade“ polemisiert hat!7 Die etwas andere Predigt an jenem Morgen in Flossenbürg war auch ohne viele Worte vollmächtig und reines Evangelium – manch ein Adventist würde in Anlehnung an Offb 14 „ewiges Evangelium“ sagen –, weil sie den ganzen Menschen ansprach, Emotionen nicht als Mittel zum Zweck einsetzte8, sehr wohl aber auslöste. Geblieben ist mir von jener Predigt der Text aus 2 Tim 1,7 – Mut machend, mahnend (ganz ohne Zeigefinger) und vielleicht sogar passend zu der Diskussion um Emotion und Religion: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
1 Sehr sehenswert ist allein schon die Website http://www.gedenkstaette-flossenbuerg.de/ 3 „Der Staat, der die christliche Verkündigung gefährdet, verneint sich selbst. Das bedeutet eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber: erstens … die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, d. h. die Verantwortlichmachung des Staates. Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören … Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ Aus: „Die Kirche vor der Judenfrage“, DBW 12, S. 353f. 4 Siehe z.B. 1 Sam 15,10; 1 Kön 6,11; Jes 38,4; Jer 1,2; Jona 1,1 etc. 5 „Mehr als sechs Monate bin ich fast jeden Sonntag mittags um 1/2 3 in einer der großen Negro Baptist Churches in Harlem gewesen … Ich habe in den Negerkirchen das Evangelium predigen gehört.“ Zitiert in Eberhard Bethge, Renate Bethge und Christian Gremmels (1986). Dietrich Bonhoeffer – Bilder aus seinem Leben. München, Chr. Kaiser Verlag, S. 76. 6 So z.B. im Nachklang zur Generalkonferenz von 1888, als Ellen White dafür eintrat, Christus mehr in den Mittelpunkt zu stellen (RH 11.3, 1890) 7 „Billige Gnade ist der Todfeind der Kirche … Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee … Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“ Aus: „Die teure Gnade“ DBW 4, S. 29f. 8 Die Gedenkstätte Flossenbürg ist auffallend nüchtern und unaufgeregt gestaltet – eben kein „Gruselkabinett“ oder ein „Ach, wie schrecklich sind wir Deutschen“. |
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