Wie viel Gefühl darf´s denn bitte sein? Von Heiligen und echten Menschen

Johann Gerhardt

Die Bibel ist für viele Christen und besonders für uns als Siebenten-Tags-Adventisten die einzige Richtschnur für Glauben und Leben. Aus ihr entnehmen wir die Lehrpunkte, die uns auszeichnen und die wir als unsere Grundüberzeugungen in 28 Glaubenspunkten verfasst haben. Liest man diese fundamentalen Lehrsätze, ist man gut informiert darüber, was Adventisten glauben.

Glaube will aber nicht nur als intellektuelle Überzeugung für wahr gehalten, sondern gelebt werden. Er soll eingebettet werden in den Alltag mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Verwicklungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, den Erfahrungen von Freude und von Leid, von Erfolg und Niederlage, umgeben von Fragen der Orientierung und der immer neu notwendigen Entscheidungen.

Wenn dies geschieht, entdeckt man, dass der Glaube den ganzen Menschen erfassen will. Glaube als Vertrauen – und dies ist eine der Wortbedeutungen von Glaube – hat natürlicherweise etwas mit der Empfindungswelt zu tun. Es gibt kaum tiefergehende Emotionen als erlebtes oder enttäuschtes Vertrauen. Und es ist in der Tat so, dass sich erst durch das Verwobensein von Erkenntnis mit den emotionalen Anteilen des Menschen deren wahre Bedeutung erschließt. Ansonsten bliebe Erkenntnis rein theoretisch und für den Lebensvollzug wenn nicht wertlos, so doch häufig bedeutungslos. Bibelstudium und die Erkenntnis daraus sind gewinnbringend, wenn also der Mensch in all seinen Schichten erreicht wird.

Demnach gilt es, bei der Begegnung mit dem biblischen Text die emotiven Inhalte zu entdecken. Zuweilen frage ich Studenten: „Wann habt ihr euch das letzte Mal über einen Bibeltext gefreut oder geärgert? Wann habt ihr etwas empfunden beim Lesen und welches war eure Empfindung? Es kann ja nicht sein, dass wir gepackt sind von einer Trivialgeschichte, die so schön schnulzig erzählt wird wie ‚Titanic‘, und beim Lesen des wichtigsten Buches unseres Lebens bleiben wir innerlich unberührt.”

Die Verfasser des biblischen Textes und die Gestalten darin waren nicht kalt, im Gegenteil. Beim Hineinhören und Hineindenken entdecken wir vordergründig oder zwischen den Zeilen Menschen voller Hingabe, Leidenschaft, Eifer, Sorge und Freude, ja Verzweiflung oder Zorn.

In der Person von Paulus begegnet uns solch ein Mensch. Er ist wie kaum ein anderer im Neuen Testament ein Intellektueller, der mit Brillanz und hoher geistiger Kraft die Tiefe der Erlösung durch Jesus Christus durchdenkt und beschreibt – und doch, vielleicht gerade deshalb, spüren wir auch sein Herz, das sich ganz der Sache hingegeben hat. Sein Brief an die Galater atmet die Tiefe seiner Empfindungen und ist durchdrungen von Eifer, Sorge, Leidenschaft, Zorn, ja beißender Ironie. „O ihr unverständigen Galater”, ruft er aus, „wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?” (Gal 3,1). „Seid ihr so unverständig ... habt ihr denn so viel umsonst erlitten?” (vv. 3f.). Die Gläubigen hatten im Vertrauen auf die Rechtfertigung durch Glauben ihr christliches Leben begonnen, aber dann waren sie verunsichert worden durch „falsche Brüder, die sich eingeschlichen hatten” und die die ganze Härte des Gesetzes predigten. Paulus ist voller Angst und Sorge um das Heil der Gemeinde. Er ist wütend über die Verführer. In beißender Ironie meint er, sie sollen sich doch gleich kastrieren lassen, wenn sie die Beschneidung predigen. Und er verflucht jeden, der ein anderes Evangelium verkündigen wollte als das von Jesus Christus allein, und sei es ein Engel vom Himmel. Da ist nichts von vornehmer, kühler intellektueller Distanz. Da ist das heiße Ringen einer Person mit allen Fasern ihrer Existenz.

Wenn wir die Berichte und Geschichten um Jesus lesen, ist es nicht anders. Wenn er gepredigt hat, dann ging es durch‘s Herz. Jesus hat Menschen gepackt, die einen gehen mit Hoffnung und Mut und die anderen knirschen mit den Zähnen. Im Markusevangelium wird eine kurze, aber hochemotionale Geschichte erzählt (Mk 3, 1-6), die genau diese Ergebnisse zeitigt: Jesus ist mit den Jüngern am Sabbat im Gottesdienst. Unter den Besuchern sind die Frommen, wie es sich gehört, und der Mann mit dem verkrüppelten Arm. Alles könnte seinen üblichen Gang gehen, wäre da nicht der ausdrückliche Hinweis auf die aufkommende Spannung im Gottesdienst. „Und sie lauerten darauf, ob er ihn wohl heilen würde, damit sie eine Klage gegen ihn hätten.” Lauerspannung statt frommer Gefühle im Gottesdienst! Jesus stellt die Frage nach dem Sinn des Sabbats: Leben erhalten oder töten. Die Gemeinde bleibt stumm in Verweigerung oder Angst. Jesus sieht sich zornig um und ist betrübt über das harte Herz der Versammelten. Er heilt den Arm und gibt dem Kranken die Gewissheit, Gott sei gut zu ihm. Die Spannung löst sich mit der unheimlichen Aussage: „Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten sogleich mit den Leuten des Herodes eine Beratung ab, wie sie ihn umbringen könnten” (V.6). Eine hochdramatische Geschichte, voller Emotionen auf allen Seiten. Die Empfindungen des Geheilten kann man sich leicht ausmalen: Freude, Verwirrung, Dankbarkeit. Am nächsten Sabbat wieder im Gottesdienst, denn Sabbat hat im Leben dieses Menschen eine neue und tiefe Bedeutung erfahren. Niemand muss ihm erzählen, dass dies ein gesegneter Tag sein soll. Er hat es am eigenen Leibe erfahren.

Es sind diese Erfahrungen von Menschen, die die Lehrpunkte der Bibel veranschaulichen und in unser Erleben einpflanzen können. Was hat David erlebt, der Mann nach dem Herzen Gottes! Wie kaum ein zweiter schildert er uns seine Empfindungen in den Psalmen, von der Zerknirschung bis hin beinahe zur freudigen Ekstase und dem heiligen Tanz. So werden Menschen lebendig. Und wie viele Menschen schöpfen Mut daraus, dass die Bibel nicht nur von den Höhen eines Elia erzählt, der mutig ganz allein gegen den Götzendienst ankämpft, sondern von den Tiefen, als dieser Gottesmann am Ende ist, mutlos, depressiv, voller Angst sein Leben beenden will – und Gott bei ihm bleibt.

Wie viel Gefühl darf es denn bitte sein bei diesen Heiligen und Frommen? Die Bibel berichtet von ihnen nicht als Helden. Sie stehen nicht im Olymp, auch nicht im Wachsfigurenkabinett, emotionslos in ihrer kalten Schönheit. Nein, diese Heiligen sind voller Leben, voller Lachen und Weinen. Sie laden Schuld auf sich und werden gerecht gesprochen. Sie leben vor Gott und mit Gott, so, wie Gott den Menschen gemacht hat, ganz mit Leib und Seele. Wie viel Gefühl darf es denn sein bei mir, bei uns in unserem Leben? Die Frage ist falsch gestellt. Nicht wie viel, sondern wie echt. Echtsein scheint das Einzige zu sein, was vor Gott zählt. Da sagt der eine: „Gott sei mir Sünder gnädig.” Und er geht gerechtfertigt aus dem Tempel. Und der andere ist verzückt bis in den dritten Himmel. Da spricht der eine: „Gedenke an mich, wenn du in deinem Reich kommst.” Und Jesus verheißt ihm das Paradies. Und der andere ist voll von Lob und Anbetung, dass ihm der Mund überfließt. Wenn Gott das Herz ansieht und sonst nichts, dann dürfen wir unser Herz offenbaren. So viel Gefühl darf sein.                                                        

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