Ratio und Emotio

Rolf J. Pöhler

„In der Person Jesu Christi besitzen wir den genauen Ausdruck der Gedanken Gottes. Nichts Verschwommenes ist in diesem Ausdruck. Nichts Irrationales ist im Charakter und Leben Jesu. Genauso ist die Bibel der Logos Gottes. Sie ist der Ausdruck seiner Gedanken, seiner Weisheit, seines Verstandes. Dieser göttliche Logos ist jedoch nicht unlogisch ... In dieser ganzen Offenbarung gibt es nichts Dunkles, nichts Vieldeutiges, nichts Irrationales, nichts Unverständliches.

Wenn wir dem Heiligen Geist eine mit einer unverständlichen Sprache verbundene, irrationale Erfahrung zuschreiben, so ist das in meinen Augen eine Rückkehr nach Babel. Gottes Charakter lässt das nicht zu. Alles, was Gott tut, ist Licht. Der Heilige Geist ist zu verständig, um in einer Weise zu handeln, die der Weisheit Gottes, seines eigenen Logos, unwürdig ist. Vom Schöpfungsbericht bis zur Offenbarung stellt die Bibel sein Werk als vöIIig hellsichtig dar, ohne die geringste Vieldeutigkeit.

Aus diesem Grunde glaube ich nicht, dass der Heilige Geist sich durch ,linguistischen Unsinn‘ äußern würde.“ (Ralph Shallis, Zungenreden aus biblischer Sicht, Bielefeld. 1986, S. 168 und 174)

Rationaler Verstandesglaube oder irrationale Erfahrungsreligion?

Entsprechen diese Gedanken dem biblischen Befund? Sind göttliche Offenbarung und menschlicher Glaube wirklich immer ganz verständlich, logisch, rational und eindeutig? Welche Bedeutung haben nicht-rationale Faktoren in der Offenbarung bzw. für den Glauben?

Zur Begriffsbestimmung „(nicht-)rational“

Der Ergänzungsbegriff zu Ratio(nalität) ist nicht Irrationalität, sondern Emotio(nalität). M.a.W., es geht nicht um den Gegensatz von Vernunft und Unvernunft, sondern um das Verhältnis von logischen und psychologischen Aspekten im (glaubenden) Menschen.

Das ganzheitliche Menschenbild der Bibel

Die Bibel kennt bzw. lehrt die untrennbare Einheit und Ganzheit von Leib (Körperlichkeit), Seele (Gemüt, Empfindung, Gefühl, Emotion) und Geist (Verstand, Vernunft, Intellekt, Ratio). Modern – physiologisch – betrachtet heißt dies: Die linke und die rechte Gehirnhälfte gehören gleichermaßen zum Schöpfungswerk „Mensch“ als homo sapiens.

Verstand (rationaler Faktor) und Gefühl (nicht-rationale Faktoren) gehören zusammen. Vereinseitigungen beinhalten die Gefahr der Verkopfung durch bloße Rechtgläubigkeit oder der unkontrollierten Emotionalität durch Schwärmerei. Dies gilt für den individuellen Glaubensvollzug ebenso wie für das kollektive Erlebnis des Gottesdienstes. Glaube als lehrhafte Überzeugung und Glaube als religiöses Erleben bedingen sich gegenseitig, d.h. Glaube beruht auf persönlichen Erfahrungen und ist zugleich deren Voraussetzung.

Nicht-rationale Glaubenserfahrungen im Zeugnis der Heiligen Schrift

Das nach Jesu Worten größte Gebot – Gott zu lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüt (Mt 22,37) – fordert uns auf, ihm mit der ganzen Kraft des Verstandes, Gefühls und Willens auf seine Selbstoffenbarung bejahend zu antworten.

Beispiele aus dem Alten Testament

Im Alten Testament finden sich drei Berichte über Gruppen prophetischer Ekstatiker, die in „Verzückung“ geraten (hebr.: hitnabot = Verbform zu nabl = Prophet). Die Vorgänge werden nicht negativ gewertet. Sie finden schließlich im unmittelbaren Umfeld von Mose, Samuel und David statt. Später – zur Zeit der sogenannten Wortpropheten – hören wir jedoch nichts mehr von ihnen (vgl. jedoch 2 Kön 9,11; Am 7,16; Mi 2,6.11).

4 Mo 11,16-29: Als der Geist Gottes über die 70 Ältesten kam, „gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.“ Hier handelt es sich um einen Zustand prophetischer Ergriffenheit, in dem Weissagung geschieht.

1 Sam 10,5-6.10-11: Saul begegnet einer Gruppe singender Propheten. Unter dem Einfluss des Geistes Gottes gerät er zusammen mit ihnen in prophetische „Verzückung“.

1 Sam 19,18-24: Samuel, David, Saul und dessen Boten geraten in Verzückung, in deren Verlauf sie sich einen ganzen Tag bzw. eine ganze Nacht lang in prophetischer Ergriffenheit befinden. Sie „weissagen“ im Gehen (V. 23), fallen zu Boden und bleiben unbekleidet – d.h. ohne Oberkleider – Iängere Zeit am Boden liegen (V. 24).

Andere bzw. ähnliche ekstatische Phänomene werden jedoch auch negativ bewertet: z.B. bei Saul, der durch einen bösen Geist vom Herrn (!) außer sich, d.h. in prophetische Ergriffenheit (hitnabot) gerät und dabei seinen Speer nach David wirft (1 Sam 18,10).

Dasselbe gilt für die Baalspriester und -propheten auf dem Karmel, die infolge eines anhaltenden liturgischen Rituals ebenfalls in prophetische Verzückung und Ekstase (hitnabot) geraten und in diesem Zustand rufen, springen sowie sich mit Messern die Haut einritzen (1 Kön 18,29).

Die Rolle, die Körperlichkeit und Emotionalität in der Gottesverehrung haben konnten, wird auch am Beispiel Davids deutlich. Als die Bundeslade nach Jerusalem gebracht wird, musiziert und tanzt der König „mit aller Macht vor dem Herrn her“, um ihn zu ehren und seine überschäumende Freude auszudrücken. Seine Frau Michal verachtet ihn zutiefst dafür (2 Sam 6,5.14-16).

„Diese Beispiele machen deutlich, dass Ekstase an sich nichts aussagt, ob sie von Gottes Geist gewirkt ist oder nicht; wir finden sie auch außerhalb Israels. Die spätere Distanzierung der Propheten rührt vielleicht von negativen Erfahrungen her, wenn das ekstatische Erlebnis in den Mittelpunkt gestellt wird und nicht das Wort.“ (H. Schmid, „Prophetie“. Das Große Bibellexikon, Bd. 3, S. 1234).

Beispiele aus dem Neuen Testament

1 Kor 12-14: In den Geistesgaben manifestieren sich trans-/suprarationale Kräfte (z.B. bei der Weissagung, Sprachenrede, Geisterunterscheidung, Wunderheilung). Die Sprachenrede wird von vielen Auslegern als psychisches Phänomen („Sprache des Unterbewussten“) gedeutet (und in diesem Sinne weder idealisiert noch dämonisiert). Sie ist nicht-rational, aber nicht irrational; sie ist emotional, aber nicht ekstatisch.

1 Kor 14: Der Sprachenredner redet „im Geist von Geheimnissen“ (V. 2) und erbaut damit sich selbst (V. 4). Im Unterschied zum Propheten redet er „nicht mit deutlichen Worten“ (V. 9), sondern er betet, singt und lobt Gott „mit dem Geist“ statt „mit dem Verstand“ (V. 14-19).

2 Kor 5,13: „Denn wenn wir außer uns [d.h. in Ekstase geraten] waren, so war es für Gott; sind wir aber besonnen [bei Sinnen], so sind wir's für euch.“

2 Kor 12,1-4: In seinen Visionen war Paulus „außer sich“ und „entrückt“ und hörte „unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann“.

„Im urchristlichen Gottesdienst wurden Erfahrungen gemacht, die man so oder ähnlich auch aus der religiösen Umwelt kannte: ekstatische Zustände und Entrückungserlebnisse, Zungenreden oder ‚Sprachengebet‘, Heilungen und Exorzismen, Reden im Geist der Prophetie. Wir haben uns daran gewöhnt, das alles als christliche Erfahrungen zu sehen. Es waren aber überwiegend allgemein-religiöse Erfahrungen, in der Urchristenheit freilich christlich geprägt und gedeutet ... Im Horizont der Urchristenheit waren diese Erfahrungen Wirkungen des göttlichen Geistes und Konkretionen der Gnade: Es waren Geistes- oder Gnadengaben.“ (Reinhart Hummel, „Der Geist und die Geister“. Materialdienst der EZW. 1/1990, S. 2; siehe dazu den Aufsatz „Auseinandersetzung mit charismatischen Phänomenen in der Adventgemeinde“ von Rolf J. Pöhler, der sich in dieser Aufsatzsammlung befindet)

Zum Verhältnis rationaler und nicht-rationaler Faktoren im Glaubensvollzug

Das objektive, schriftgewordene Wort Gottes ist der gültige Maßstab und Grund der subjektiven Glaubenserfahrung. Die individuelle Glaubenserfahrung ist die existentielle Bestätigung des Wortes. Sie darf aber nicht zum glaubensbegründenden Faktor oder zum Maßstab für den rechten Glauben erhoben werden. Ebenso wenig darf sie Ersatz sein für das Studium und Befolgen des in der Heiligen Schrift geoffenbarten Willens Gottes.

Dabei gilt es, bestimmte Gefahren zu vermeiden, ohne zugleich aus Überängstlichkeit die rechte Verwendung gottgeschenkter Fähigkeiten zu unterdrücken. Dazu gehören:

1. Die Gefahr des Verlustes der Kontrolle über das eigene Ich mit Denken, Fühlen, Wollen und TunGeht die (Selbst-)Kontrolle verloren, gibt es keine Möglichkeit mehr, religiöse Erfahrungen und supra-rationale Erlebnisse direkt zu überprüfen.

2. Die Gefahr der unkontrollierten Schwärmerei durch Enthusiasmus und GefühlsüberschwangWird der Verstand ausgeblendet, geht auch die Ganzheitlichkeit verloren. Allerdings kann sich hinter dieser Sorge auch eine unnötige Scheu vor intensiveren und ungewohnten Glaubenserfahrungen verbergen.

3. Die Gefahr der Beeinflussung durch okkulte, dämonische und satanische Mächte

Hier gilt allerdings der Grundsatz: Missbrauch ersetzt nicht den rechten Gebrauch.

Insgesamt scheint die Bibel weniger Ängste vor der Einbeziehung des Emotionalen und des Körperlichen in den Glaubensvollzug zu haben als wir mit unserem „mild temperierten Normalbewusstsein der protestantischen Bürgerreligion“ (Hummel, ibid., S. 2).

Schluss

Wir fragten zu Beginn: Entsprechen die beiden Zitate von Ralph Shallis dem biblischen Befund? Sind die biblische Offenbarung und echter Glaube immer verständlich, logisch, rational und eindeutig?

Der biblische Befund gibt darauf eine deutliche Antwort. Er zeigt auf, dass auch nicht-rationale Faktoren ihren (begrenzten) Platz in der göttlichen Offenbarung sowie im menschlichen Glaubensvollzug haben können. Und dass ein „vernünftiger Gottesdienst“ (Röm 12,1) durchaus die Möglichkeit beinhaltet, die Beziehung zu Gott in nicht-rationaler Weise zu pflegen. Schließlich lässt sich auch die zwischenmenschliche Kommunikation nicht auf die Verstandesebene reduzieren – so wichtig diese auch ist!

Abschließend sollen deshalb den eingangs zitierten Sätzen zwei andere Aussagen gegenübergestellt werden, die den biblischen Sachverhalt zutreffender beschreiben:

„Die Bibel wurde von inspirierten Männern geschrieben. aber sie enthält nicht Gottes Denk- und Ausdrucksweise, sondern die der Menschen. Gott erscheint nicht als der Schreiber der Bibel. Oft werden Leute sagen, dieser oder jener Ausdruck entspräche nicht Gott. Aber Gott hat sich in der Bibel nicht unserer Kritik ausgesetzt – weder in den Worten noch in Logik oder Rhetorik.“ (Ellen G. White, Selected Messages, Bd. 1, S. 21)

„Es ist dem begrenzten Verstand des Menschen unmöglich, das Wesen oder das Tun des Unendlichen völlig zu erfassen. Dem schärfsten Verstand muss dies heilige Wesen auch bei höchster Schulung stets in ein Geheimnis gehüllt bleiben ... Wie sein göttlicher Urheber birgt auch das Wort Gottes Geheimnisse, die sterbliche Wesen niemals völlig ergründen können ... Gott will, daß der Mensch seine Verstandeskräfte übt ... Doch müssen wir uns davor hüten, den Verstand zum Abgott zu machen, weil ja auch er der Unzulänglichkeit und Schwachheit des Menschlichen unterworfen  ist ... Es sollte uns mit Demut erfüllen, wenn wir die Macht und die Weisheit Gottes, aber auch unsere Unfähigkeit erkennen, seine Größe zu fassen; wir sollten sein Wort mit derselben heiligen Ehrfurcht öffnen, als träten wir in seine persönliche Nähe. Wenn wir an die Bibel herantreten, muß unser Denken eine uns überlegene Autorität anerkennen, und Herz und Sinn müssen sich vor dem großen ICH BIN beugen.“

(Ellen G. White, Aus der Schatzkammer der Zeugnisse, Bd. 2, S. 274, 278f.)         

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