Gefühl und Verstand in der Geschichte der Christenheit

Johannes Hartlapp

Wir nehmen unsere Umwelt auf unterschiedliche Weise wahr. Eine Möglichkeit der Reflexion bietet unser Empfinden. Wir alle wissen, wie schnell die Saiten dieses Instruments ins Schwingen geraten können und wie stark der Ausschlag nach der einen bzw. der anderen Richtung sein kann. Von daher scheint vielen von uns das Gefühl nicht geeignet zu sein, um verlässliche Aussagen über Gott und den Glauben formulieren zu können. Andererseits kann Glaube nicht ohne unsere Empfindungen weitergegeben werden. Das Herz muss doch dabei sein!

Bereits in der Bibel lässt sich diese Spannung finden. Der ansonsten so rational und nüchtern denkende Paulus, der eine Menge Briefe verfasst hat, von denen sein Kollege Petrus sogar schreibt, dass sie teilweise schwer zu verstehen sind, dieser herausragende Denker der ersten christlichen Generation schreibt uns: Wir können Gott fühlen. („Auch sollen sie [alle Völker] Gott suchen, ob sie ihn vielleicht fühlen und finden könnten; und es ist wahr, er ist nicht ferne einem jeden von uns.“ Apg 17,27) Natürlich kommen an dieser Stelle sofort unsere Einwände: Das Gefühl ist nichts Zuverlässiges, es ist viel zu subjektiv, als dass man sich darauf verlassen könnte; und Empfindungen wechseln von einem Moment auf den anderen. Wer nun aber glaubt, dass demgegenüber das Denken in der Bibel einen bevorzugten Platz einnimmt, der irrt genauso. Von der Gesamtaussage her finden wir den Begriff „Denken“ in der Bibel immer mit „einer leicht negativen Färbung“ (ThBNT).

Auf den ersten Blick scheint in der frühen Christenheit die Ostkirche mehr auf die emotionale Erfahrung Gottes ausgerichtet gewesen zu sein, während in der lateinischen Kirche stärker die rationale Erfahrbarkeit im Mittelpunkt stand. Doch auch hier ist vor Einseitigkeit zu warnen. Es ging nie um ein Entweder-oder. Man denke nur an das viel zitierte Wort des großen Kirchenvaters Augustinus von Hippo aus seinen autobiografischen Betrachtungen „Bekenntnisse“: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“

Etwa mit dem ersten Jahrtausendwechsel entstand das Spannungsverhältnis zwischen Denken und Fühlen neu. Es war die Zeit der beginnenden Scholastik. Mit Hilfe dieser neuen Denkmethode sollte alles menschliche Wissen und Sein in ein denkrichtiges System gebracht werden. Eine Folge dieses Denkens war der Umstand, dass gleichzeitig auch die Machtansprüche der römischen Kirche in der mittelalterlichen Welt gefestigt wurden, weil mit dem Denkansatz der Scholastik auch der Versuch unternommen wurde, einen genauen Verhaltenskodex festlegen zu können, der die Menschen leicht in Gläubige und Ketzer (Häretiker) einteilen ließ.

Aber wie immer in der Geschichte, wenn das Pendel zu weit auf die eine Seite ausschlägt, bildete sich im hohen Mittelalter ein entgegengesetzter Schwerpunkt heraus, der auf das Empfinden größten Wert legte: die Mystik. Etwa seit 1300 breitete sich eine Bewegung innerhalb der Kirche aus, der es ganz stark um eine Gottesschau, um eine innere Vereinigung des Menschen mit Gott ging. In Anlehnung an die Seligpreisung in Mt 5,8 („Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“) versuchten Männer und Frauen mit Gebet und Versenkung das „innere Licht“, die Vereinigung mit Gott, zu erleben und auf diese Weise erfahrbar zu machen. Große Persönlichkeiten, allen voran Meister Eckhart oder Birgitta von Schweden, praktizierten diese Form des Gotteserlebens und zweifelten – zumindest indirekt – den Machtanspruch der Kirche an. Im Gegensatz zur bisherigen Kirchenlehre, wonach nur die in der Kirche empfangenen Sakramente den Zugang zum Heil ermöglichen, stellte gerade die Mystik durch ihre direkte und unmittelbare Gotteserfahrung den Anspruch der Kirche als alleinige Heilsanstalt infrage. Trotzdem kann von einem direkten Gegensatz zwischen einem mehr gefühlsmäßig geprägten Glauben zu einem mehr rationalen Versuch des Verstehens Gottes in dieser Zeit keine Rede sein. Das bestätigt sich auch bei Luther, zumindest bei dem jungen Luther. Allerdings – und hier scheint sich eine Entwicklung anzudeuten, die wir bis heute beobachten können – wird aus dem Verhältnis beider zunehmend ein Gegensatz.

Vielleicht ist Luthers Auseinandersetzung mit den sogenannten „Schwärmern“ oder „Spiritualisten“ ein Ausgangspunkt. Obwohl mit diesem Sammelbegriff Persönlichkeiten unterschiedlichster Färbung zusammengefasst werden, war den meisten von ihnen eins gemeinsam: Sie verließen sich mehr auf das innere Licht, das sie häufig mit dem Heiligen Geist gleichsetzten, als auf die Aussagen des Wortes Gottes in der Bibel. An dieser Stelle hätte ein interessanter Disput beginnen können, wenn nicht die furchtbare Schlacht von Frankenhausen, in der Thomas Müntzer die Bauernheere zum Sieg zu führen versprochen hatte, oder etwa zehn Jahre später das sogenannte Zionsreich von Münster das Drama der vermeintlichen Geistführung für jeden offenbarte.

Etwa seit dieser Zeit wird die Diskrepanz zwischen Gefühl und Verstand im christlichen Glauben – zumindest in der protestantischen Welt – immer größer. Männer wie der Görlitzer Schuhmacher Jakob Böhme oder die Anhänger Kaspar Schwenckfelds standen nur noch am Rand des Luthertums. Allerdings übertrug sich durch sie der Einfluss auf den südwestdeutschen Pietismus, wie z.B. Friedrich Christoph Oetinger. Überhaupt bringt der Pietismus als protestantische Erneuerungsbewegung noch einmal beide Bereiche zusammen, allerdings mit einer Schwäche. Zunehmend konzentrierten sich die Pietisten auf ihre ganz persönliche Gottesbeziehung, wobei die „ach so schlechte Welt“ draußen blieb. Diese Eingrenzung des religiösen Gefühls auf die persönliche Subjektivität, die nur ins Kämmerlein oder den Kirchsaal, aber eben nicht mitten in die Welt gehörte, konnte den zunehmenden Gegensatz zwischen Verstand und Empfindung kaum mehr aufhalten.

So scheint es nicht zufällig, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Rationalismus Erfolge feierte, religiöse Denker den christlichen Glauben weitgehend vom Empfinden und Gefühl und weniger von der rationalen Erkenntnis her zu legitimieren suchten. Es ist sicher eine grobe Vereinfachung, Friedrich Schleiermaches Theologie als eine „Gefühlstheologie“ zu bezeichnen. Doch Aussagen wie: Religion ist „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ bzw. „das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ lassen den Schluss zu, dass hier eine recht deutliche Reduzierung des Glaubens auf das Gefühl vorgenommen wurde.

Philosophen dieser Zeit griffen den Gedanken bereitwillig auf. So führte Georg Christoph Lichtenberg als Beweis für die Existenz Gottes an, dass man ihn fühlen könne; oder Johann Gottfried Herder definierte die Religion als „Angelegenheit des Gemüths“. Je radikaler einige Philosophen im 19. Jahrhundert mit einer rationalen Gottesvorstellung ins Gericht gingen, umso leichter fiel es ihnen zu sagen – wie etwa Ludwig Feuerbach –, dass unsere Empfindung göttlichen Wesens sei.

Es ist nur zu verständlich, dass solche Äußerungen den Protest jener hervorrufen mussten, die den Glauben im Gegensatz zu ihrer Zeitströmung jetzt mit rationalen Argumenten zu verteidigen und zu beweisen versuchten. Damit befinden wir uns im geistigen Umfeld nicht allein der Väter und Mütter der Adventgemeinde. Wer ihre Prophetiedeutung bewusst nachdenkt, kann den Puls jener Auseinandersetzung deutlich spüren. Von daher lässt sich sicher auch erklären, warum viele Gemeinden – zumindest in Mitteleuropa – dem Gefühl im Glauben nur einen ganz geringen Platz einräumten, dafür aber die rationale Argumentation umso mehr betonten. Dass bei einem zu einseitig verstandesmäßig ausgerichteten Glauben, der manchmal nur auf richtige Lehrsätze reduzierte wurde, charismatische Einbrüche die Folge sein mussten, haben wir in der Vergangenheit bitter erfahren müssen.

Deshalb: Gefühl und Verstand, beides von Gott geschenkt, gehören im Glauben eng zusammen und werden nur dann wirklich zum Segen werden, wenn sie sich ergänzen.

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