Liebeslieder und -gedichte der Antike
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Schlägt man im Alten Testament das „Hohelied Salomos“ auf und beginnt zu lesen, ist man sofort umfangen von einem der bedeutendsten Liebeslieder der Antike: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein. Herzlich lieben sie dich. Ich bin braun, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos. Seht mich nicht an, dass ich so braun bin; denn die Sonne hat mich so verbrannt. Meiner Mutter Söhne zürnten mit mir. Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt; aber meinen eigenen Weinberg habe ich nicht behütet. Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag, damit ich nicht herumlaufen muss bei den Herden deiner Gesellen. Weißt du es nicht, du Schönste unter den Frauen, so geh hinaus auf die Spuren der Schafe und weide deine Zicklein bei den Zelten der Hirten. Ich vergleiche dich, meine Freundin, einer Stute an den Wagen des Pharao. Deine Wangen sind lieblich mit den Kettchen und dein Hals mit den Perlenschnüren. Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit kleinen silbernen Kugeln. Als der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Duft. Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt. Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in den Weingärten von En-Gedi. Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich. Unser Lager ist grün. Die Balken unserer Häuser sind Zedern, unsere Täfelung Zypressen“ (Hld 1,2-17). Dieses Liebeslied voller Gefühle und erotischer Untertöne hat keine Parallele in der hebräischen Bibel. Vermutlich hat es so manchem jüdischen Schriftgelehrten die Schamröte auf die Wangen getrieben. Aus diesem Grund wurde das Hohelied in der jüdischen Tradition überwiegend allegorisch gedeutet. Sie verstand es als ein Gleichnis für den Bund Gottes mit seinem Volk Israel. Rabbi Aqiba, der gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts wirkte, schrieb im Blick auf das Hohelied: „Die ganze Welt, von Anbeginn bis jetzt, wiegt nicht den Tag auf, an dem Israel das Lied der Lieder empfing. Denn alle Schriften sind heilig, aber das Lied der Lieder ist das heiligste.“ Er drohte: „Wer das Lied der Lieder mit einer bebenden Stimme in einem Wirtshaus singt und es wie ein gewöhnliches Straßenliedchen behandelt, hat keinen Anteil an der kommenden Welt!“ Auch die frühen christlichen Theologen haben schon früh das Hohelied allegorisch ausgedeutet. Hippolyt (ca. 200 n. Chr.) führte aus, dass z.B. die „Brüste“ in Hld 4,5 sich auf das Alte und Neue Testament bezögen. Einer, der einen großen Einfluss auf die Interpretation des Hoheliedes ausübte, war Origenes, der in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts wirkte. Er war der Überzeugung, dass christliche Spiritualität eine Verachtung fleischlicher Verlangen – insbesondere der Sexualität – zur Folge haben müsse. Diese Sichtweise hat seine Interpretation des Hoheliedes stark beeinflusst. Seine Abneigung gegen alles Sexuelle war so ausgeprägt, dass er sich selbst kastrierte, um der Versuchung zu entgehen. Was Origenes seinem Körper antat, das tat er auch dem Hohelied durch allegorische Interpretation an: Er deerotisierte es. Außerhalb des Hoheliedes lässt sich im Alten Testament Liebesliteratur kaum nachweisen. In Psalm 45 findet sich ein Hochzeitslied, das Ähnlichkeiten mit dem Hohelied aufweist: „Mein Herz dichtet ein feines Lied, einem König will ich es singen; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers: Du bist der Schönste unter den Menschenkindern, voller Huld sind deine Lippen; wahrlich, Gott hat dich gesegnet für ewig“ (Ps 45,2 f.). Ein weiterer Bereich, in dem der Bibelleser Hinweise auf Liebesdichtung findet, ist die Darstellung der Beziehung zwischen Gott und Israel: „Das ist meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann; wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach“ (Ps 63,6 f.; vgl. Hld 3,1). In Mesopotamien haben Archäologen eine ganze Reihe von Tontafeln geborgen, auf denen Liebeslieder dokumentiert worden waren. Zu einem großen Teil handelt es sich dabei um Liebe zwischen Göttern, trägt also einen ausgesprochen kultischen Charakter, der stark von den jährlichen Fruchtbarkeitsriten geprägt ist. Im Vergleich mit dem Hohelied fällt auf, dass die biblische Dichtung wesentlich dezenter von der körperlichen Liebe spricht als die mesopotamische, die zum Teil recht drastisch formuliert. Als das älteste Liebeslied gilt eine Tontafel, die vor über 100 Jahren in Nippur/Irak gefunden wurde. Der Text wurde für König Shu-shi, einen Regenten in Ur (Ende des 3. Jahrtausends v. Chr.), geschrieben: „Bräutigam, der meinem Herzen lieb ist, stattlich ist deine Schönheit, süß wie Honig; Löwe, der meinem Herzen lieb ist, stattlich ist deine Schönheit, süß wie Honig; du hast mich gefesselt; lass mich zitternd vor dir stehen; Bräutigam, führe mich in die Kammer des Bettes … Mein wundervolles Streicheln ist feiner als Honig; in der Kammer des Bettes – mit Honig gefüllt, lass mich deine stattliche Schönheit genießen! … Bräutigam, schlaf in unserem Haus bis zur Morgendämmerung; dein Herz, ich weiß, wie dein Herz zu erfreuen ist; Löwe, schlaf in unserem Haus bis zur Morgendämmerung; du, weil du mich liebst!“ Die Zeugnisse altägyptischer Liebesdichtung kommen vorwiegend aus der Zeit der 19. und 20. Dynastie des Neuen Reiches (ca. 1300-1150 v. Chr.). Die Texte handeln vorwiegend von der Liebe zweier Menschen und sind dem Bereich des Göttlichen bzw. Heiligen völlig entrückt. Auf einem Papyrus ist Folgendes zu lesen: „Sie ist ein Mädchen, es gibt niemanden wie sie; sie ist schöner als jede Andere; siehe, sie ist wie eine aufgehende Sterngöttin am Anfang eines glücklichen, neuen Jahres; brillant weiß, mit heller Haut; mit schönen Augen für das Schauen, mit süßen Lippen für das Sprechen; sie redet nicht zu viel; mit einem langen Hals und weißer Brust, ihr Haar von echtem Lapislazuli; ihr Arm, glänzender als golden; ihre Finger mögen Lotusblumen, mit schwerem Gesäß und gegürteter Taille; ihre Oberschenkel bieten ihre Schönheit an, mit einem flotten Schritt tritt sie auf; sie hat mein Herz in ihrer Umarmung eingefangen; sie bringt alle Männer dazu, ihre Hälse zu drehen sie anzusehen.“ Ein weiterer liebeshungriger ägyptischer Poet schreibt: „Ich wünsche, dass ich dein Spiegel wär, so dass du mich immer ansähest. Ich wünsche, dass ich dein Kleidungsstück wär, so dass du mich immer tragen würdest. Ich wünsche, dass ich das Wasser wär, das deinen Körper wäscht. Ich wünsche, dass ich die Salbe wär, oh Frau, dass ich dich salben könnte. Und das Band um deine Brüste herum, und die Perlen um deinen Hals herum. Ich wünsche, dass ich deine Sandale wär, dass du auf mir treten würdest!“ Die vorliegenden Texte des Alten Testaments und aus der Umwelt Israels zeigen, dass es eine Tradition der Liebesdichtung gegeben hat. Sie kannte keine Grenzen und war nicht auf einen bestimmten ethnischen Kontext beschränkt. Vermutlich kannten die Poeten und Schreiber der damaligen Zeit die Werke anderer Autoren. Liest man diese Zeugnisse der Liebe aus alter Zeit, wird einem bewusst, dass heutige Liebesbekundungen durch die modernen Medien oft zu rudimentären Kurzmitteilungen verarmen und der in den jeweiligen Sprachen angelegte Reichtum der Worte zu verkümmern droht. |
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