Die Predigtwerkstatt Nr. 48

Johann Gerhardt

Erntedank – eine Predigt-Meditation

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören
Saat und Ernte ...“ (Genesis 8,22)

 

1. Dank und Bitte für die Einfältigen

Unsere Vorfahren haben dieses Wort als Aufforderung zum Dank verstanden. Sie waren noch abhängig von Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Die Saat war kostbar und reichte immer nur für einen Versuch. War die Ernte reichlich ausgefallen, dankte man den Göttern, brachte ihnen die Ersten der Früchte des Feldes. Wenn nicht, flehte man die Götter an um Wachstum und Gedeihen. So war es, damals. So ist es bis heute, bei den anderen, den Unaufgeklärten, hinter unserem aufgeklärten Horizont. Sie wussten ja noch nichts von den Geheimnissen von Mendel und seinen Gesetzen. Genmais war ihnen fremd und dass man mit Nahrungsmitteln und Agrarpodukten an den Börsen handeln kann und Riesengewinne dabei machen – völlig undenkbar. Was bitte ist Genmais? Und was sind Börsen anderes als Geldbeutel?

2. Tatsache für die Realisten

So ist dieses Wort keine Aufforderung zum Dank mehr, sondern eine Bestätigung einer Tatsache. So ist es und so wird es bleiben. Saat und Ernte werden nicht aufhören. Wir sorgen schon dafür mit unserer Hochtechnik, ernten dreimal im Jahr, bekommen Salat und Tomaten rings um das Jahr, Weintrauben auf den Weihnachtstisch aus Australien oder Chile. Was andere säen, das ernten wir. Und so soll es bleiben. Solange die Erde steht. Erntedankfeste zum Herbstanfang gibt es immer noch, eine schöne Tradition. Man bringt Früchte aus dem Garten oder aus dem Supermarkt. Aber abhängig fühlen? Wirklichen Dank empfinden? Wohin mit dem Gemüse, dem Überfluss? Zum Glück gibt‘s den Gabentisch. Doch wenn die Erde nicht mehr steht, sondern schwimmt, borkig aufreißt, schreit vor sengender Hitze, zusammenstürzt und weggeweht wird vom Sturm, dann stehen die Mähdrescher mit ihrem Stahlmaul nutzlos umher, dann bleiben die wirbelnden Mühlen mit ihren glatten Walzen leer, und Scharen von Menschen ziehen der Ernte nach, auch wenn noch so gering.

 

3. Schicksal für die Fortschrittlichen

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte. Das klingt nach Schlussfolgerung. Kausalität, Ursache und Wirkung. Was der Mensch sät, das wird er ernten, er muss es. Wir säen Gedanken und ernten eine Tat. Wir säen Taten und ernten eine Gewohnheit. Wir säen Gewohnheiten und ernten einen Charakter. Wir säen Charaktere und ernten das Schicksal. Es wird nicht aufhören. Wir spalten das Atom und ernten Hiroshima. Wir säen eine Ideologie und ernten Intoleranz und Verfolgung. Wir säen eine Religion und ernten den heiligen Krieg. Wir säen den Rassenwahn und ernten Auschwitz. Welch eine Ernte. Dafür gibt es keinen Dank. Nur Furcht und Buße.

 

4. Gnade für die Einsichtigen

Dieses Wort in seiner Strenge der Gesetzmäßigkeit findet eine einzige Grenze. Es wird umgekehrt durch die Gnade. Was der Mensch gesät hat, das hat nun Gott geerntet. In Christus wird die Unerbittlichkeit aufgebrochen. Er nimmt auf sich unsere Schwächen. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Und was Gott gesät hat, das darf der Mensch jetzt ernten. Überreiche Vergebung. Hoffnung, Trost, die Chance zum Neuanfang. Der Preis ist hoch. Der Same war teuer und kostbar. Und er bringt Frucht. Wir sind ein Teil. Deshalb können wir wieder danken. Wir bekennen uns zur Abhängigkeit von Gott. Erntedank macht uns froh und nachdenklich. Wenn wir es feiern, dann erinnern wir uns an die Lebensgrundlage: Wir leben durch und von Gott. Dann bekennen wir uns zur Verantwortlichkeit: Wir wollen nicht verschleudern, sondern verteilen und so leben, dass die nächste Ernte möglich wird, auch für die anderen hinter unserem beschränkten Horizont.

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