Glaube und Marktwirtschaft

Stichwort: Marktplatz Atlanta

Roland Nickel

Die Ausstellungshallen während der Generalkonferenz unserer Freikirche in Atlanta/USA erfreuten sich großer Beliebtheit. Mehrere hundert Einrichtungen, Kirchenbereiche oder andere Dienste präsentierten sich mit Ständen vor Tausenden Delegierten und Zehntausenden Besuchern aus aller Welt. Die größten Flächen nahmen die Schulen wie die Andrews- oder Loma-Linda-Universität ein, der HOPE Channel, ADRA (internationale Hilfsorganisation) oder das Adventistische Buch-Center. Darüber hinaus gab es zahlreiche kleinere Stände mit den unterschiedlichsten missionarischen und sozialen Angeboten. Von der Arbeit in der Gefängnismission bis hin zu Möglichkeiten der Mission unter Moslems, von Angeboten für gute Ernährung bis hin zur Präsentation von adventistischen Musikgruppen, vom Verkauf von Software bis hin zu einem Stand, der Flaggen vertrieb. Ein buntes Treiben in der besten Tradition von Messen, wie sie in der Geschäftswelt gang und gäbe sind. Und mitten drin wir aus Friedensau auf einer Fläche von 6 x 3 Metern.

Warum kamen Aussteller nach Atlanta? Das Ganze kostete viel Geld für jeden, der dort ausstellte. In Wikipedia heißt es unter dem Stichwort Messe: „Sie ermöglicht es Herstellern oder Verkäufern einer Ware oder einer Dienstleistung, diese zur Schau zu stellen, zu erläutern und zu verkaufen ... Ausstellenden Unternehmen geht es um Gewinn oder Auffrischung von Kundenkontakten, Steigerung des Bekanntheitsgrades sowie Informationsaustausch.“1 Sich darzustellen, seine Produkte anzupreisen, sich bekannt zu machen: alles Gründe, auf einer Messe auszustellen, ob sie nun kirchlich ist oder nicht. Den Besuchern hat es gefallen, sie haben die Bandbreite ihrer Freikirche hautnah erlebt. Aber lohnt es sich für den Aussteller? Gibt es einen Return on Investment? Speziell für die Hochschule: Bekommen wir mehr Studenten? Hat unsere Präsenz dazu beigetragen, dass wir in den Führungsgremien unserer Freikirche besser wahrgenommen werden? Hoffen wir’s, garantiert ist es nicht.

In der Bewertung dieser Veranstaltung möchte ich zwei Anmerkungen machen. Zunächst muss ich mir die Frage stellen, ob das Geld, das wir für diese Aktion ausgegeben haben, wirklich sinnvoll angelegt ist. Im kirchlichen Umfeld ist diese Frage umso wichtiger, weil viele Einrichtungen und Dienste zumindest teilweise aus Spenden der Kirchenmitglieder finanziert werden. Die Verantwortung ist groß. Ellen G. White ermahnt einen Prediger, der großen Werbeaufwand betrieb: „Nicht alle Methoden, die du zu diesem Zweck anwendest, sind richtig ... Gott hat kein großes Gefallen an den hohen Auslagen für deine Vortragsarbeit und an dem Aufwand in anderen Bereichen deiner Arbeit.“2 Also, kritisches Hinterfragen ist angesagt: Setzen wir unser Geld zielgerichtet, verantwortlich und ökonomisch sinnvoll ein? Stehen Aufwand und Nutzen unserer Aktivitäten in einem gesunden Verhältnis zueinander, sind sie geeignet, die Ziele, die gesetzt sind, zu erreichen? Das gilt nicht nur für die Werbung, sondern in vielen anderen Bereichen und Projekten kirchlicher Aktivitäten.

Die andere Seite ist aber genauso klar: „Um Menschen dort zu erreichen, wo sie sind, müssen wir etwas Außergewöhnliches tun. Wir müssen die Aufmerksamkeit fesseln.“ (Ebd., S. 122) Das bedeutet Kreativität und Investition in die richtigen Mittel und Methoden. Jesus ist darin ein Beispiel. Er heilte Menschen, verkündigte seine Botschaft zeitgemäß und das Ergebnis war deutlich: „Die Neuigkeiten über ihn verbreiteten sich weit über die Grenzen Galiläas ... Große Menschenmassen umlagerten ihn, wohin er auch ging.“ (Mt 4,23.25, Neues Leben).

Der Marktplatz Atlanta war ein Sonderfall; er diente weniger der Außenwirkung als vielmehr der kirchlichen Selbstbeschau. Atlanta ist zu Ende und die Kirche und ihre Einrichtungen sind gefordert, Möglichkeiten und Wege zu finden, Dienstleistungen und Dienste und die Verkündigung des Reiches Gottes auf den alltäglichen Marktplätzen unseres Lebens „an den Mann und die Frau“ zu bringen. Messen und Ausstellungen sind dafür eine Möglichkeit. Ellen G. White gibt folgende Empfehlung: „In der Endzeit wird es Großveranstaltungen in unseren Städten geben ... und wir müssen gut vorbereitet sein, die Wahrheit dort zu präsentieren. Als Jesus auf dieser Welt war, nutzte er solche Möglichkeiten.“3

Der vernünftige Einsatz der Mittel und die vielen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, in ein gesundes Verhältnis zu setzen, das ist die Herausforderung eines jeden, der in der Verantwortung einer kirchlichen Einrichtung oder eines Projektes in der Gemeinde steht.           

 

1 www.wikipedia.de, Stichwort „Messe“ (Wirtschaft), heruntergeladen am 5. August 2010

2 Ellen G. White, Evangelisation, Deutsche Übersetzung herausgegeben von der Predigtamtsabteilung der EUD, Bern, 1980, S. 126

3 Ellen G. White, Welfare Ministry, S. 288 (eigene Übersetzung)

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