Generalkonferenz Atlanta 2010

Rolf J. Pöhler

Über die adventistische Weltsynode in Atlanta im Frühsommer 2010 ist viel geredet und geschrieben worden. Neben sachlicher Berichterstattung – noch nie wurde von den innerkirchlichen Medien so umfassend über eine „Generalkonferenz“ berichtet – finden sich zahlreiche persönliche Stellungnahmen und Bewertungen, die ein breites Meinungsspektrum widerspiegeln. Als Übersetzer für die deutschsprachigen Delegierten und Besucher erlebte Rolf Pöhler die alle fünf Jahre stattfindende Weltkonferenz aus nächster Nähe mit. Hier ist sein Bericht.

Atlanta – Stadt der Besonderheiten und der Superlative: größter Passagierflughafen, längste Rolltreppe, größtes Aquarium, höchstes Hotel der westlichen Hemisphäre, Stammsitz von Coca-Cola usw. Die adventistische Weltkonferenz steht dem nicht viel nach: 2.232 Delegierte, ein 10-tägiges Mammutprogramm mit 76 teilweise zeitaufwändigen Agendapunkten, 70.000 Besucher am Abschlusssabbat. Unter den vielen Eindrücken ragen in meiner Erinnerung drei heraus, die alle mit der „GK-Meile“ zwischen dem Westin Hotel und dem Georgia Dome verknüpft sind.

Centennial Olympic Park

Der tägliche Fußweg zum bzw. vom Konferenzort führt mich durch den Centennial Olympic Park, in dem sich seit dem Jubiläumsjahr 1996 die olympischen Ringe (Symbol der fünf Erdteile) als Wasserspiele präsentieren – zur hellen Freude aller Kinder. Auch die 59. Generalkonferenz-Vollversammlung ist ein globales Ereignis, das Menschen aus nahezu allen Ländern der Welt im Geist des Friedens und der Liebe Christi zusammenführt. Die bunten Flaggen und farbenfrohen Trachten bei der „Parade der Nationen“, das Wiedersehen mit Bekannten aus aller Welt, das (gar nicht so babylonisch anmutende) Sprachengewirr in den Wandelhallen, die mehr als 1.800 Ausstellungsstände von Laieninitiativen und professionellen Einrichtungen, die musikalischen Darbietungen unterschiedlicher Stilrichtungen – alles trägt dazu bei, dem Begriff von der „Weltkirche“ Glaubwürdigkeit und Nachdruck zu verleihen. Ich bin stolz darauf, zu einer Gemeinde zu gehören, die die Einheit der Kinder Gottes nicht geographisch oder kulturell begrenzt, sondern in einem wahrhaft globalen Sinne versteht und bewusst lebt.

Georgia Aquarium

Direkt neben dem Centennial Olympic Park und in Sichtweite meiner „GK-Meile“ steht das Georgia Aquarium. Nach der anstrengenden Weltkonferenz gönne ich mir einen erholsamen Besuch im größten Aquarium der Welt. Vom Zierfisch bis zum tonnenschweren Walhai (dem größten Fisch der Welt), von friedlichen Mantas bis zu angriffslustigen Seeräubern ist hier alles vertreten, was die faszinierende Unterwasserwelt zu bieten hat. Der Weg durch den 30 Meter langen Unterwassertunnel sowie der Blick durch die meterdicke Acrylglasscheibe sind atemberaubend. Natürlich sind nicht alle Meerestiere in einem einzigen Becken versammelt. Stattdessen gibt es fünf große Bereiche, die ökologischen Zonen entsprechen (Flüsse, Meerwasser, Tropengewässer usw.). Beim Rundgang wandern meine Gedanken zurück zum „artenreichen“ Konferenzprogramm der vergangenen Tage ...

Dass ein Redner seine (biblische!) Botschaft so laut ins Mikrofon brüllt, dass ein Dolmetscher entnervt aufgibt, während andere ihn durch ihr „Amen“ zu neuen Höchstleistungen anfeuern, mag man als kulturbedingt ansehen und eine Stunde lang ertragen. Wenn der neue Präsident der Weltkirche in seiner programmatischen Antrittspredigt den theologischen Ertrag vergangener Jahre rückgängig zu machen scheint, kann auch er mit viel Zustimmung rechnen, während sich manche irritiert fragen, inwieweit dies der Aufforderung Gottes an sein Volk entspricht „weiterzuziehen“ (Ex 14,15). Auch im adventistischen Welt-„Aquarium“ gibt es ja mehrere „Becken“, in denen unterschiedliche „Fische“ schwimmen: Adventgemeinden in den katholischen Ländern Mittel- und Südamerikas leben in anderen „Klimazonen“ als die von Erweckungs- und Heiligungsbewegungen geprägten Nordamerikaner oder die adventistischen Christen in den von der Reformation erfassten Regionen Mitteleuropas. Wollte man alle adventistischen „Fische“ in nur einer theologischen Ökozone vereinen, wäre dies das Ende des Artenreichtums.

World of Coca-Cola

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Georgia Aquarium befindet sich der Hauptsitz der Coca-Cola Company, des größten Softdrinkherstellers der Welt. Hier wartet die „World of Coca-Cola“ auf Besucher. Dass auch ich als passionierter Nichttrinker diese Gelegenheit nutze, hat einen Grund: Ich will wissen, wie ein stark zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk zum bekanntesten Markenzeichen der Welt werden konnte. Ein entscheidender Grund dafür ist die aufwändige professionelle Vermarktung des geheimnisumwitterten Produkts. Einst als Wundermittel und Medizin angepriesen, verspricht Coca-Cola heute so ziemlich alles, was auch Christen unter der Chiffre „Jesus“ anbieten: Freude, Lebenssinn, heile Beziehungen usw. Hieß es im Georgia World Congress Center noch „HOPE for everyone, everywhere!“, so leuchtet mir hier entgegen: „COKE for everyone, everywhere!“ 450 Sorten bieten für jeden Geschmack das Richtige. Kundenbindung, Nachwuchsförderung und wissenschaftliche Forschung werden großgeschrieben.

Ein Besuch bei Coca-Cola kann mehr Einsichten über erfolgreiche Missionsstrategien liefern als manche Bücher über Gemeindeaufbau und Evangelisation. So persönlich und zeugnishaft wie hier habe ich selten etwas über den christlich-adventistischen Glauben erfahren. Hier erhält der (lebens-)durstige Mensch volle Aufmerksamkeit, das vermarktete Produkt soll seine tiefsten Bedürfnisse stillen. Wenn es auch Adventisten gelingt, das Evangelium so menschenzugewandt und lebensbejahend weiterzugeben, dann war Atlanta 2010 mit seinem Konferenzmotto „Gottes Gnade verkündigen“ ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Wie sagte doch Ted Wilson: „Go forward!“

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