Ausgabe 5/2007

PS: "Hast du mich lieb?”

Johann Gerhardt
Predigttext: Jo 21,15-17

I. Situation:

Johannes ist fertig mit seiner Erzählung über Jesus. Sein Schluss ist Vers 30 in Kapitel 20. Dann fügt er ein Postskriptum an, eine letzte Geschichte mit Petrus und der Frage: Hast du mich lieb? Eine seltsame, peinliche, ja in der Öffentlichkeit ungehörige Frage.

Jesus erscheint in diesem Bericht zum dritten Mal. Nun in Galiläa am See Genezareth (hier Tiberias). Die Jünger sind nach Hause gegangen. Das Leben muss weitergehen. Sie fangen nichts. Dann die Gestalt am Ufer, die ruft: Werft das Netz rechts aus. Das Netz wird voll, enthält die Fülle aller bekannten Fischarten (153). Sie essen Frühstück, wie so oft vorher. Und dann die Frage. Und die Stille danach. Die Blicke der anderen.

Kein Wunder, dass manche Ausleger meinen, Jesus habe vielleicht gemeint: Hast du mich lieber als diese (die Fische und die Boote)? Oder: Hast du mich mehr lieb als du die anderen liebst? Beide Fragen wären nicht so schwer zu beantworten gewesen. Ich glaube, Jesus meinte wirklich: Hast du mich lieber, als die anderen mich lieben? Liebst du mich inniger, selbstloser?, wie das Wort es vermuten lässt.

Will Jesus sich rächen für die dreimalige Verleugnung? Stellt er Petrus eine Falle, aus der er nicht herauskommt? „Nein“ kann er nicht sagen, und „ja“ darf er nicht sagen. Aber es ist nicht Jesu Art, zum Schluss noch eine Lektion zu erteilen. Es sind die letzten Worte, die Jesus mit Petrus wechselt. Und dann so ein Ende?

Ich glaube, Jesus hat etwas vor mit Petrus. Es ist wie damals, als er ihn zum ersten Mal rief, nur tiefer, reifer, denn jetzt ist es der Auferstandene, der ihn ruft.

 

II. Entfaltung:

1. Jesus ruft beim Namen

Damals hatte er ihn zum ersten Mal gerufen, mitten aus der Menge. Die ungehörte Frage hatte gelautet: Vertraust du mir? Petrus fing an zu vertrauen und griff doch immer selbst ein, haute mit dem Schwert drein, redete Unsinn und wollte übers Wasser laufen. Und als er scheiterte, lief er davon.

Heute ist es wieder eine persönliche Frage. Nicht der Blick Jesu damals bei der Verleugnung wird ihm in Erinnerung bleiben, sondern diese persönliche Anrede. Dort, wo Jesus einem Menschen begegnet, wendet er sich ihm neu zu. Das Alte ist vergangen. Alles kann neu werden. So beginnt das Reich Gottes.

2. Jesus ruft in die Nachfolge

Wie damals: Von nun an wirst du Menschen fangen. Sie hatten alles verlassen und waren ihm gefolgt, durch Galiläa hinunter nach Jerusalem. Wo Jesus war, da war auch er gewesen, bis hinauf auf den Berg der Verklärung und in den Garten Gethsemane.

Wohin soll er ihm heute folgen? In den Himmel? Soll er versuchen, durch eine geschlossene Tür zu laufen? Es noch mal mit dem Wasser probieren? Was ist das für ein Weg, den der Herr jetzt geht? Jetzt ruft ihn Jesus, der Christus, nicht in die äußere Nachfolge, sondern in die innere. Nicht die Füße sind gemeint, sondern der Geist. Im Namen Christi wird er predigen, das Reich Gottes bauen, 3000 auf einmal taufen. Es ist die innere Nachfolge in die Kraft des Evangeliums.

3. Jesus ermutigt zur Liebe

Manche Menschen denken, die größte Kraft auf der Welt sei der Hass. Nein, die Liebe ist das Größte. Petrus wollte Jesus immer verstehen, aber jetzt weiß er: Ihn lieben ist genug. Er bekennt sich zur Liebe, nicht gegen die anderen, auch nicht zur mystischen Verzückung oder zur göttlichen Liebe. Er bekennt sich zu sich und sagt: Ich will dich lieben wie ich kann, mit meiner menschlichen Liebe als Freund. Ich will dir vertrauen. Mehr kann ich nicht geben und mehr will ich nicht mehr versprechen. Dies war genug. Genug für Jesus und für Petrus. In dieser Liebe folgt er Jesus: die Lämmer weiden, zum frischen Wasser führen auch durch das dunkle Tal (Ps 23).

Schlussgedanke:

Manches Postskriptum verrät das Eigentliche eines Buches oder Briefes. Und in jedem Leben gibt es ein Nachwort. Das Nachwort des Johannes über Petrus macht Mut, die gleiche Antwort zu geben: PS: Ich bin ein Freund von Jesus.

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