Ausgabe 4/2008
Jenseits von EdenPredigttext: 1 Mo 4,1-10Es handelt sich um keinen mythologischen, sondern um einen historischen Bericht. Dafür spricht das Zeugnis der übrigen biblischen. Bücher. Was hat 1. Mose 4 uns heute noch zu sagen? 1. Mit einem „und“ (auch im Hebräischen) beginnt die Geschichte von Kain und AbelDamit wird angeknüpft an 1 Mo 1-3 (Schöpfung und Eintritt der Sünde). Gott hatte den Menschen als sein Gegenüber geschaffen, ihm seine Schöpfung anvertraut. Vertrauen gegen Vertrauen. Zeichen dafür war der Baum in der Mitte des Gartens. Der Mensch misstraute Gott (Wesen der Sünde), glaubte der Schlange, als ob er losgelöst (autonom) von Gott größere Chancen im Leben habe. Wer hatte Schuld, dass es zum Brudermord kam? Die Eltern, die Verhältnisse oder Gott? 1.2. Zwei ungleiche SöhneEva nennt den ersten Sohn Kain (= Lanze). „Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn“ – voller Stolz, er soll an der Spitze stehen. Motto: Wenn wir nicht, dann sollen unsere Kinder es besser haben. Der zweite Sohn wird Abel (= Hauch) genannt. Die Namen deuten die Verschiedenheit ihrer Naturen an. Das Leben jenseits von Eden fordert Arbeitsteilung: Kain als Ackermann, Abel als Hirte. Arbeitsteilung führt zwangsläufig zu sozialer Ungleichheit – dabei geht es einem besser (größerer Gewinn, leichtere Arbeit), dem anderen schlechter. Offenkundig: Kain und Abel haben die gleichen Eltern, sind beide fleißig im Beruf – und trotzdem hat der eine mehr Erfolg und der andere bleibt zurück. Das ist bis heute so im Leben. „Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht“ (Bertolt Brecht). Die einen leben auf der Sonnenseite, die anderen im Schatten. Letztlich ist das nicht zu erklären, es lässt sich auch nicht von der Frömmigkeit eines Menschen ableiten – man muss es aushalten. 1.3. Die Rivalität der Brüder entzündet sich am Altar (d.h. im Gottesdienst)Beide treten mit gleicher Absicht vor Gott. Jeder gibt sein Bestes. Gott sieht Abel und sein Opfer gnädig an, Kain und sein Opfer nicht. Der biblische Bericht selber besagt nicht, dass Kain eine mindere Gabe brachte – auch nicht, woran erkennbar war, dass Gott Abels Opfer gnädig annahm. Geht es um die Art des Opfers – oder um die Gesinnung der Opfernden? Siehe Jes 1,11; Mt 5,23 f. Kain sieht den Bruder von Gott begünstigt, sich selber aber zurückgesetzt. Geht es uns mitunter nicht auch ähnlich? Es fällt schwer zu ertragen, dass es dem anderen besser ergeht (wirtschaftlich, gesundheitlich, Kinder u.a.m.). Selbst in der Gemeinde hat einer mehr Erfolg als der andere, einer ist angesehener als der andere. Man vergleicht und unwillkürlich kommt der Gedanke: Ist Gott in seinem Handeln ungerecht? Kain kann fortan im anderen nicht mehr den Bruder sehen. „Kain ergrimmte sehr ...“ (V. 5b). Gott will Kain zurechthelfen. Siehe V. 6.7 (nach sehr guter hebr. Ü.): „Kain, du hast keinen Anlass, den Kopf hängen zu lassen. Wenn du erlittene Zurücksetzung erträgst, dann ist es recht und du wirst fest auf deinen Füßen stehen. Wo nicht, dann ist Sünde der Dämon vor der Tür. Doch noch bist du ihr nicht ausgeliefert“. Nicht in Gottes vermeintlicher Ungerechtigkeit liegt die Ursache, sondern in uns selbst, in der Sünde. 1.4. Gott geht Kain nach und will ihn vor sich selbst schützenAuch wenn die Sünde vor der Tür lauert: Keiner muss sie hereinlassen und ihr Raum geben. Wer Gott vertraut, gönnt dem anderen auch den Weg auf der Sonnenseite des Lebens, alle erkennbare Gunst Gottes. Er kann sich sogar mitfreuen, selbst wenn es ihm selber schlechter geht (siehe Rö 12,15). Kain lässt sich jedoch nicht von Gott und dem Rot der Ampel aufhalten. Schließlich lockt er Abel aufs Feld und schafft ihn sich aus den Augen. Aus Neid kommt es zum Mord (sei es „nur“ in Gedanken: Mt 5,21 ff.). Dennoch lässt Gott Kain nicht einfach laufen, er fragt nach dem Bruder. Zynisch entgegnet Kain: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (ein hebräisches Wortspiel: „Soll ich des Hirten Hirte sein?“) Vor Gott ist jedoch Kain seinen Bruder Abel selbst durch Mord nicht losgeworden. Unstet und flüchtig ist fortan sein Leben. 2. Auf Golgatha fand die Geschichte Kains ihren Höhepunkt und zugleich einen Wendepunkt2.1. Es war der Gipfel der menschlichen Verwerflichkeit, als der Gottessohn von hasserfüllten Menschen ans Kreuz geschlagen wurdeDoch war es Gottes Handeln, der seinen Sohn dahingab (Jo 3,16) – ein Geheimnis Gottes – logisch nicht zu erklären. Siehe 2 Ko 5,21: das größte Wunder Gottes für die Welt. „Jesu Blut ruft nicht nach Vergeltung, sondern spricht Vergebung zu“ (Hbr 12,24 GNB). 2.2. Mit Gottes Vergebung hat etwas ganz Neues begonnenWer Vergebung durch Christi Blut gefunden hat, der kann dem Bruder vergeben – er hört auf, dem anderen gegenüber „aufzurechnen“ oder mit ihm „abzurechnen“ (in Gedanken oder Tat). Wer reich in Gott ist, sich als sein Kind weiß, als Gottes Gegenüber lebt, der kann sich am Wohlergehen des anderen, selbst an dessen offensichtlicher Gunst von Gott freuen. Wer weiß, dass Gott für ihn ist, der braucht den anderen nicht mehr zu fürchten, der wird keine Angst haben, im Leben zu kurz zu kommen. Richtig verstanden hat diese alte biblische Geschichte, wer die Frage Gottes an Kain „Wo ist dein Bruder?“ als an sich selbst gerichtet hört. Ganz praktisch lautet sie dann: Wie kann ich durch meine Worte und mein Tun dem anderen Bruder sein – und das beginnt in der Gemeinde. |
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