Mythos Microfinance

Am 31.1. fand an der Theologischen Hochschule Friedensau ein Workshop zu Thema „Microfinance“ statt. Ziel des Workshops war es den Mythos Microfinance zu entschlüsseln und PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen über dieses Thema ins Gespräch zu bringen.

Zunächst fasste Philip Mader vom Max Planck Institut für Sozialwissenschaften in Köln die kritische Diskussion um Mikrofinanz zusammen und verwies dabei insbesondere auf negative Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung (Bangladesch ist heute ein Land von verarmten KleinhändlerInnen) und die Verschuldungsfalle, in die viele KreditnehmerInnen geraten. Philip Mader bezog sich dabei auf seine Erfahrungen in Indien; dort haben mittlerweile viele Kreditnehmer vier bis fünf Kredite von unterschiedlichen Instituten. Sie müssen zusätzliche Kredite nehmen, um die Raten zurückzahlen zu können. Dies führte in Indien vor zwei Jahren zu einer regelrechten Selbstmordwelle von Menschen, die hoffnungslos mit Mikrokrediten verschuldet waren. Ahmed Ajaz Khan von Care International schloss sich der Kritik an bestimmten Mikrofinanzinstitutionen an, verwies aber darauf, dass nicht alle Mikrofinanzprogramme gleichermaßen zu den geschilderten Problemen beitragen. Neben den großen kommerziellen Mikrofinanz(kredit)anbietern gibt es Organisationen, die nicht nur das ganze Spektrum von Mikrofinanzprodukten (Kredite, Sparen und Versicherung) anbieten, sondern auch im lokalen Kontext eingebettet sind und Mikrofinanzprodukte sozialverträglich anbieten Er verwies in diesem Zusammenhang auf das Potential von islamischen Finanzinstitutionen, die den islamischen Finanzprinzipien verpflichtet sind. Diese beinhalten neben dem Zinsverbot, das Verbot die Rückzahlung zu erzwingen und das Gebot, Gewinne und Verluste zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern zu teilen. Auch Kwaku Arhin-San von der Theologischen Hochschule Friedensau, der seine Masterarbeit über ein Mikrofinanzprojekt von ADRA (Adventist Development und Relief Agency) in Ghana geschrieben hat, verwies darauf, dass Mikrofinanzinstitutionen divers sind. Sein Schwerpunkt lag auf der Frage, warum sich Kreditnehmer für eine bestimmte Mikrofinanzinstitution (und gegen andere) entscheiden. Wie Ajaz Ahmed Kahn betonte er in diesem Zusammenhang das Potential von FBOs (Faith Based Organsations). Mikrofinanzsysteme sollten – so Arhin – Sam - die lokalen Glaubens- und Wissenssysteme berücksichtigen. In seiner Untersuchung argumentierten die Kreditnehmer, die sich für das ADRA-Projekt entschieden hatten, z.B., dass es sich bei ADRA-Geld um „clean money“ handelt, während das Geld anderer Organisationen als schlechtes Geld betrachtet wird. In den beiden Beiträgen von Gihan Adam Abdalla von der FU Berlin und Ulrike Schultz von der Theologischen Hochschule über Mikrofinanzprojekte im Sudan wurde deutlich, dass individuelle Erfolgsgeschichten im Kontext von Mikrokrediten eher die Ausnahme sind. Zugleich wurde deutlich, dass Projekte angeeignet und an die lokalen Bedingungen angepasst werden. Gleichzeitig werden jedoch im Sudan häufig unter dem Deckmantel von islamischen Kreditverträgen Zinsen erhoben und die Rückzahlung von Krediten z.B. durch Verhaftung erzwungen wird. Allerdings können Vorstellungen von moralisch gutem (islamischen) Wirtschaften unter bestimmten Bedingungen auch als Korrektiv dienen.

In der Abschlussdiskussion, in der sich auch viele Studierende des ISS (International Social Science) zu Wort meldeten, bestand Einigung darüber, dass Mikrofinanzprojekte kein Ersatz für soziale Sicherung und freien Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung sein können. Darüber hinaus sollten Mikrofinanzinstitutionen ihre Angebote auf kleine und mittlere Unternehmen ausdehnen, um wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen im formellen Sektor zu unterstützen. Gleichzeitig wurde übereinstimmend konstatiert, dass Mikrofinanzprojekte kein Allheilmittel gegen Armut und Unterentwicklung sind. Kontrovers blieb die Diskussion darüber, ob Mikrofinanzprojekte und Institutionen abgeschafft oder ob sie abgespeckt, sozial verträglich und an die lokalen Bedingungen angepasst weiter ein wichtiges Instrument in der Entwicklungszusammenarbeit bleiben sollen.

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