Ringvorlesung

Öffentliche Vorlesungsreihe mit Symposium einschließlich Filmabend und Podiumsdiskussion.

In dieser Ringvorlesung geht es um die Strategie, die in Ethnologie, Soziologie und den Kulturwissenschaften oft als „Othering“ bezeichnet wird: Andere Menschen werden als „fremd“ und „andersartig“ klassifiziert, um damit eigene Ziele zu erreichen, zum Beispiel

  • Festigung der eigenen Identität, indem den Anderen eine ethnische, kulturelle oder religiöse Identität zugeschrieben wird
  • Begründung der eigenen Überlegenheit und Sicherung von Einflusssphären durch Konstruktion der Anderen
  • Sicherung der Existenzberechtigung der eigenen Gruppe durch Verhinderung von Annäherung und Verständnis der Anderen
  • Verstärkung von Gegensätzen bis zur Konstruktion von Feindschaften, um eigene Machtinteressen durchzusetzen

Solche Strategien finden sich in der Migrationsdebatte, in der Auseinandersetzung mit dem Islam, in den Konflikten zwischen Kirchen und Religionen, aber auch in innerkirchlichen Streitigkeiten um die eigene Identität. In den Vorträgen und Diskussionen wird es darum gehen, die vielfältigen Strategien des „Othering“ darzustellen, das darin wirksame Ringen um Identität zu würdigen, aber auch die Gefahren des Missbrauchs für Machtinteressen aufzudecken und Alternativen des Miteinanders zu zeigen.

Die Veranstaltungen finden in der Aula der Theologischen Hochschule Friedensau (Wilhelm-Michael-Haus) statt.
Die Teilnahme ist gebührenfrei.
Bestätigungen über eine Teilnahme als Fortbildungsmaßnahme sind auf Nachfrage möglich.

 

Programm

 

9. Januar 2014, 19.00 Uhr

Friedegard Föltz: Die tolerante Persönlichkeit – Psychologische Aspekte in der Vorurteilsforschung

Einstellungen beginnen sich ab der späten Kindheit psychodynamisch zu verankern. Manche Einstellun­gen Anderen gegenüber, dem „Fremden“ im Nächs­ten, veranlassen uns, Mit­menschen auszugrenzen für einen eigenen Identi­tätsgewinn, für Normener­halt und Aufrechterhaltung der „Normalität“. Die Vorurteilsforschung untersucht dieses Phänomen und präsentiert Ergebnisse zur Frage, was unter einer toleranten Persönlichkeit zu verstehen ist und welche Möglichkeiten der Veränderung von Vor­urteilen gegeben sind.

Friedegard Föltz, M.A. und cand. Dr.phil., ist Dozentin für Sozialpädagogik an der Theologischen Hochschule Friedensau. 

15. Januar 2014, 19.00 Uhr

Thomas Nauman: Feindbild Islam – historische und theologische Gründe einer europäischen Angst

Gegenwärtigen Umfragen zufolge hat die Angst vor dem Islam längst die Mitte der Gesellschaft erreicht. Zunehmend treten alteuropäische Ressentiments wieder an die Oberfläche, die  zwar im politischen Diskurs selten benannt werden, gleichwohl gegenwärtig außerordentlich wirksam sind. Die europäische Wahrnehmung des Islams ist von einem Angstkomplex geprägt, in dem sich historische, machtpolitische und theologische Aspekte mischen.

Prof. Dr. Thomas Naumann ist Professor für Biblische Exegese und Biblische Theologie (Altes Testament) an der Universität Siegen.

22. Januar 2014, 19.00 Uhr

Sören Asmus: „Da ist weder Grieche noch Jude...“ – christliche Migrationsgemeinden zwischen Othering und Universalismus

In Deutschland und Europa gibt es vermehrt christliche Gemeinden, deren Mitglieder aus Afrika, Asien und Lateinamerika stammen. In der Begegnung zwischen ihnen und den traditionell europäischen Kirchen gibt es sowohl die Erfahrung von Fremdheit, die mit vielfältigen abgrenzenden Zuschreibungen auf beiden Seiten verbunden ist, als auch die Herausforderung des universalen Anspruchs der Gemeinschaft in Christus, die über alle ethnischen Grenzen hinwegreicht.

Sören Asmus ist Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland in Duisburg, Referent für Islam, Migration, Integration des Kirchenkreises Duisburg.

23. Januar 2014, 14.00 Uhr

Oliver von Mengersen: Antiziganismus – Das Bild des „Zigeuners“ als Projektionsfläche für das für unsere Gesellschaft unverstandene „Fremde“

Wie kaum eine andere Minderheit sind Sinti und Roma stigmatisieren­den Vorurteilen und Stereo­typen ausgesetzt. Vorwiegend negativ konnotiert kann der Begriff des „Zigeuners“ als ein Phänomen gesellschaftlicher Normierung interpretiert werden, der unabhängig von realen Lebenswelten der so Stigmatisierten Fantasien, Ängste und Wünsche derer offenlegt, die ihn benutzen.

Oliver von Mengersen ist wissenschaftlicher Mitar­beiter des Referats Bildung im Dokumentations­zentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg.

23. Januar 2014, 15.15 Uhr

Kaoru Yoneyama: Othering in der Einwanderungspolitik und in den Gesetzen in Japan – am Beispiel der Einführung der philippinischen Entertainerinnen und des Staatsbürgerschaftsrechts

Die japanische Moderne konstruierte mit dem Prozess des „Othering“ auf ihre Weise eine nationale Identität, so wie es die europäische Mo­derne getan hat. Dass dieses Othering bis heute in der Politik und in den Gesetzen Japans verborgen blieb und strukturelle Diskriminierung von Minderheiten oder sozial Schwachen verursacht, wird am Beispiel der japanischen Einwanderungs­politik zur Immigration philippinischer Entertaine­rinnen nach Japan und des japanischen Staatsbür­gerschaftsrechts geschildert.

Kaoru Yoneyama ist Doktorandin im Fach Soziologie an der Freien Universität in Berlin. 

23. Januar 2014, 16.45 Uhr

Ulrike Schultz: Konstruktionen des Anderen im kolonialen und postkolonialen Afrika

Während des Kolonialismus wurden AfrikanerInnen nicht nur als „Andere“ konstruiert, sondern es fanden durch die Politik des „Teile und herrsche" auch Prozesse der Ethnisierung und Abgrenzung innerhalb der Kolonialgesellschaften statt, die heute in Form von ethnischen Konflikten fortwirken. Im Vortrag werden diese Prozesse am Beispiel des Sudan nachgezeichnet. Dabei wird besonders auf aktuelle Konflikte im Südsudan Bezug genommen.

Prof. Dr. Ulrike Schultz ist Professorin für Entwicklungssoziologie an der Theologischen Hochschule Friedensau. 

23. Januar 2014, 19.30 Uhr

Filmabend

Gezeigt wird der Film „Blue Eyed“ von Bertram Verhaag (1996). Dieser Film berichtet über die Workshops der Amerikanerin Jane Elliott, in denen sie in dramatischer Weise aufdeckt, wie in einer Gesellschaft die Diskriminierung anderer Menschen funktioniert. Mit ihren Workshops wandte sie sich gegen die Rassendiskriminierung in den USA, aber auch gegen Diskriminierung von Frauen, Behinderten und Homosexuellen. Der Film wird in englischer und in deutscher Sprache gezeigt. Anschließend Diskussion.

24. Januar 2014, 9.30 Uhr

Reinhard Hempelmann: Konstruktion des Anderen in christlich-fundamentalistischen Bewegungen

Fundamentalistische Strömungen nutzen die ver­breitete Sehnsucht nach Reduktion der Komplexität des Lebens. Durch einseitig betonte Einsichten des Glaubens bieten sie Gewissheit an und erschaffen zugleich Bilder des Anderen, die sich für ein proble­matisches Dominanzstreben instrumentalisieren lassen.

Dr. Reinhard Hempelmann ist Leiter der Evangeli­schen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, Lehrbeauftragter an der Universität Leipzig.

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[item title="24. Januar 2014, 10.45 Uhr
Birgit Rommelspacher: Bilder vom Anderen – säkulare und christliche Motive"]

Bei der Konstruktion von Feindbildern spielen im­mer unterschiedliche Motive eine Rolle: psycholo­gische und soziale Motive der Selbstversicherung und Abgrenzung, politische Motive der Konkurrenz und Dominanz oder auch kulturelle Motive, also Vorstellungen, die, über Jahrhunderte tradiert, Teil der kollektiven Identität und des kulturellen Gedächtnisses geworden sind. Der Vortrag geht auf unterschiedliche kulturelle Muster ein: einerseits solche, die bis auf die Entstehung des Christentums zurückgehen, andererseits solche, die im Kontext der modernen, säkularen Gesellschaft entstanden sind. Die Wechselbeziehung, in der diese Muster zueinander stehen, entscheidet nicht zuletzt darüber, ob wir die aktuelle Situation in Deutschland als eine multikulturelle oder eine multireligiöse verstehen.

Prof. Dr. Birgit Rommelspacher ist Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin. 

24. Januar 2014, 12.00- 13.00 Uhr

Podiumsdiskussion

Es diskutieren die Referenten S. Asmus, R. Hempelmann, O. v. Mengersen, B. Rommelspacher, U. Schultz und K. Yoneyama. Die Leitung hat Thomas Spiegler.

 

Verantwortlich für die Ringvorlesung:

Ulrike SchultzProf. Dr. rer. pol.
Entwicklungssoziologie
An der Ihle 5 ALÜP 217
D-39291 Möckern-Friedensau
Tel.: + 49 (0) 39 21 9 16 193
ulrike.schultz@thh-friedensau.de

Bernhard OestreichProf., Ph.D. (USA)
Neues Testament
Waldring 7
D-39291 Möckern-Friedensau
Tel.: + 49 (0) 39 21 94 50 10
bernhard.oestreich@thh-friedensau.de

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