Studie: Erwerbstätigkeit hemmt Behandlungsmotivation von Alkoholerkrankten

Pressemitteilung vom 16.08.2012 der Theologischen Hochschule Friedensau: Die Studie 'Ursachen für die Widersprüchlichkeit bei der Inanspruchnahme von Rehabilitation bei Alkoholabhängigkeitserkrankung', finanziert von der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland, des Instituts für Sucht- und Abhängigkeitsfragen an der Theologischen Hochschule Friedensau ergab, dass ein Alkoholabhängiger, der beruflich fest eingebunden ist, trotz körperlicher und seelischer Beschwerden eher davon absehen wird, eine 12-wöchige Entwöhnungstherapie anzutreten.

Im Zentrum der Studie stand die Frage, warum alkoholabhängige Männer und Frauen die Langzeitentwöhnung so häufig ablehnen.

Um diese Frage zu beantworten, führten die beteiligten Forscherinnen (Dr. Dagmar Arndt, Silke Schmidt (Mag.) und Dr. Antje Bednarek) eine Interviewstudie und eine Fragebogenerhebung mit knapp 400 Alkoholanhängigen in mitteldeutschen Suchtkliniken durch. Die Ergebnisse der Fragebogenerhebung zeigen, dass Erwerbstätigkeit der stärkste Einflussfaktor für die Entscheidung ist. Die Chance, dass ein erwerbsloser Alkoholkranker eine Entwöhnungsbehandlung antritt ist ca. 9-mal so groß wie bei Alkoholkranken, die eine Arbeit haben. Grund dafür ist das Empfinden der Erwerbstätigen, Verpflichtungen zu haben, die man nicht für die lange Dauer von mindestens 12 Wochen vernachlässigen kann. Für erwerbstätige Alkoholabhängige sind Selbsthilfegruppen und andere Angebote der Suchthilfelandschaft attraktiver, da sie sich flexibler mit dem bisherigen Tagesablauf vereinbaren lassen. Andere Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für die Inanspruchnahme einer Entwöhnungstherapie verringern, sind geringe Schulbildung und die Einstellung, dass eine kurze Entgiftungstherapie ausreicht, um das Alkoholproblem in den Griff zu bekommen.

Die Interviews mit Betroffenen zeigten, dass die Alkoholabhängigkeit von Fall zu Fall unterschiedlich entsteht. Soziale Faktoren wie Familienmitglieder, Suchtberater oder Ärzte spielen eine zentrale Rolle dabei, Wege aus der Abhängigkeit zu finden. Eine Entwöhnung wird von Betroffenen auch dann eher in Anspruch genommen, wenn man sich durch die Therapie eine bessere Zukunft erhofft. Das bedeutet, dass Alkoholabhängige, die resigniert haben oder die schon einmal eine Entwöhnungstherapie gemacht haben und später wieder angefangen haben zu trinken, weniger bereit sind in die Entwöhnung gehen. Andere Betroffene gehen in die Entwöhnungstherapie, weil sie davon Lösung von Beziehungsproblemen, Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche und Linderung ihrer gesundheitlichen Probleme erhoffen.
Den Hintergrund der Studie bildeten die alarmierenden Suchtstatistiken in den mitteldeutschen Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Im Jahr 2009 war Magdeburg an der Spitze der alkoholbedingten Krankenhausaufenthalte im gesamten Bundesgebiet. Statt eine Entwöhnungstherapie anzutreten, gehen viele Betroffenen immer wieder in den Entzug. Damit lindern sie ihre Beschwerden kurzzeitig, ohne jedoch entscheidende Schritte zur Bekämpfung der Abhängigkeit zu unternehmen. Die Ergebnisse der Studie lassen die Vermutung zu, dass berufstätige Alkoholabhängige mehr und besseren Zugang zu flexibleren Rehabilitationstherapien benötigen. Sie legen auch nahe, dass frühe Intervention durch Freunde und Familienmitglieder sowie seitens des Suchtkrankenhilfesystems vonnöten ist, damit sich die Abhängigkeit gar nicht erst entwickeln kann. Denn nahezu alle Befragten waren sich des Problems bewusst und hätten ihren Alkoholkonsum gern reduziert – allerdings fällt es alles andere als leicht, diesen Weg erfolgreich und konsequent zu gehen.

Das Institut für Sucht- und Abhängigkeitsfragen an der Theologischen Hochschule Friedensau wird geleitet von Prof. Dr. Lothar Schmidt. Der Mediziner trug dazu bei, dass Alkoholismus als Krankheit anerkannt wurde und im Jahr 2011 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement in der Suchthilfe verliehen.

Die Theologische Hochschule Friedensau wurde 1899 gegründet und ist eine staatlich anerkannte Hochschule in kirchlicher Trägerschaft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Sie hat die beiden Fachbereiche Christliches Sozialwesen und Theologie.

Mit freundlichen Grüßen Holger Koch

Theologische Hochschule Friedensau Leitung Marketing und Öffentlichkeitsarbeit Holger Koch

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