NewstartPlus-Programm für Hochschulbibliothek

22. Jan.. 2026 / Campusleben / Lernen & Studieren / Wissenschaft & Forschung

Zum Einsatz des NewstartPlus-Programms in der Friedensauer Hochschulbibliothek haben wir Bibliotheksleiter Raul Cervantes (M.A.) zu den Eckpfeilern des Programms befragt:

Wie hat sich der Gedanke entwickelt, NewstartPlus auf die Bibliothek in Friedensau anzuwenden?

Mit der Zunahme von digitalen Medien wie E-Books, E-Zeitschriften usw. und aktuell dem Thema der künstlichen Intelligenz (KI) sind die Bibliotheken aufgefordert, ihre Existenz und Relevanz zu hinterfragen. Daraus sind Trends entstanden wie „The Library of Things“, bei denen es nicht mehr nur um die klassischen Dienstleistungen einer Bibliothek geht, sondern um einen deutlich breiteren Ansatz. Man könnte die Tragweite vielleicht sogar damit vergleichen, wie mancherorts Kirchen zu Restaurants oder in Museen umgewandelt werden.

Und hier kommen die sogenannten „Commons“ ins Spiel: Commons – das sind Gemein- und Kollektivressourcen (wie Wissen) und frei zugängliche Kulturgüter (Bauwerke, Kunst). Danach werden künftig in Bibliotheken nicht nur Bücher ausgeliehen, sondern auch andere Geräte und Ressourcen bereitgestellt werden, die einer Gesellschaft helfen, effektiv zu handeln.

Dieser Trend wird mit „The Library as Third Place“ bezeichnet und versucht, Bibliotheken nach der eigenen Wohnung und dem Arbeitsplatz als dritten relevanten Aufenthaltsort zu etablieren. Auf diese Weise versucht die Hochschulbibliothek, sich neu und relevant aufzustellen. Sie bietet ein Gegengewicht dazu, dass Leser nicht mehr nur in ihren Wohnungen „für sich allein“ online sind und kein „reales“ soziales Leben mehr pflegen, sondern wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Wir als Bibliotheksteam haben uns gefragt: Was können wir tun? Da in der Freikirche ein starker Schwerpunkt auf „Gesundheit und gesunder Lebensweise“ liegt, haben wir uns für diesen Weg entschieden. NEWSTARTPLUS in Bibliotheken ist für uns ein Anliegen, es lokal als ein Gesundheitskonzept zu etablieren und es in unseren Partnereinrichtungen weiterzuempfehlen.

Mancher mag vielleicht denken, dass wir so etwas nicht brauchen. Wir sehen hier nur einen ersten Anfang, sozusagen die „Spitze des Eisbergs“ – und gerade in einer akademischen Umgebung liegt ein großes Potenzial. Das ist, denke ich, revolutionär und gleichzeitig für einige herausfordernd, weil etablierte Denkmuster damit in Frage gestellt werden. Künftig will die Bibliothek bessere Technik und mehr Komfort anbieten – als Erlebnis sozusagen.

Welche der einzelnen „Säulen“ des Konzepts sind bereits umgesetzt und welche werden in den nächsten Wochen folgen?

Wie bereits erwähnt, wird das Konzept fließend und dynamisch umgesetzt. Es gibt Elemente, bei denen wir bereits deutlich etwas erreicht haben (zum Beispiel Fitness-Anwendungen), andere befinden sich noch auf einer konzeptionellen Ebene in der Entwicklung. Es ist nicht zeitlich begrenzt, sodass man sagen könnte: Alles ist abgeschlossen. Im Gegenteil: Es endet nicht, weil ständig neues Wissen, neue Tendenzen und neue Bedürfnisse entstehen, und die einzelnen Elemente können kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert werden.

Ein „Abmessen“ passt nur bedingt zu diesem Konzept. Für bestimmte Zeiträume kann eine Evaluation sinnvoll sein. Entscheidend ist für uns jedoch: Wir haben begonnen – und wir bleiben dabei. Es gibt Faktoren, die die nächsten Schritte beeinflussen. Diese werden selbstverständlich berücksichtigt. In diesem Sinne arbeiten wir nicht mit festen Terminen, sondern mit Aufmerksamkeit. Sie bestimmt die nächsten Schritte.

Damit das greifbar wird, hier alle Elemente von NEWSTARTPLUS so, wie wir sie im Bibliotheksalltag umsetzen:

N – Ernährung: Durch thematische Veranstaltungen, Vorträge und zum Beispiel pflanzenbasierte Kochkurse greifen wir Fragen von gesunder Ernährung, mentaler Leistungsfähigkeit und Lebensstilbewusstsein auf.

E – Bewegung: Wir haben eine Fitness-Ecke mit bürotauglichen Geräten eingerichtet. Sie ermöglicht kurze Bewegungseinheiten, Muskelentspannung und Haltungsverbesserung, ohne dass man die Bibliothek verlassen muss.

W – Wasser: Trinkwasser (still, kalt, sprudelnd) steht zur Verfügung. In den Sommermonaten planen wir zusätzlich einfache Wasseranwendungen wie Fuß- oder Armbäder, um sich bei Hitze erfrischen zu können – niedrigschwellig, aber durchaus therapeutisch wirksam.

S – Sonne / Licht: Durch gezielte Lichtsteuerung und Farbkonzepte passen wir die Atmosphäre an Jahreszeiten und Nutzungssituationen an, um Aufmerksamkeit, Stimmung und Biorhythmus zu unterstützen.

T – Maßhalten & Effektivität: Angebote zu Zeitmanagement, Selbstregulation und produktivem Lernen sollen helfen, Überlastung und Erschöpfung vorzubeugen.

A – Luft: In ausgewählten Bereichen setzen wir Luftreiniger ein. Zusätzlich arbeiten wir mit Aroma-Diffusern, um das Wohlbefinden und die Atmosphäre sanft zu beeinflussen – keine klinische Therapie, aber bewusst eingesetzte, therapeutische Impulse.

R – Ruhe: Es gibt Ruhezonen, Räume für Stille, Gebet und Ruhepausen. Erholung verstehen wir als Voraussetzung für effektive Leistungsfähigkeit.

T – Vertrauen & Schutzraum: Die Bibliothek soll ein sicherer, einladender Ort sein – ein Rückzugsraum und verlässlicher Ort im Studien- und Forschungsalltag.

Das Wort „Bibliothek“ ist dem Griechischen entlehnt und kann mit „Buch-Behälter“ übersetzt werden. Warum sollen den „Stars“ einer Bibliothek (Bücher, Medien, auch die Literaturvermittlung wie Lesungen) künftig Gesundheitsregeln Konkurrenz zu machen?

Wie das Sprichwort sagt: Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Ohne die klassischen Dienstleistungen einer Bibliothek zu vernachlässigen, wollen wir uns mit der Zeit weiterentwickeln. Dabei geht es nicht um Regeln oder Konkurrenz, sondern um Wissen, Kooperation und Synergien. Gemeinsam sind wir stärker als wenn wir isoliert arbeiten.

Vernetzung statt Insellösung

Uns ist wichtig zu betonen, dass wir mit NewstartPlus nicht isoliert arbeiten wollen. Auf dem Campus gibt es viele Initiativen, die auf ähnliche Ziele hinarbeiten, und wir möchten bewusst Synergien schaffen. Ein Beispiel ist das Angebot der sogenannten „Friendship Bench“. Da die Bibliothek sehr lange Öffnungszeiten hat und ein vertrauter Aufenthaltsort ist, erscheint es sinnvoll, dieses niedrigschwellige Zuhör- und Gesprächsangebot auch hier anzusiedeln. Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter werden dafür entsprechend geschult.

Rückmeldung einholen und Wirkung überprüfen

Wir wollen außerdem wissen, was funktioniert und was nicht. Deshalb planen wir kurze Befragungen, um regelmäßig ein Stimmungsbild einzuholen. Dabei arbeiten wir eng mit Kolleginnen und Kollegen aus den Sozialwissenschaften zusammen, die Erfahrung in der Konzeption und Durchführung solcher Erhebungen haben. So stellen wir sicher, dass rechtliche, ethische und datenschutzrechtliche Aspekte eingehalten werden.

Wohin das Ganze führen soll

Zunächst geht es darum, auf unserem Campus ein gesundes, ruhiges und inspirierendes Lern-, Kultur- und Begegnungsumfeld zu schaffen. Darüber hinaus verstehen wir NewstartPlus als Pilot. Wenn sich der Ansatz bewährt, möchten wir ihn innerhalb des Netzwerks adventistischer Hochschulbibliotheken weltweit teilen und – bei Interesse – auch darüber hinaus.

Danke für das Interview - wir wünschen viel Erfolg bei der Umsetzung (die Fragen stellte Andrea Camer).

Bild der THH Friedensau
Bildrechte: Advent-Verlag Krattigen (Schweiz), Liga Leben und Gesundheit