Foto Daniel Heinz, Ph.D.

Daniel Heinz, Ph.D.

Historisches Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten

Daniel Heinz, Ph.D.
Ph.D. (USA)
Historisches Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten

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Vita

Daniel Heinz – Archivar und Historiograph der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa

Eine Schwäche der eschatologisch ausgerichteten Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten mag sich darin äußern, das Wissen über die eigene Geschichte und den Aufbau von Archiven, die dieses Wissen dokumentieren, als eher nebensächlich zu betrachten. Unter der Devise „Jesus kommt bald!“ werden Evangelisation, Mission und karitativer Einsatz in den Mittelpunkt gerückt. Das ist auch gut und richtig so, geht es doch nach adventistischem Verständnis vor allem darum, Menschen auf die Wiederkehr Christi hinzuweisen und vorzubereiten. Adventgemeinde als Gemeinde der Hoffnung! Diesem „Credo“ verpflichtet, darf jedoch nicht der Eindruck entstehen, als würde dieser „Blick nach vorne“, die „Endzeitperspektive“, die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit als obsolet erscheinen lassen. Geschichte wäre dann höchstens ein frommer, schöngeistiger Zeitvertreib, aber mehr auch nicht. Und Archive, um es einmal sarkastisch auszudrücken, wären dann Orte, wo Geschichte „entsorgt“ und „eingeschläfert“ wird. Eine wahrhaft traurige Vorstellung! Die Übertreibung entspricht nicht der Wirklichkeit. Doch Geschichtsvergessenheit und Geschichtsabkehr sind tatsächlich heute weitverbreitet. In der Theologie mag sie darin gründen, dass man gegenwärtig lieber den Trends der Zeit nacheifert, um sich als Kirche ein modernes und zeitgemäßes Gesicht zu verleihen. Der Blick in die religiöse Landschaft zeigt jedoch, dass Kirchen sich selbst entkernen, wenn sie sich zu sehr den Strömungen der Zeit anverwandeln. Bei all dem wird übersehen, dass gerade das ‚Woher‘ den Blick für das ‚Wohin‘ zu schärfen vermag – ja, Zukunft braucht Herkunft! Ich benötige die Geschichte, um die Gegenwart besser zu verstehen und meinen eigenen Platz in der Gesellschaft und vor allem im Leben der christlichen Gemeinde zu finden. Der religiöse Identitätsverlust, der uns hier beschäftigt, hervorgerufen durch Unkenntnis oder Vernachlässigung der Kirchengeschichte und Theologie – freilich sind dafür noch andere Ursachen auszumachen –, führt unweigerlich zu Krisen und Konflikten, die den persönlichen Glauben und das Vertrauen in die Leitung der Kirche erschüttern können.[1]

Daniel Heinz hat als Theologe und Historiker diese Gefahr erkannt und zeitlebens auf die innere Verunsicherung der Gemeinde hingewiesen, die ihre missionarische Tradition, wie sie sich vorbildhaft in der Geschichte herausgebildet hat, vergisst oder gar unter dem Einfluss des Zeitgeistes verleugnet. Eine Gemeinde, so sein Anliegen in Verkündigung, Unterricht und Forschung, kann nur dann wachsen, wenn sie feste historische Wurzeln hat und ein theologisch klar konturiertes Profil, das sich ausschließlich am Wort Gottes orientiert. Dieser Gedanke könnte als Motto über seiner Lebensarbeit stehen.

Als Theologe eher apologetisch und bewahrend gestimmt, pflegte Heinz in der Begegnung mit seinen Zeitgenossen eine flexible, unkonventionelle und menschenzugewandte Umgangsweise. Seine vielen Forschungsreisen führten ihn – abgesehen von ganz Europa – nach Nord- und Südamerika, nach Afrika, in die Ukraine, in die Türkei, nach Armenien, Russland und Mittelasien, wo er der komplexen adventistischen Vergangenheit, die in manchen Landesteilen und Regionen ein noch unbekanntes und unerforschtes „Terrain“ darstellte, in ihren großen und verzweigten Linien nachspürte – so z. B. durch gezielte Erkundigungen und Nachfragen in bestimmten Gebieten zu Expansion, Mission oder Migration bis hin zur Erfassung von lokal begrenzten Gemeindechroniken, Einzelschicksalen von Gemeindegliedern, Missionaren und Pastoren und zur Lokalisierung von in Vergessenheit geratenen oder zweckentfremdeten adventistischen Kirchengebäuden und Friedhöfen aus verschiedenen Zeiträumen.[2] In der Ethnologie werden solche Reisen gerne als „Feldforschungsreisen“ beschrieben, wiewohl diese Bezeichnung für die Reisen von Daniel Heinz zu hoch gegriffen ist. Für ihn war es aber wichtig, adventistische Geschichte immer im Kontext der jeweiligen Kultur, konkret in Verbindung mit Raum, Ort und Zeit und im Austausch und in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld zu verstehen („Relevanz vor Ort“).[3] Viele Fragen tun sich dabei auf: Wie konnte sich eine kleine protestantische Freikirche nordamerikanischen Ursprungs auf dem traditionsreichen und religiös konservativen europäischen Boden „verwurzeln“? Welche Methoden und Strategien des Überlebens und der „Inkulturation“ wurden angewandt, um in einem vornehmlich feindlich gestimmten Umfeld zum Wachstum zu gelangen? Welche staatskirchlichen und politischen Umwälzungen in den jeweiligen Ländern des Kontinents begrenzten oder begünstigten die adventistische Mission? Warum verlief die adventistische Mission in manchen Ländern Europas in Städten erfolgreicher als auf dem Land und umgekehrt? Wie überlebte der Adventismus Unterdrückung und Verfolgung während europäischer Gewaltherrschaften? Wie war es möglich, eine Vision für Weltmission zu entwickeln, die dem Adventismus in Europa und darüber hinaus eine besondere Dynamik verlieh? Europäische Adventisten schufen ein Missionsmodell, das nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, in Südamerika und im Vorderen und Mittleren Osten umgesetzt wurde und von Erfolg gekrönt war. Wie lässt sich dieser frühe Erfolg für die Regelgestalt einer stagnierenden Gemeinde in einer säkularen Gesellschaft heute fruchtbar machen? Um Antworten auf die vielen Fragen zu erhalten, werden nicht nur schriftliche Quellen analysiert, sondern auch Interviews und „Oral History“ methodisch eingesetzt.

Ein Überblick über das Wirken von Daniel Heinz eröffnet interessante, vielleicht in manchen Fällen noch wenig beachtete religionsgeographische, soziologische, volkskundliche und juristische Aspekte und Perspektiven, die für das Studium der adventistischen Geschichte in den verschiedenen Ländern Europas aufschlussreich sind.

[1] Vgl. Daniel Heinz, Gedächtnis und Schatzkammer – Das Historische Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, in: Adventisten heute,  (2015) Nr. 5, S. 21.

[2] In Armenien beispielsweise entdeckte Daniel Heinz in dem abgelegenen Gebirgsdorf Basartschaj die baulichen Überreste des ältesten adventistischen Kirchengebäudes aus Stein (1908) im zaristischen Russland. Der Torbogen dieser ehemaligen Kirche, deren adventistische Mitglieder aus dem Molokanentum stammten, mit der russischen Inschrift für „Gebetshaus“ und der Abbildung einer Menora (siebenarmiger Leuchter), wie sie für die am Alten Testament orientierten, judaisierenden und sabbathaltenden Molokanen typisch war, blieb erhalten und steht heute als Ausstellungsstück im Vorgarten des adventistischen Missionshauses in Jerewan. Ebenso wurden noch einige wenige Grabsteine adventistischer Gemeindeglieder mit eingeritzten Menorazeichnungen im Dorf entdeckt. Auch sie zeigen, dass gewisse judaisierende Vorstellungen aus dem Molokanentum selbst bei adventistischen Konvertiten überlebt haben.

In den Südpare-Bergen Tansanias, wo die deutschen Missionare in Anlehnung an Friedensau 1903 die Missionsstation „Friedensthal“ (heute Myamba-Giti) gegründet hatten, lokalisierte Daniel Heinz die Gräber von verschiedenen Missionaren, die dort in Vergessenheit geraten waren. Die Gräber werden heute wieder vorbildlich gepflegt. (Vgl. Daniel Heinz: Auf den Spuren der Pioniere. Adventmission in Ostafrika. In: Adventecho, (1993) Nr. 2, S. 13–14). In Kihurio, am Fuß der Südpare-Berge, wo sich die Missionsglocke aus Deutschland mit deutscher Beschriftung aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg erhalten hat (siehe Daniel Heinz: Die alte Glocke von Kihurio, in: Rosette. Mitteilungsblatt der Theologischen Hochschule Friedensau, (1998) Nr. 3, S. 5) und immer noch den Sabbat einläutet, folgte Daniel Heinz den Spuren des adventistischen Missionars und Sprachforschers Ernst Kotz (1887–1944), der das Kipare durch Übersetzung des Neuen Testaments in diese Sprache und durch Schaffung einer eigenen „Grammatik“ zu einer Schriftsprache erhoben und damit einen beachtlichen Beitrag zur Kultur Ostafrikas geleistet hat. Siehe dazu Daniel Heinz, Art.: Kotz, Ernst (1887–1944), in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon/BBKL, 15. Bd., 1999, 797–799.

Gegenwärtig versucht Daniel Heinz in Zusammenarbeit mit dem bekannten Afrikanisten Prof. Dr. Karsten Legère im Rahmen eines Projektes zur Restitution und Reproduktion von alten Texten in Frakturschrift, die in der deutschen Kolonialzeit entstanden sind, die anthropologische Studie von Kotz Im Banne der Furcht: Sitten und Gebräuche der Wapare in Ostafrika (1922) neu herauszubringen. Der deutschsprachige Text des Buches, der zwischen 1905 und 1917 entstanden ist, wird dabei in das Kiswahili übertragen, damit er im Ursprungsland gelesen werden kann. Die Gebräuche und Lebensformen der Wapare, ja selbst ihre Sprache drohen im modernen Tansania in Vergessenheit zu geraten. Die Studie von Kotz in Kiswahili mit entsprechenden Annotationen könnte dazu beitragen, den Wapare von heute das Wissen über ihre Geschichte und Kultur während der deutschen Kolonialzeit zurückzugeben. Zur Realisierung dieses Projekts werden noch finanzielle Mittel gesucht. Siehe Karsten Legère: Geschichte zurückgeben, in: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, (2024) Nr. 5, S. 13.

Durch Reisen in die Türkei, in den Libanon und die USA rekonstruierte Daniel Heinz die Verfolgung- und Vernichtungsgeschichte der armenischen Adventisten im Osmanischen Reich und würdigte dabei den Einsatz und die Leiden des großen armenischen Schriftstellers und Lyrikers Diran Tcherakian (1875–1921; auch Chrakian oder Tcharakian), der in Konstantinopel gelebt hatte und Adventist gewesen war, eine Tatsache, die in der offiziellen Geschichtsdarstellung des Landes bis heute verschwiegen wird. Ein Ausstellungsraum im Staatlichen Museum in Jerewan ist seinem literarischen Schaffen gewidmet. (Siehe Daniel Heinz: Christusbekenner unter Halbmond, Sowjetstern und Hakenkreuz. Adventistische Märtyrerschicksale im 20. Jahrhundert, in: Adventecho, (2006) Nr. 11, S. 24–25). Von 350 Gemeindegliedern in der Türkei im Jahr 1914 verloren über 250 in den darauffolgenden Jahren ihr Leben. Siehe dazu Daniel Heinz: Adventisten im Osmanischen Reich – Ein Fallbeispiel für islamische Intoleranz. In: ‚For You have Strengthened Me‘. Biblical and Theological Studies in Honor of Gerhard Pfandl in Celebration of His Sixty-Fifth Birthday, hrsg. von Martin Pröbstle, St. Peter am Hart: Seminar Bogenhofen, 2007, S. 453–478; ders., While Justice Lingers. A Nearly Forgotten Story of Armenian Adventists, in: Adventist Review, Nr. 26, Dezember 2015, S. 27–30.

[3] Siehe dazu Daniel Heinz und Werner Lange (Hrsg.), Adventhoffnung für Deutschland. Die Mission der Siebenten-Tags-Adventisten von Conradi bis heute, Lüneburg: Advent-Verlag, 2014, besonders S. 11–42 und 263–270; Daniel Heinz, Ludwig Richard Conradi. Missionar, Evangelist und Organisator der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, Frankfurt/M., Berlin, Wien: Peter Lang, 1998 (3. Aufl.), S. 115–122; ders., L. R. Conradis missionarischer Durchbruch: Ein Modell für die Zukunft? In: Die Adventisten und Hamburg. Von der Ortsgemeinde zur internationalen Bewegung, hrsg. von Baldur Ed. Pfeiffer et al., Frankfurt/M., Bern, New York: Peter Lang, 1992, S. 146–161.

Icon PlusBiografische Stationen, Studium und beruflicher Werdegang

Daniel Heinz wurde am 19. August 1957 in Wien geboren. Fremde Sprachen und Kulturen waren ihm von Kindheit an vertraut. Der Vater Österreicher mit mährisch-schlesischen Vorfahren, die Mutter – Louisette Urbano – mit italienischen Wurzeln in Frankreich geboren und mehrsprachig aufgewachsen, erlernte Daniel Heinz – und vergaß leider wieder auch – das von den Großeltern mütterlicherseits gesprochene Friaulisch oder Furlanisch, eine uralte romanische Sprache, die heute noch in der norditalienischen Region Friaul-Julisch-Venetien verbreitet ist, wo er als Kind viele Sommermonate verbrachte. Kindheit und Jugend sind jedoch mit dem Innviertel eng verbunden, dem an Niederbayern grenzenden Landstrich am Inn-Fluss in Oberösterreich. Daniel Heinz besuchte dort die Volksschule in St. Peter am Hart und das Realgymnasium (Neusprachlicher Zweig) in Braunau am Inn. Nach der Reifeprüfung (1975) und einem kurzen „Schnupperstudium“ an der Universität Salzburg (Jura, Philosophie) begann er seine theologische Ausbildung am Seminar Schloss Bogenhofen (Oberösterreich), wo er von seinem Vater Hans Heinz (1930–2021), der an dieser Institution als Theologielehrer wirkte, nachhaltig geprägt wurde.[4] 1978 setzte er seine Studien an der US-amerikanischen Andrews University (Michigan) fort und erwarb dort 1979 den Bachelor-Grad („B.A. in Religion“) und 1981 den Grad „Master of Arts“ („M.A. in Religion“) mit einer Diplomarbeit über „Tod, Unsterblichkeit und Auferstehung in Karl Barths ‚Kirchlicher Dogmatik‘“. Daniel Heinz schrieb die Arbeit unter der fachkundigen Leitung von Prof. Dr. Hans K. LaRondelle, einem Holländer und Schüler Gerrit C. Berkouwers, selbst ein bekannter Theologe und Kritiker Karl Barths.[5]

Nach der Graduation wirkte Daniel Heinz vorübergehend als Lehrer und Heimleiter am Seminar Bogenhofen (1981–1982), anschließend als Pastor und Jugendseelsorger der Adventgemeinde in Wien (1983–1985). In dieser Zeit besuchte er Vorlesungen von Prof. Dr. Peter F.  Barton an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien über die Geschichte des Protestantismus in Mittel- und Osteuropa. Prof. Barton ermutigte Daniel Heinz, ein Promotionsstudium an der Wiener evangelisch-theologischen Fakultät aufzunehmen – „sub conditione evangelicae veritatis“.[6] Dafür wolle er „mit Kirchenjuristen und Hochschulbürokraten ein Sträußchen ausfechten“, so seine humorvoll gemeinte Ansage. Barton kannte die Adventisten kaum und war als evangelischer „Diasporaspezialist“ neugierig auf die Geschichte und Überlebensstrategie einer kleinen Freikirche im katholischen Raum. Da jedoch die adventistische Kirchenleitung Daniel Heinz großzügigerweise ein Stipendium für ein Promotionsstudium an der Andrews University (USA) anbot, war die Entscheidung gefallen. Von 1985 bis 1989 verblieb Daniel Heinz zum Studium an der Andrews University, wo ihm 1991 „in absentia“ der Grad „Doctor of Philosophy“ (Ph.D. mit dem Schwerpunkt Kirchengeschichte und Adventismus-Studien) verliehen wurde. Die Dissertation trug den Titel: „Church, Sect, and Government Control. A History of Seventh-day Adventists in Austria, 1890–1975“. Sie wurde 1993 veröffentlicht (Church, State, and Religious Dissent. A History of Seventh-day Adventists in Austria, 1890–1975. Frankfurt/M.: Peter Lang). Prof. Barton, mit dem Daniel Heinz freundschaftlich verbunden blieb, rezensierte die Arbeit: „Das methodisch gekonnte, übersichtlich aufgebaute Werk stellt eine gute Einführung in die Geschichte einer kleinen – den großen Kirchen weithin fremden – Religionsgemeinschaft im Kontext eines größeren kirchenhistorischen Rahmens dar, wobei der Verfasser seiner theologischen Grundposition durchaus treu bleibt.“[7]

Von 1989 bis 1997 lehrte Daniel Heinz am Theologischen Seminar Schloss Bogenhofen im Bereich der Systematischen Theologie und der Kirchengeschichte. Als Dekan des Theologischen Seminars (1989–1995) führte sein akademisches Bemühen offiziell zur internationalen Anerkennung der Institution als „Senior College“ (1997) mit Berechtigung zur Vergabe eines theologischen Abschlussdiploms auf Bakkalaureatsebene. Das Diplom berechtigte weiterhin zum vollzeitlichen Dienst als Pastor oder als Pastorin der Freikirche in Österreich und in der Schweiz. Daneben übernahm Daniel Heinz auch selbst seelsorgerliche, kirchliche und gemeindeorientierte Aufgaben, nachdem er bereits 1989 zum Pastor ordiniert worden war.

1997 erfolgte der Ruf an die Theologische Hochschule Friedensau bei Magdeburg. Daniel Heinz wurde von der teilkontinentalen Kirchenleitung in der Schweiz (Intereuropäische Division, Bern) beauftragt, ein kirchliches Zentralarchiv für Europa in Friedensau einzurichten, das auch den Anforderungen einer Hochschule gerecht werden sollte. Nun konnte Daniel Heinz die Erforschung der adventistischen Geschichte in Europa auf Grundlage eines neu einzurichtenden Archivs vertiefen. Dieses neue Archiv in Friedensau vereinte die Bestände des bereits 1982 durch Dr. Baldur Ed. Pfeiffer am Seminar Marienhöhe (Darmstadt) eingerichteten Archivs mit den historischen Dokumenten, die von Wolfgang Hartlapp in Friedensau gesammelt worden waren, und baute die Sammlung weiter aus. Beiden Historikern, Wolfgang Hartlapp und Baldur Pfeiffer, die für die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland archivische Pionierarbeit geleistet haben, ist das Friedensauer Zentralarchiv zu großem Dank verpflichtet.[8] Noch kurz zur Erinnerung: Im Gefolge der Wiedervereinigung wurde die theologische Ausbildung der Adventisten von Westdeutschland (Darmstadt-Marienhöhe) nach Friedensau verlegt, wo das Theologische Seminar als älteste Ausbildungsstätte der Adventisten in Europa 1990 die staatliche Anerkennung als Theologische Hochschule in privater Trägerschaft erlangt hatte. Damit war in Friedensau mit dem weiträumigen Hochschulcampus auch ein idealer Standort für das neue Zentralarchiv gefunden.

So gelang es in den folgenden Jahren mit dem Archiv in Friedensau, die Erforschung der adventistischen Geschichte in Europa, die in der Vergangenheit vielfach von Hobbyhistorikern und Gemeindechronisten betrieben wurde, in akademisch vergleichbare Bahnen zu lenken und dem Forschenden ein gewisses Maß an Methodik und „handwerklicher“ Solidität in der historischen Darstellung abzuverlangen. Wiewohl die Geschichte des Adventismus in Europa bis heute in vielen Bereichen eine „terra incognita“ darstellt, wird sie zunehmend als vollwertiges Forschungsfeld auf dem Gebiet der Konfessionskunde und der Religions- und Kirchengeschichte wahrgenommen („Adventismus-Studien“) und als Fach mit klarem wissenschaftlichem Profil im Unterricht verankert. In den USA ist diese Disziplin unter der Bezeichnung „Adventist Studies“ im Hochschulbetrieb längst etabliert.

[4] Vgl. Daniel Heinz, Bibelglaube und Bekenntnistreue – Hans Heinz zum 70. Geburtstag, in: Dein Heil bin ich. Gesammelte Aufsätze zu Rechtfertigung, Heiligung und Vollendung. Festgabe für Hans Heinz, hrsg. von Daniel Heinz, Frankfurt/M., Berlin, New York: Peter Lang, 2000, S. 205–223. Vater und Sohn veröffentlichten später gemeinsam einige Bücher und Artikel.

[5] Hans K. LaRondelle blieb für Daniel Heinz auch in späteren Jahren ein theologischer Ratgeber und Freund, dem er – zusammen mit J. Moskala und P. v. Bemmelen – im Jahr 2009 eine Festschrift widmete: Christ, Salvation, and the Eschaton – Essays in Honor of Hans K. LaRondelle, Berrien Springs, MI (USA), Andrews University Press.

[6] Das konnte als großes Entgegenkommen gewertet werden, da zu dieser Zeit aufgrund der „Konfessionsklausel“ in der Regel nur Studierende der eigenen evangelisch-lutherischen bzw. reformierten Kirche in Österreich zum Promotionsstudium zugelassen wurden. Die gleiche Regelung galt grundsätzlich auch für katholische Fakultäten. In seiner späteren Autobiographie erwähnte der renommierte Kirchenhistoriker die Begegnung mit dem jungen adventistischen Pastor und schilderte sein Bemühen, Angehörige der Freikirchen und anderer Konfessionen „wissenschaftlich wie menschlich fair“ zu behandeln. Wichtig war ihm dabei allerdings, dass diese Studierenden kein fundamentalistisches Inspirationsverständnis im hermeneutischen Umgang mit der Heiligen Schrift pflegten. Siehe Peter F. Barton, Versuchter Brückenschlag, Wien: Evangelischer Presseverband, 2005, S. 188.

[7] Theologische Literaturzeitung, 120. Jg., 1995, Nr. 10, S. 914 f.

Icon PlusZiele und Aufgaben des Archivs

Das Friedensauer Zentralarchiv (Historisches Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, Sitz Friedensau) präsentiert sich heute als zweitgrößtes Archiv der adventistischen Weltkirche und verfügt als Ergebnis jahrelanger intensiver Such- und Sammelarbeit im In- und Ausland über umfangreiche Aktenbestände, die schwerpunktmäßig die Geschichte und Mission des Adventismus in Mittel-, Südost- und Osteuropa, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nord-, Zentral- und Ostafrika – sofern diese Regionen von der europäischen Kirchenleitung (Hamburg, später Bern) betreut wurden – dokumentieren. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Russland-Sammlung, die in den Jahren von 1985 bis 2020 von Daniel Heinz unter großem persönlichen Einsatz und mit eigenen finanziellen Mitteln aufgebaut wurde und eine weltweit einmalige Zusammenstellung repräsentativer Dokumente zur Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten im zaristischen Russland und in der Sowjetunion aufweist. Ein Ergebnis dieser Arbeit stellt die gerade erst vollendete Dokumentation der Protokolle und Urkunden der All-Räte Bundes-Union (VSASD) dar, der kirchlichen Organisation der Adventisten in der Sowjetunion, die von Heinrich J. Löbsack geleitet wurde. Die historisch bedeutsamen Schriftstücke stammen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen und galten viele Jahre als verschollen oder nicht zugänglich. Sie wurden von verschiedenen Personen der Freikirche während der kommunistischen Gewaltherrschaft verborgen, und es war viel Geduld und Zeit erforderlich, um die verstreuten Dokumente und Aktenbestände zusammenzuführen.[9]

Als konfessionelles Archiv und zentrale Gedächtnisinstitution möchte die Einrichtung zunächst identitätsstiftend das eigene historische und theologische Erbe bewahren. Darüber hinaus sucht sie als „Forschungswerkstatt“ und als Stätte der Begegnung Wege des interkonfessionellen Dialogs, um religiöse Vorurteile und Missverständnisse abzubauen und Impulse für gegenseitiges Verstehen zu setzen. Der wissenschaftlichen Auswertung und didaktischen Aufbereitung dient eine wissenschaftlichen Buchreihe, die von Baldur Ed. Pfeiffer durch den Peter Lang Verlag (Adventistica: Schriftenreihe des Historischen Archivs der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa) gegründet wurde und von Daniel Heinz als Herausgeber seit 1997 fortgeführt wird (derzeit 13 Bände). Neben der Archivleitung hielt Daniel Heinz seit 1997 auch Vorlesungen und Seminare zur Kirchen- und Missionsgeschichte an der Theologischen Hochschule Friedensau, in denen Studentinnen und Studenten aufgefordert waren, durch eigenständiges Forschen im Archiv schriftliche Arbeiten zu erstellen. So konnten sie sich mit frühen Dokumenten und Schriftstücken der Freikirche aus einer Zeit vertraut machen, in der die Gemeinden von Dynamik und Wachstum geprägt waren, in der Hoffnung, dass der „missionarische Funke“ beim Studium dieser Quellen in die Gegenwart überspringen und zu Aktion und Glaubenszeugnis anstiften möge. Darüber hinaus konnten Studierende der Theologischen Hochschule Friedensau sowie Archivbesucher auch aus anderen Kirchen des In- und Auslandes im Archiv wissenschaftliche Hilfe in der Planung und Abfassung von Diplomarbeiten bis hin zu Dissertationen erfahren.[10] Die Erforschung der Geschichte des Adventismus in Europa auf institutioneller Basis im Rahmen einer fachlichen Begleitung und inhaltlichen Beurteilung durch das Archiv stellte eine vorrangige Aufgabe dar. Gebotene historische Distanz, Quellenkritik, aber auch das Eingeständnis subjektiver Wertung aufgrund einer vorgegebenen weltanschaulichen oder konfessionellen Prägung sind dabei unverzichtbar.

Seit 2008 befindet sich das Zentralarchiv direkt in dem neu erbauten Bibliothekskomplex der Theologischen Hochschule Friedensau. Diese „nachbarschaftliche“ Koexistenz mit der Hochschulbibliothek, die auch die „Freikirchenbibliothek“ des interkonfessionellen „Vereins für Freikirchenforschung“ beherbergt, vereinfacht das gemeinsame Forschen und Lernen an einem Ort.

[9] Die zur Veröffentlichung bestimmte Sammlung trägt den Titel: Siebenten-Tags-Adventisten in der Sowjetunion (UdSSR): Dokumente der All-Räte Bundes-Union (VSASD). Ein Quellenbuch, 1919 – 1938 und umfasst zwei Bände mit zusammen über 1500 Seiten.

[10] Siehe dazu Daniel Heinz, Zukunft braucht Herkunft. Das Historische Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa, in: Geschichte – Gesellschaft – Gerechtigkeit. Festschrift für Baldur Pfeiffer, hrsg. von Stefan Höschele und Johannes Hartlapp, Berlin: Frank & Timme, 2007, S. 41–50.

Icon PlusForschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Betätigungsfelder

Die wissenschaftliche Arbeit von Daniel Heinz als Archivleiter lässt sich in mehrere Bereiche gliedern, die sowohl theologische als auch kirchengeschichtliche Themenfelder umfassen. Daniel Heinz ist Alleinherausgeber von zwei Buchreihen (Adventistica. Peter Lang Verlag; und Hoffnung heute: Wissen – Orientierung – Zeugnis. Advent-Verlag, Schweiz, seit 2007, derzeit 2 Bände) sowie einem umfangreichen lexikalischen Projekt in zwei Bänden zur Geschichte und Theologie der Adventisten in Europa, das vom Schweizer Advent-Verlag, Krattingen, 1998 in Auftrag gegeben wurde. Der erste Band dieses „Lexikons“ mit der Titelbezeichnung Lexikon der Siebenten-Tags-Adventisten: Theologie – Glaubenspraxis – Weltsicht ist nahezu fertiggestellt. Der zweite Band (Lexikon der Siebenten-Tags-Adventisten: Geschichte – Organisation – Mission) ist noch in Bearbeitung. Das lexikalische Gesamtprojekt entstand schrittweise aus einer gezielten Auswertung, Sammlung und Sichtung historischer Überlieferungen, die das Archiv über viele Jahre direkt auf Anfragen und Forschungsaufträge hin bearbeitet hat, wobei der „Europa-Bezug“ in der Darstellung prägend ist. Als anfänglicher Impuls für dieses langfristige Projekt galt unter anderem das Werk Heirs of the Reformation – The Story of the Seventh-day Adventist Church in Europe (1997), das unter dem Eindruck eines neuen, zusammenwachsenden Europa nach dem Untergang der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Partnerstaaten entstanden war.[11] Der missionarische Aufbruch in verschiedenen Ländern Osteuropas war für europäische Adventisten nach Jahrzehnten der Stagnation sichtbar und erlebbar. Diese Aufbruchstimmung übertrug sich auch auf die Archivarbeit. Viele historische Anfragen aus Osteuropa, besonders auch aus der Ukraine und aus Russland, erreichten nun das Archiv. Das gemeinsame historische Erbe wurde neu entdeckt und geteilt.[12]

Darüber hinaus war Daniel Heinz auch einer der „Regional Editors“ der Encyclopedia of Seventh-day Adventists (ESDA), einer internationalen Online-Enzyklopädie, die seit 2015 fortlaufend vom Zentralarchiv der adventistischen Weltkirchenleitung (Generalkonferenz), Silver Spring, MD, USA, weitergeführt wird. Er ist Mitherausgeber (zusammen mit Rolf J. Pöhler, Stefan Höschele und Johannes Hartlapp) der Reihe Adventistica: Studies in Adventist History and Theology – New Series (seit 2018, derzeit 3 Bände), die zumeist Tagungsbände der von der Theologischen Hochschule Friedensau veranstalteten wissenschaftlichen Symposien hervorbringt.

1998/1999 forschte Daniel Heinz im Auftrag der Historischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften (Prof. Tatjana A. Pavlova) zu freikirchlichen Pazifisten, Antimilitaristen und GuLag-Opfern während des Stalinismus in der Sowjetunion.[13] Diese Beschäftigung begründete seine über Jahrzehnte angelegte zeitgeschichtliche Forschungsarbeit über freikirchliche (baptistische, mennonitische, adventistische, pentekostale u. a.) Märtyrer. Mit dieser Arbeit eröffnete Daniel Heinz ein völlig neues Kapitel in der adventistischen Historiographie, die sich dieser Thematik noch gar nicht zugewandt hatte. Die Arbeit gestaltete sich schwierig, da die staatlichen russischen Archive, insbesondere die der Sicherheitsdienste (FSB, früher KGB) bis heute eine restriktive Politik in der Freigabe archivarischer Quellen verfolgen. Daniel Heinz unternahm zwischen 1994 und 2016 mehrere Forschungsreisen in die ehemaligen Verbannungsgebiete der Russischen Föderation und ihrer Nachfolgestaaten, um gezielt archivarische Quellen zur Verfolgungsgeschichte christlicher Gruppen aufzuspüren. Der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau, mit der Daniel Heinz zeitweise kooperierte, ist es mittlerweile jedoch gelungen, eine elektronische Datenbank von mehr als 4 Millionen Opfern der Stalin-Diktatur zusammenzustellen. Daniel Heinz bemühte sich nun durch Abgleich von frühen kirchlichen Mitgliederlisten mit den von Memorial angeführten Repressionslisten freikirchliche und besonders adventistische GuLag-Opfer zu identifizieren. Leider wurde die Menschenrechtsorganisation Memorial zuletzt verboten. Nachfragen und Nachforschungen zu Opfer des Stalinismus sind seit 2021 in Russland gänzlich unerwünscht.

Die Liste der adventistischen beziehungsweise freikirchlichen Opfer wurde von Daniel Heinz laufend aktualisiert und erweitert. Ziel dieser umfangreichen Forschungsarbeit ist die Erstellung eines freikirchlichen Martyrologiums, das exemplarisch an Leben und Leiden der Opfer erinnert.[14] Die Arbeit gegen das Vergessen ist umso wichtiger, als es heute nur noch sehr wenige Menschen gibt, die zu Erinnerungen und Erlebnissen der Repression befragt werden können. Auch die Errichtung einer Gedenktafel zur Erinnerung an die adventistischen Märtyrer des atheistischen Verfolgungs- und Unrechtsstaates ist an einer geeigneten Stelle in der Ukraine geplant. Als voraussichtlicher Standort für diesen Gedenkstein ist ein Platz auf dem Campus der adventistischen Hochschule in Bucha bei Kiev ins Auge gefasst. Stein und Tafel sollen zu einer öffentlichen Erinnerungskultur anregen – den Opfern einen Namen geben und ihren Kampf in Haft und völliger Isolation bis zum anonymen Sterben dem Vergessen entreißen.

Erste Schritte zur Erstellung des Martyrologiums wurden bereits in die Wege geleitet.[15] Dabei erwies sich die Zusammenarbeit mit Dr. Hans-Christian Diedrich als bedeutend, der in seinem wegweisenden Werk ‚Wohin sollen wir gehen…?‘ Der Weg der Christen durch die sowjetische Religionsverfolgung (2007) eine von Daniel Heinz ausgearbeitete Liste adventistischer Opfer veröffentlichte.[16]

Seit 2004 ist Daniel Heinz auch Mitglied der Arbeitsgruppe Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts der Evangelischen Kirche in Deutschland. Diese Arbeitsgruppe erstellte das wegweisende deutsche evangelische Märtyrer-Lexikon ‚Ihr Ende schaut an…‘ Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Harald Schultze und Andreas Kurschat (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2. Aufl., 2008). Daniel Heinz betreute darin die Freikirchen und schrieb die Biogramme zu ausgewählten Opfern des Stalinismus und Nationalsozialismus.[17]

Eine Anfrage der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) aus dem Jahr 2001 an das Archiv zur Dokumentation freikirchlicher Judenretter in der Zeit des Nationalsozialismus veranlasste Daniel Heinz, einen Sammelband zu dieser Thematik vorzubereiten. Zunächst galt es, ein Forschungsnetzwerk aufzubauen, um die Haltung der verschiedenen Freikirchen in Deutschland in der NS-Diktatur zu dokumentieren, besonders im Hinblick auf Formen des Antisemitismus, der ideologischen Anpassung und Schuldverarbeitung. Gleichzeitig sollten Beispiele offener wie versteckter Gegnerschaft in den verschiedenen Freikirchen ausgeforscht und vor allem die Hilfe, aber auch Nichthilfe für verfolgte Juden genauer beschrieben werden. Die spezielle Thematik „Freikirchen und Juden im ‚Dritten Reich‘“ stellte für die meisten Autoren des Projektes eine neue Herausforderung dar, da kaum Vorarbeiten zu dieser Thematik existierten, auf die man zurückgreifen hätte können, selbst wenn die Stellung einzelner Freikirchen während des NS-Regimes schon teilweise gut erforscht war. Die Vorarbeiten zu dem Sammelband führten zunächst dazu, dass die Freikirche der Adventisten in Deutschland im Jahr 2005 zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 ein Schuldbekenntnis veröffentlichte, in dem offiziell beklagt wurde, dass die Freikirche, wenn auch indirekt, eine Mitschuld am Holocaust trage, weil sie der Judenverfolgung und Judenvernichtung nicht entschieden genug entgegengetreten sei.[18] Wenn diese „Erklärung“ auch spät kam, so stellt sie doch einen wichtigen Meilenstein zur Aufarbeitung adventistischer Schuld im „Dritten Reich“ dar.

Bei der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels deutscher Kirchengeschichte scheint auf nahezu alle Freikirchen die Feststellung zuzutreffen, dass ein Eingeständnis von Schuld und Versagen umso schwerer fällt, je höher die eigenen moralischen Ansprüche gerichtet sind.[19] Das von Daniel Heinz herausgegebene und redigierte Werk Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“ – Instrumentalisierte Heilsgeschichte, antisemitische Vorurteile und verdrängte Schuld erschien 2011 in der vom Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes (Bensheim) begründeten Reihe Kirche – Konfession – Religion als Band 54 (Göttingen: V&R Unipress). Das Werk fand internationale Beachtung, da es als Anstoß für eine dringend notwendige, längst überfällige Trauerarbeit verstanden wurde.

Seit 2023 im Ruhestand, ist Daniel Heinz noch als Berater und Herausgeber für das Friedensauer Archiv tätig. Seine Nachfolge als Archivleiter übernahm  Bernd Müller, Ph.D. 2024 stellte Daniel Heinz seine private Bibliothek und Dokumentensammlung, die unter dem Namen »Adventistische Forschungsstelle Daniel Heinz – Archiv & Fachbibliothek« im Rahmen des Friedensauer Zentralarchivs als in sich abgeschlossener, untrennbarer Bestand erfasst sind, den Studierenden und Forschenden dauerhaft zur Verfügung.

Die Forschungsschwerpunkte und Betätigungsfelder von Daniel Heinz deuten an, wie umfangreich und vielschichtig „Adventistica“-Studien gestaltet werden können. Manchmal waren es auch Forderungen und Erwartungen, die an die Archivarbeit direkt herangetragen wurden und nach einer genauen und ausgewogenen Klärung im Sinne einer Art Vergangenheitsbewältigung riefen. Viele Ideen und Geschichten der Adventisten in Europa warten noch auf ihre (Wieder-)Entdeckung und Aufarbeitung, andere bekannte Episoden und Ereignisse mögen zur Motivation und Nachahmung anregen. Manche Entwicklungen wiederum können als Warnung dienen, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Dabei geht es bei weitem nicht nur um historisches Bemühen und um die Bewahrung und Verbreitung von geschichtlichem und konfessionskundlichem Wissen. Es geht vielmehr – nach dem Verständnis von Daniel Heinz – darum, durch Verlebendigung der eigenen Geschichte zukünftigen Generationen zu helfen, den missionarischen Auftrag der Kirche als Endzeitbewegung besser und schneller zu erfüllen. Erst eine lebendige und authentische Darstellung und Weitergabe von Geschichte trägt zur Identitätsbildung bei. Geschichte kann dann zur Heilsgeschichte werden, zum Segen für den, der sie kennt und sich von ihr bewegen, verändern und begeistern lässt. Geschichte schenkt Identität, Gottes Wort vielmehr ewiges Leben. So kann Kirchengeschichte als „Spurensuche Gottes in Raum und Zeit“ (Michael Wagner) immer nur im Einklang mit seiner Botschaft umfassend ergründet, verstanden und gewürdigt werden.

[11] Das Buch, herausgegeben von Hugh Dunton, Daniel Heinz, Dennis Porter und Ronald Strasdowsky, erschien bei Stanborough Press, Grantham, in England, und erreichte damit einen internationalen Leserkreis.

[12] So waren viele frühe adventistische Missionare und Pastoren im Lauf der Geschichte in Vergessenheit geraten. Im Auftrag der Herausgeber des Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikons/BBKL verfasste H. seit 1993 über 20 lebensgeschichtliche Artikel über Pioniergestalten und Führungspersönlichkeiten der Freikirche, um sie einem deutschsprachigen Leserkreis bekannt zu machen.

[13] Aus der Zusammenarbeit mit Prof. Tatjana A. Pavlova entstand in dankbarer Erinnerung das Werk Postiženie ideala. Iz Istorii mirotvorčestva i intelligencii. Sbornik pamjati T. A. Pavlovoj [Die Suche nach dem Ideal. Beiträge zur Geschichte der Friedensbemühungen und der Intelligentsia. Zum Gedenken an Tatjana A. Pavlova], hrsg. von Daniel Heinz und Denis A. Sdvižkov, Moskau: Institut Vseobšej Istorii Rossijskoj Akademii Nauk (IVI RAN), 2005. Vgl. auch Daniel Heinz, Art.: Pavlova, Tatjana Alexandrovna (1937–2002), in: Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon/BBKL, 45. Bd., 2023, 1111–1115.

[14] Siehe Andrea Cramer, Adventistisches Martyrologium, in: Unser Friedensau, Nr. 1, 2020, S. 5; vgl. ebenso https://adventist.news/news/friedensau-groundbreaking-research-on-soviet-adventist-martyrs (Zugriff: 8. 5. 2021).

[15] Siehe Daniel Heinz, Alexej A. Oparin et al., Duši pod žertvennikom. Kniga pamjati Cerkvi Christian Adventistov Sed‘mogo Dnja, posveščnnaja žertvam religioznych repressij vo vremena Carskoj Rossii i Sovetskogo Sojuza, Charkov: Fakt, 2010; vgl. auch Hans-Christian Diedrich, ‚Wohin sollen wir gehen…?‘ Der Weg der Christen durch die sowjetische Religionsverfolgung. Erlangen: Martin-Luther-Verlag, 2007, S. 463 f. 468.

[16] Ebd.

[17] Vgl. Daniel Heinz, Freikirchliche Märtyrer im 20. Jahrhundert. Definitionen, Problemfelder und Perspektiven der Forschung, in: Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte – Mitteilungen 22 (2004), S. 65–80.

[18] Adventecho, Nr. 5, 2005, S. 31.

[19] Daniel Heinz, ‚Da warst auch du wie einer von ihnen‘: Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“. Traurige Bilanz und spätes Bekenntnis, in: Kirchliche Zeitgeschichte 30 (2017), Nr. 1, S. 187 f.

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Daniel Heinz: Karl Rose – Konfessionelle Vielfalt erleben, erleiden, ergründen. Wege zur Verständigung zwischen Protestantismus und Orthodoxie, in: Perspektiven der Ostkirchenkunde II, hrsg. von Martin Illert und Andriy Mykhaleyko, Paderborn: Brill | Schöningh  2026, S. 13–24.

Daniel Heinz: Wilhelm Kahle - Nestor der protestantischen Kirchengeschichte des Baltikums und Russlands, in: Perspektiven der Ostkirchenkunde II, hrsg. von Martin Illert und Andriy Mykhaleyko, Paderborn: Brill | Schöningh 2026, S. 94–107.

Daniel Heinz: Hans-Christian Diedrich – Protestantische Kirchen in Russland und ökumenische Ostkirchenkunde im Kontext des Leidens und der Verfolgungsgeschichte im 20. Jahrhundert, in: Perspektiven der Ostkirchenkunde II, hrsg. von Martin Illert und Andriy Mykhaleyko, Paderborn: Brill | Schöningh 2026, S. 182–195.

Daniel Heinz: Die Frauenordination bei den Siebenten-Tags-Adventisten, in: Handbuch der Geschichte der Frauenordination in Deutschland, hrsg. von Gisa Bauer und Susanne Schuster, Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH & Co KG 2025, S. 319–325.

Heinrich Johannes Löbsack/Genrich Ivanovic Lebsak (1870–1938?), Wolgadeutscher Pastor, Kirchenpräsident und Märtyrer der Adventisten in der Sowjetunion. Spurensuche eines Archivars, in: Heimatbuch, hrsg. von Landsmannschaft der Deutschen aus Russland,  Stuttgart 2025, S. 36–58.

Daniel Heinz, Ich glaube allem, was geschrieben steht. Bibeltreue, Bibelverständnis und Bibelkritik. ATS – Biblische Orientierungshilfe, Nr. 16, Rudersberg 2024.

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