Die ersten Wochen

04. Nov. 2018 / Lernen & Studieren

Meine ersten Wochen in Friedensau sind um. Es ist stressig, der ‚normale‘ Unterricht neben Griechisch hat angefangen. Alles sehr interessant (logisch, sonst hätte ich mich nicht für diese Studium entschieden), doch langsam, aber sicher sammelt sich in meinem Kopf eine riesige Liste mit Lesenachweisen, Rezensionen, Musikorganisation und Arbeit. Am Ende des ersten Monates habe ich das Gefühl, nie fertig zu werden. Ich bin demotiviert, weil alles nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Meine Griechisch-Tests haben mehr Korrekturstift als Druckertinte auf dem Papier. Ich mache leidenschaftlich gern Musik und engagiere mich neuerdings für den Kinderchor, der lautstärkemäßig aus mindestens 50 Kindern bestehen muss, es aber eigentlich nur 10 sind. Ich bin heiser. Jeder Mensch, dem ich auf dem Campus entgegenkomme, fragt mich, ob ich Zeit hätte, am Sabbat Musik zu machen, ob ich übersetzen, ob ich dies oder das erledigen könne. Und an den meisten Dingen habe ich sogar Spaß. Deshalb sage ich ja.

Bild der THH Friedensau

Die Besinnungswoche steht bevor, und ich werde gefragt, ob ich einen Tag die Musikorganisation übernehmen möchte. Ich sage ja, denn das bekomme ich auch noch hin. Die griechischen Übungssätze mache ich danach. Oder gar nicht mehr. Ich beginne die Band zusammenzusuchen. Das 1Year4Jesus-Team ist zurzeit hier in Friedensau, das kann ich bestimmt in Anspruch nehmen. Gut. Eine Woche davor steht die Band endlich fest und auch mit der Liederauswahl bin ich zufrieden. Wenn ich von der Probe in mein Zimmer gehe, höre ich zuerst Lara, die mich fragt: „Sag mal, Itje …? Was hast du in Satz 134? Ist das ein Adjektiv oder so? Ich finde das Wort nicht.“ Ich antworte ziemlich genervt, dass ich bis gerade eben bei einer Probe war und es leider noch nicht fertiggebracht habe, die Sätze zu bearbeiten. „Ach so. Vielleicht solltest du das mit der Musik doch lassen?“ Darauf antworte ich nicht. Man kann mir nicht auch noch meine Leidenschaft nehmen.

Die Besinnungswoche findet immer abends statt, von 19:30 bis circa 21:30 Uhr. Danach folgen mindestens zwei Stunden Griechisch. Die Bibel lese ich nicht mehr vor dem Einschlafen, aber das Gebet bleibt bestehen. Kraft und Durchhaltevermögen sind die Dinge, um die ich Gott bitte.

Am nächsten Morgen fühle ich mich doch ganz ausgeruht, und das erste, was meine Stimmung schon wieder ein Stück nach unten sacken lässt, ist das Wetter. Echtes Herbstwetter: Regengraue Wolken schieben sich den gesamten Tag über den Himmel. Ab und zu nieselt es, und die Blätterfarben ändern sich von bunt zu braun und rot. Es ist bedrückend, sich dann auch noch gut fühlen zu wollen. Friedensau wird zu einem Friedhof. Tote Blätter, tote Motivation, totes Gras, ein toter Campus. Viele ACA- Studenten sind häufig weg übers Wochenende, wodurch der Campus noch leerer wirkt. Am Abend vor meinem Musikauftritt rede ich mit der Sprecherin über die Musikauswahl. Schlechte Idee, denn sie möchte andere Lieder. Wut und Enttäuschung kochen in mir hoch, aber ich füge mich, und wir spielen andere Lieder. Am Abend kommt jemand auf mich zu und fragt, ob ich die Übersetzung übernehmen könnte. Ich sage zu, denn es gibt niemand anderen. Ich habe also Musikorganisation und Übersetzung an einem Tag.

Der Abend läuft gut, alles funktioniert und ich falle todmüde ins Bett, natürlich, nachdem ich Griechisch gemacht habe.

Bild der THH Friedensau
Itje Zepnik
Theologiestudentin